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Leser stellen sich vor«Ich weiss nicht, wohin mich der Wind bringt»

Seit Februar 2014 weiss Patric Lengacher nicht mehr, welcher Wochentag gerade ist: Mit seinem Segelschiff bereist der 28-Jährige die Karibik.

von
G. Hummel
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Patric Lengacher erzählt in den folgenden Bildern von seiner Langzeitreise mit dem Segelschiff. «Der erste Tag als Eigner meiner Southern Mist. Gleichbedeutend mit meinem ersten eigenen Zuhause. St. Petersburg, Florida, USA.»

Patric Lengacher erzählt in den folgenden Bildern von seiner Langzeitreise mit dem Segelschiff. «Der erste Tag als Eigner meiner Southern Mist. Gleichbedeutend mit meinem ersten eigenen Zuhause. St. Petersburg, Florida, USA.»

«Testschläge segeln auf der Bucht von Tampa, Florida, USA.»

«Testschläge segeln auf der Bucht von Tampa, Florida, USA.»

«Bei Sonnenuntergang mit Kurs auf Kuba, begleitet von Delfinen. Die erste Offshore-Passage.»

«Bei Sonnenuntergang mit Kurs auf Kuba, begleitet von Delfinen. Die erste Offshore-Passage.»

Im Rahmen der Serie «Leser stellen sich vor» haben sich in den letzten Wochen Langzeitreisende vorgestellt, die mit dem VW-Büssli unterwegs sind, mit drei kleinen Kindern oder auch nur mit dem Rucksack. Patric Lengachers Wohnort ist seit eineinhalb Jahren das Meer. So lange ist der 28-Jährige bereits mit seinem Segelschiff in der Karibik unterwegs.

Patric, warum reist du mit dem Segelschiff?

Es war mein Traum, mit einem Segelschiff unterwegs zu sein. Es ist schön, das eigene Zuhause dabei zu haben. Es hat manchmal etwas Abenteuerliches und man erreicht Orte, an die man sonst nicht hinkommt. Ohne Treibstoff längere Distanzen zu überwinden, ist ebenfalls ein reizvoller Punkt. Da man einen privaten Rückzugsort hat und nicht wie bei einer Rucksackreise jeden Tag ein- und auspacken muss, ist man auch weniger ausgelaugt.

Wo befindest du dich jetzt?

Ich bin seit fünf oder sechs Wochen in Isla Mujeres, Mexiko. Ich hatte Besuch von meinen Eltern, erledigte ein paar Dinge am Boot und warte nun auf Wind beziehungsweise ein Wetterfenster, um nach Belize zu segeln.

Wie hast du dich darauf vorbereitet?

Das Sparen ging zum Glück gut, da ich zum Beispiel nie ein Auto hatte und bei meinen Eltern wohnen durfte. Ich brauchte drei Jahre, um das Segeln von Grund auf zu lernen. Um ein mit der Schweizerflagge geschmücktes Schiff auf dem Meer zu bewegen, benötigt man ja einiges an Scheinen, und es hilft, Erfahrung mitzubringen, statt nur theoretisches Wissen. Verschiedene Wegpunkte waren Binnensegelschein, Hochseeschein, Funkprüfung, Motorbootschein, Skipperkurse und Medizin an Bord und verschiedene Hochseetörns. Ich versuchte auch, möglichst viel segeln zu gehen, was in der Schweiz dank des Angebots von Sailbox einfach und relativ günstig machbar ist.

Gehts auch mal weg von der Karibik?

Der Bootsmarkt in diesem Teil der Welt ist günstig, deshalb startete ich hier. Die Mission «Bootskauf» war für mich dermassen gross, dass ich mir im Voraus nicht wirklich überlegt habe, wohin ich wollte, ausser: in den Süden. Die Karibik ist ein riesiges, traumhaftes Revier. Mir gefällt die spanische Sprache und da ich das Schnorcheln und Tauchen mag, bin ich mit den Wassertemperaturen auch gut bedient. Für die nächsten zwei Jahre – falls ich mir den Spass noch so lange leisten kann – bleibe ich bestimmt noch hier in der Karibik.

Du bist nicht alleine unterwegs, obwohl das so geplant war. Wie ging das?

Ich habe am Anfang der Reise eine Frau getroffen – und wir reisten von diesem Zeitpunkt an zusammen. Das Segeln war für sie total neu, aber sie hat sich als starke und tolle Reisepartnerin herausgestellt. Nun ist sie begeisterte Taucherin und springt als Erste vom Schiff ins Wasser. Wir haben uns jedoch vor kurzer Zeit getrennt und nun geht es allein weiter. Ich bin sehr froh, dass ich für den Start ihre Hilfe hatte und wir sind uns beide einig, dass ich nun bereit fürs Einhandsegeln bin.

