Gewalt an Schiedsrichtern: «Ich weiss, wo du wohnst. Ich bringe dich um»

Publiziert

Gewalt an Schiedsrichtern«Ich weiss, wo du wohnst. Ich bringe dich um»

«Schiris, erzählt uns eure Geschichten!» Auf den Aufruf von 20 Minuten meldeten sich mehr als 50 Unparteiische – mit teilweise haarsträubenden Fällen.

von
sul
Zückt der Schiedsrichter seine Karte, sehen Spieler manchmal nicht nur wörtlich rot.

Zückt der Schiedsrichter seine Karte, sehen Spieler manchmal nicht nur wörtlich rot.

Keystone/AP/Scott Heppell

Martin W.* aus Reinach BL leitete vor einigen Jahren den 3.-Liga-Match zwischen einem Schweizer Team und einer Mannschaft mit Spielern mit kroatischen Wurzeln. Die Partie war hitzig, es ging um den Abstieg. Als der heute 58-Jährige beim Stand von 2:1 für die Schweizer Mannschaft einem kroatischen Spieler die Gelbe Karte zeigte, brannten diesem die Sicherungen durch. «Er schlug mir die Faust ins Gesicht», erzählt der langjährige Schiedsrichter, der bereits über 1000 Partien gepfiffen hat. Darauf sei er zu Boden gegangen. Dass es nicht noch schlimmer gekommen sei, habe er den Mannschaftskollegen des Angreifers zu verdanken. «Sie rissen ihn zurück, sonst hätte ich wohl zusätzlich noch Tritte geerntet», so W.

Die brutale Attacke sei ein Einzelfall in seiner langen Karriere, betont W. «Viel öfter erlebe ich, dass mir Spieler sagen, ich hätte gut gepfiffen.» Als Schiedsrichter müsse man zudem damit rechnen, dass es auf dem Platz hitzig zu- und hergehen könne. «Schon ein bis zwei heikle Entscheide können ein Spiel zum Kippen bringen», weiss W. Aber: Ein gewisses Mass an Emotionen brauche es ganz einfach, findet er. «Nichts ist schlimmer als eine lauwarme Partie.»

«Da kommt man schon ins Rotieren»

Schiedsrichter Thomas M.* erfuhr dasselbe Schicksal wie W. Nachdem er bei einer 4.-Liga-Partie einem Spieler zum zweiten Mal Gelb gezeigt hatte, tickte dieser aus. «Er haute mir fadengerade eins in die Fresse», sagt M. Auf die Faust folgten üble Drohungen. «Ich weiss, wo du wohnst. Ich bringe dich um», habe ihm der Spieler ins Gesicht geschrien. «Da kommt man schon ins Rotieren, wenn man sich so etwas nicht gewohnt ist», sagt der heute 53-Jährige. Ein Einzelfall sei das bei weitem nicht. «An den Weiterbildungen höre ich ständig von Gewalt an Schiedsrichtern», so M.

Der Vorfall habe trotz seiner Brutalität auch etwas Positives bewirkt. Als Schiedsrichter sei er strenger geworden und habe mehr Fingerspitzengefühl entwickelt. Er merke schneller, wenn sich ein Spieler als Querulant entpuppt. «Ich solchen Fällen gehe ich zum Trainer und sage ihm, er solle den Spieler auswechseln, bevor ich ihn selber unter die Dusche schicke», sagt M.

«Das überlebst du nicht»

Die schlimmste aller Geschichten, die Andreas H.* im Fussball erlebt hat, trug sich ebenfalls in der 4. Liga zu. Die Partie im Kanton St. Gallen zwischen einem Schweizer und einem türkischen Team sei von vielen «Nettigkeiten» und harten Fouls geprägt gewesen, erzählt der Schiedsrichter. Vor allem die türkische Mannschaft habe sich immer weniger im Griff gehabt und ihn verbal wie körperlich bedrängt. Ein «eher besonnener Spieler» der türkischen Equipe habe ihn davon abgehalten, einem Spieler die Rote Karte wegen Beleidigung zu zeigen. «Er packte mich am Arm und flüsterte mir ins Ohr, das würde ich nicht überleben», erzählt H. Tragischerweise habe er ihm glauben müssen und die Karte bei sich behalten. Kurz nach diesem Vorfall sei die Mannschaft aufgelöst worden.

Er habe viele weitere Geschichten erlebt, «die erstaunen oder zum Nachdenken anregen», sagt H., der seit 2004 Schiedsrichter ist. Auch er betont allerdings, dass seine Arbeit auf dem Platz in aller Regel geschätzt werde.

Besserwisserische Trainer

Auffallend oft berichten Schiedsrichter auch von Trainern, die sich nicht unter Kontrolle hatten. «Ich musste einmal einen Junioren-Match abbrechen, weil ein Trainer einen gegnerischen Spieler geschlagen hat», erzählt David J.* aus Naters. Und Marco D.* aus Huttwil meint: «Die Trainer motzen immer als erstes.»

Mit einem besserwisserischen Coach hatte auch 2.-Liga-Schiri Peter M.* aus Zürich zu kämpfen. «Der spürte sich überhaupt nicht mehr, brüllte an der Seitenlinie die ganze Zeit rum», erinnert sich der 29-Jährige. Vor dem Anpfiff zur zweiten Halbzeit sei er zur Trainerbank gelaufen und habe sich hingesetzt. «Der Trainer sah mich verdutzt an und fragte, was ich hier machen würde», sagt M. Darauf habe er geantwortet: «Von hier aus sieht man anscheinend alles besser.» Die ganze zweite Halbzeit habe man vom Trainer kaum noch ein Wörtchen gehört.

Tätlichkeiten gegen Schiedsrichter rückläufig

Im Gegensatz zu Beleidigungen und Beschimpfungen sei die physische Gewalt gegen Schiedsrichter in den letzten Jahren zurückgegangen, heisst es beim Fussballverband Bern-Jura (FVBJ) auf Anfrage. Das habe vor allem mit den «massiven Strafen und Bussen» zu tun, die in solchen Fällen ausgesprochen würden, sagt Rolf von Gunten, Leiter des Departements Spielbetrieb beim FVBJ. «Wird ein Schiedsrichter von einem Spieler angegangen, wird dies heute schnell einmal mit zehn Spielsperren geahndet.» Solche Bestrafungen hätten «Signalwirkung».

Auch im Kanton Zürich haben gemäss dem Fussballverband Region Zürich (FVRZ) Auseinandersetzungen – auch Tätlichkeiten gegen Schiedsrichter – in den vergangenen Jahren abgenommen. «Wir sind generell auf gutem Weg», sagte Spielbetrieb-Leiter Willy Scramoncini nach einer Schlägerei, die sich vor wenigen Tagen bei der 3.-Liga-Partie Partie zwischen dem FC Glattal Dübendorf und dem SC Barcelona ereignete. Einzelfälle gebe es leider noch immer.

* Namen der Redaktion bekannt

Deine Meinung