Aktualisiert 12.10.2017 07:57

Protest in Schlieren«Ich werde mich an diese Blutbuche ketten»

Im Zentrum von Schlieren muss eine über 100 Jahre alte Blutbuche bald der Limmattalbahn weichen. Viele Schlieremer sind empört und wollen dies mit einer Petition verhindern.

von
rom
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Im Zentrum von Schlieren wird am 5. Februar eine Rotbuche versetzt.

Im Zentrum von Schlieren wird am 5. Februar eine Rotbuche versetzt.

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Ein so grosser Baum wurde in der Schweiz bisher noch nie an einen anderen Ort transportiert.

Ein so grosser Baum wurde in der Schweiz bisher noch nie an einen anderen Ort transportiert.

Leser-Reporter/Thomas Mathis
Mit Plakaten wehrten sich ...

Mit Plakaten wehrten sich ...

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«Ich muss sterben!» – Plakate unter anderem mit dieser Aufschrift hängen an einer über 100 Jahre alten Blutbuche im Zentrum von Schlieren ZH. Immer wieder bleiben Passanten stehen. Manche zünden sogar Kerzen an oder tragen sich in einem Gedenkbuch ein. Die Tage des Baums sind gezählt – er steht der künftigen Limmattalbahn minimal im Weg. Die Pläne lagen öffentlich auf, allerdings hat niemand Einsprache erhoben.

«Das traurige Schicksal des prächtigen Baums ist leider erst spät ins Bewusstsein der Schlieremer Bevölkerung gerückt», sagt Susanne Porchet, die sich zusammen mit ihrer Schwester Liliane Hagen an vorderster Front für den Erhalt des Baums einsetzt. Sie hätten nichts unversucht gelassen – etwa Baumexperten zugezogen, die Versetzung des Solitärbaums geprüft, Kontakt mit der Limmattalbahn und dem Stadtrat aufgenommen. «Wir haben gekämpft wie die Löwen», sagt Porchet.

«Frust in der Bevölkerung ist riesig»

Die markante, kerngesunde Blutbuche sei ein Schattenspender, eine natürliche Klimaanlage, Staubfilter und entfernt jährlich zirka 6 Tonnen des klimaschädlichen Gases CO2 aus der Atmosphäre», sagt Porchet. Hier habe man sich früher getroffen, um am Dorfbrunnen zu waschen oder das Neuste zu erfahren. Kurz: Dieser Baum gehört laut Porchet kulturgeschichtlich und soziokulturell zu Schlieren: «Doch für die die zuständigen Ämter und Projekt-Verantwortlichen ist er offensichtlich nur ein lästiges Verkehrshindernis – der Frust in der Bevölkerung ist riesig.»

Etwa bei einer weiteren Schlieremerin, die täglich am Baum vorbeispaziert: «Er ist wunderschön», sagt sie und fügt halb ernst, halb scherzhaft an: «Wenn der Förster kommt, werde ich mich an die Blutbuche ketten – sie gehört einfach hierher.»

Ganz geschlagen geben sich die Baumschützer ohnehin nicht: «Noch habe ich einen Funken Hoffnung, dass das scheinbar Unmögliche möglich wird», sagt Porchet. «Eine Petition soll denen eine Stimme geben, die den Altbaum retten wollen und sich für den Erhalt der Natur in unserer Stadt einsetzen.» Sie liegt zur Unterschrift im Bioladen im benachbarten Lilie-Zentrum auf.

«Aufschrei kommt spät»

Für die Blutbuche dürfte die Aktion allerdings zu spät kommen: «Dass sie nicht gefällt wird oder anderweitig gerettet werden kann, ist kaum mehr denkbar», sagt Stadtrat Markus Bärtschiger (SP). «Aber sie könnte als Langzeitwirkung aufzeigen, wie viele Leute hinter dem Wunsch stehen, allen Lebewesen – insbesondere alten Bäumen – die Möglichkeit zu geben, in unserer Mitte zu überleben.»

Baum versetzen, Gleis verschieben – beides hat die Stadt geprüft, wie er sagt: «Rein technisch ist eine Versetzung möglich, doch die Wahrscheinlichkeit, dass der Baum dies überleben würde, ist nicht gross.» Und eine andere Linienführung der Limmattalbahn sei nicht möglich. Gleise, Oberleitung und Perrons bräuchten Platz.

Zudem komme der Aufschrei aus der Bevölkerung mit Blick auf die nicht erfolgten Einsprachen zu spät. «Erst in den letzten Monaten haben sich diverse Bürger bei uns gemeldet – und sogar Unternehmen, die für die Versetzung ungefragt Offerten eingereicht haben», sagt er. Doch die Fällung im November oder Dezember sei unausweichlich.

Denn für den Stadtrat ist das öffentliche Interesse an der Bahn grösser als der Erhalt des Baums. Deshalb hat man die Blutbuche laut Bärtschiger auch aus dem Inventar schützenswerter Bäume entlassen: «Uns ist aber bewusst, wie wertvoll Bäume fürs Klima sind.» Deshalb würden auf dem künftigen Stadtplatz, dort, wo die Blutbuche heute steht, Ersatzbäume gepflanzt. Und nicht nur das: «Wir werden von dieser Blutbuche rund 20 Stecklinge ziehen, von denen einige in Schlieren wieder gepflanzt werden sollen.»

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