Aktualisiert 12.10.2016 12:17

Sozialhilfe-Verzicht«Ich will dem Sozialamt nichts schuldig sein»

Jeder Vierte bezieht in der Schweiz keine Sozialhilfe, obwohl er dazu berechtigt wäre. Leser erzählen, warum sie den Gang aufs Sozialamt scheuen.

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Leserin Maria I. (25) lebt  lieber vom Erbvorbezug der Eltern als vom Kredit des Staats. «Ich will dem Sozialamt nichts schuldig sein, das würde mich psychisch belasten.»

Leserin Maria I. (25) lebt lieber vom Erbvorbezug der Eltern als vom Kredit des Staats. «Ich will dem Sozialamt nichts schuldig sein, das würde mich psychisch belasten.»

ZVG
Längst nicht alle Personen, die Anspruch auf Sozialhilfe haben, beziehen staatliche Unterstützung in Form von Sozialhilfe.

Längst nicht alle Personen, die Anspruch auf Sozialhilfe haben, beziehen staatliche Unterstützung in Form von Sozialhilfe.

Keystone/Laurent Gillieron
Der Wohnort spielt dabei eine Rolle: In Städten verzichten nur 12 Prozent der Anspruchsberechtigten auf Sozialhilfe. In Agglomerationen liegt diese Quote bei 28 Prozent. In ländlichen Gemeinden verzichtet gar jede zweite Person (50 Prozent) auf Sozialhilfe.

Der Wohnort spielt dabei eine Rolle: In Städten verzichten nur 12 Prozent der Anspruchsberechtigten auf Sozialhilfe. In Agglomerationen liegt diese Quote bei 28 Prozent. In ländlichen Gemeinden verzichtet gar jede zweite Person (50 Prozent) auf Sozialhilfe.

Keystone/Alessandro Della Bella

Nicht jeder, der in der Schweiz Anspruch auf staatliche finanzielle Unterstützung hat, nimmt diese auch in Anspruch. Gemäss einer neuen Studie der Berner Fachhochschule verzichten 26,3 Prozent auf den Bezug von Sozialhilfe. Auf dem Land sind es gar 50 Prozent. Der Studie liegen Daten aus dem Kanton Bern zu Grunde.

«Es darf vermutet werden, dass diese Resultate für die ganze Schweiz gültig sind», sagt Studienautor Oliver Hümbelin zum «Tages-Anzeiger». Ob Ausländer oder Schweizer eher den Gang aufs Sozialamt wagen, geht aus der Studie nicht hervor.

«Ich könnte nicht mehr in den Spiegel schauen»

«Viele Leute schämen sich, aufs Sozialamt zu gehen», sagt Dorothee Guggisberg, Geschäftsführerin bei der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (Skos). «Sie wollen Ihre Probleme erst einmal selber lösen. Viele beantragen auch erst nach ein paar Monaten Erwerbsausfall Sozialhilfe, weil sie hoffen, ihre Situation werde sich schnell verbessern.»

Auch Leser von 20 Minuten beziehen keine Sozialhilfe, obwohl sie dazu berechtigt wären. «Ich könnte mich nicht mehr im Spiegel anschauen», sagt zum Beispiel Silvan M.* (25). Er arbeitete bei einer Sicherheitsfirma, die ihn nach einem längeren Spitalaufenthalt entliess. «Meine Chefs haben mich übers Ohr gehauen, gemobbt und versucht, mich rauszuekeln. Dann hat man mich entlassen, als ich zum Kostenfaktor wurde.» Arbeitslosengeld bekomme er keines, da es sich um einen Arbeitsvertrag auf Abruf gehandelt habe. Seit Februar ist M. wegen Depressionen und Schlafstörungen krankgeschrieben.

Dem Staat auf der Tasche liegen will M. jedoch nicht. «Bereits jetzt lebe ich isoliert und gehe nicht an Familienfeste, weil ich mich so sehr dafür schäme, keine Arbeit mehr zu haben.» Er sei 25, habe gute Noten und einen KV-Abschluss. «Ich bin kein Sozialfall.» Er habe bereits wieder eine Stelle gesucht, obwohl er noch krankgeschrieben sei. «Ich ging bei einer Sicherheitsfirma Probearbeiten.» Seine Ersparnisse habe er inzwischen aufgebraucht und sein Auto verkauft. Seine Eltern finanzierten ihn vorerst.

Eltern helfen aus

Leserin Maria I.* (25) lebt ebenfalls lieber vom Geld der Eltern als vom Kredit des Staats. «Mein Ex-Partner war untreu und machte mich psychisch fertig. Seit der Trennung bin ich wegen Depressionen und einer Traumastörung in psychiatrischer Behandlung.» Seither sei sie nicht mehr arbeitsfähig und krankgeschrieben. Momentan lebt sie vom Erbvorbezug ihrer Eltern. «Ich will dem Sozialamt nichts schuldig sein, das würde mich psychisch belasten.»

Leser Rolf L.* (48) dagegen bezog sechs Monate lang Sozialhilfe und ist froh, dass diese Zeit vorbei ist. Er sei nach mehreren Unfällen arbeitsunfähig geworden, trage eine Prothese. «Das Sozialamt wollte jeden Rappen meiner Ausgaben protokollieren, alles musste bewilligt werden. Ich fühlte mich nicht mehr als freier Mensch.» Auf dem Amt sei er schikaniert worden. «Sie wollten mir mein Auto wegnehmen.» Dank einem Jobprogramm der IV konnte er sich zur Bürokraft umschulen lassen und arbeitet nun wieder Teilzeit.

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