Was ist das Wichtigste in deinem Gepäck?

Ganz klar der Werkzeugkoffer.

Was brauchst du nie?

Schuhe und warme Kleider sind im hintersten Winkel verstaut.

Was war das Positivste, das du bist jetzt erlebt hast?

Ganz klar die Segelgemeinschaft. Über einen bestimmten Funkkanal ist man an einem Ankerplatz immer erreichbar, es wird geholfen, wo immer möglich, und das soziale Leben kommt nicht zu kurz. Auch werden Reiserouten verfolgt und wird Ausschau gehalten, falls ein Boot mal nicht auftaucht, wenn es sollte. Wir kamen mal in der Nacht an einen Ankerplatz und wurden am nächsten Morgen direkt von zwei Nachbarn besucht. Sie brachten uns frisches, selbst gebackenes Brot, Zimtrollen und luden uns zum Nachtessen ein.

Dann gibt es natürlich die schönen Momente auf See. Delfine, die in der Bugwelle schwimmen und spielen, der Sternenhimmel weitab jeglicher Küsten und die Biolumineszenz vom Plankton, das bei Anregung zu leuchten beginnt. Es ist auch immer ein spezieller Moment, der einzige Mensch auf einer Insel zu sein.

Was hat dich auf deiner Reise überrascht?

Die mentale Belastung hat mich am meisten überrascht. Ich wusste nicht, dass mich die Verantwortung für ein Schiff so stark mitnehmen würde. Nie in meinem Leben habe ich mich derart unter Stress gefühlt wie am Anfang der Reise. Und ich benötigte nach der ersten Überfahrt eine ganze Woche, um wieder normal schlafen zu können.

Negatives?

Dies war wohl der Verlust eines Nachbarschiffes. Eine Leine ist gerissen und das Schiff trieb aufs Riff. Fünf oder sechs Crews waren die halbe Nacht im strömenden Regen unterwegs, um zu helfen, aber es gelang nicht, das Boot vom Riff zu ziehen. Am nächsten Morgen war es gesunken.

An welchen Ort würdest du sofort zurückkehren?

Das Banco-Chinchorro-Riff vor Mexiko ist toll. Komplett abgelegen, kein Tourismus, kristallklares Wasser und gesunde Riffe.

Was ist anders als erwartet?

Ich bin langsamer unterwegs als gedacht, aber da ich meistens nicht weiss, wohin mich der Wind bringen wird, stört das nicht. Man ist ja nicht nur Kapitän. Bis zu einem gewissen Grad ist man sein eigener Mechaniker, Segelmacher/Näher, Elektriker, Bäcker, Navigator, Meteorologe, Sanitärinstallateur, Schreiner und Zimmermann. Und hoffentlich wird man nie zum eigenen Notarzt.

Womit beschäftigst du dich unterwegs?

Bootsprojekte, Bootsprojekte, Bootsprojekte. Es gibt die nie endende Projektliste. Man sagt: «Ein Schiff beginnt zu sinken, sobald es das Wasser berührt.» Entsprechend gibt es immer etwas zu tun. In Honduras habe ich meinen Divemaster gemacht. Dies soll mir eine Basis bieten, um etwas zu arbeiten. Sonst wird wohl irgendwann das Geld knapp und das Abenteuer ist vorbei.

Welchen Ratschlag gibst du Menschen, die auch gerne so eine Reise antreten wollen?

Man ist niemals fertig mit Vorbereiten. Deshalb muss man irgendwann einfach starten. Egal wie gut man vorbereitet ist, die Lernkuve wird am Anfang trotzdem steil sein. Ich treffe viele Leute, die mein Abenteuer bewundern und sagen, sie würden das auch gerne machen. Wenn man wirklich will, dann kann man. Vielfach ist Geld ein Grund. Aber die Frage ist nur, auf wie viel man verzichten will, um sich einen Traum zu erfüllen.

Alter: 28

Gelernter bzw. Beruf vor der Reise: Chemielaborant

Wohnort in der Schweiz: Sierre/Siders

Reiseroute bisher: USA, Kuba, Mexiko, Belize, Guatemala, Honduras, Kuba, Mexiko

Das ist noch geplant: Belize, Guatemala, Honduras, Panama, Kolumbien. Das sind nur Ideen, keine Pläne.

Unterwegs seit: Februar 2014

Unterwegs bis: Offen

Website:www.patriclengacher.ch (Ist jedoch etwas im Rückstand)

Leser stellen sich vor

Diese Serie dreht sich um das Wichtigste bei 20 Minuten: die Leserinnen und Leser. Jeden Mittwoch wird ein Mitglied der Community vorgestellt. Zu einem monatlich wechselnden Thema erzählen sie aus ihrem Leben. Im Juli und August geht es um Langzeitreisende. Alle Interviews finden Sie hier>>

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