Extinction Rebellion: «Ich will den Kindern in die Augen schauen können»
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Extinction Rebellion«Ich will den Kindern in die Augen schauen können»

Extinction Rebellion kämpft seit heute weltweit mit «zivilem Ungehorsam» fürs Klima. Der Schweizer Aktivist Serge Miserez (41) sagt, wie weit er dafür gehen würde.

von
mg
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Stanley Johnson, father of Prime Minister, Boris Johnson, joins protesters in Trafalgar Square during the third day of an Extinction Rebellion (XR) protest in Westminster, London. (Photo by Jonathan Brady/PA Images via Getty Images)

Stanley Johnson, father of Prime Minister, Boris Johnson, joins protesters in Trafalgar Square during the third day of an Extinction Rebellion (XR) protest in Westminster, London. (Photo by Jonathan Brady/PA Images via Getty Images)

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Gut eingepackt blockieren Demonstranten die Marschall Brücke in Berlin. Es wird ein weiteres grosses Verkehrschaos befürchtet.

Gut eingepackt blockieren Demonstranten die Marschall Brücke in Berlin. Es wird ein weiteres grosses Verkehrschaos befürchtet.

Christian Mang
Auch die Berliner Mühlendammbrücke wird besetzt.

Auch die Berliner Mühlendammbrücke wird besetzt.

Christian Mang

Heute protestieren Klimaaktivisten auf der ganzen Welt – ausser in der Schweiz. Warum nicht?

In der Schweiz hatten wir bereits im September eine Woche mit Aktionen in verschiedenen Schweizer Städten. Dabei wurde etwa die Limmat in Zürich grün eingefärbt, durch Luzern zog ein

Trauermarsch und in Lausanne wurden Strassen und Brücken blockiert. Diese internationale Rebellion konzentriert sich auf die

grossen Hauptstädte. Die Aktionen müssen zudem sehr sorgfältig geplant werden, damit sie sicher und friedlich ablaufen. Das bedeutet einen hohen Zeitaufwand.

Was will Extinction Rebellion?

Extinction Rebellion hat drei Ziele: Erstens muss die Wahrheit über die Klimakatastrophe in den Fokus der Öffentlichkeit geraten. Die Leute sollen erfahren, was mit der Klimaerhitzung alles auf sie zukommt. Zweitens müssen Bundesrat und Parlament sofortige Massnahmen treffen und drittens soll sich die Politik

von den Entscheidungen von Bürgerversammlungen leiten lassen.

Klimaaktivisten haben heute Strassen gesperrt und sich an Autos angekettet. Menschen müssen im Stau stehen, kommen zu spät zur Arbeit, verpassen Termine. Ist der Protest der richtige Weg?

Das ist uns unangenehm. Aber leider ist es notwendig. Die Auswirkungen der Klimakrise sind viel dramatischer. Laut dem Weltklimarat müssen wir bis 2040 die Treibhausgas-

emissionen auf netto null absenken, um keine Erderwärmung um über 1,5 Grad zu riskieren.

Wie weit würden Sie fürs Klima gehen?

Petitionen, Initiativen und Demonstrationen gab es viele und sie hatten nur zum Teil einen Effekt. Deshalb sehe ich zivilen Ungehorsam als letztes Mittel und nehme dafür auch eine Busse in Kauf. Dabei ist Gewaltfreiheit oberstes Ziel. Dafür halten wir sogar Kurse ab.

Würden Sie sich fürs Klima an ein Auto ketten?

Ich persönlich nicht. Aber darum geht es auch nicht. Solche Aktionen retten das Klima nicht, das wissen wir. Aber wir können nicht weitermachen mit Business as usual. Solche Aktionen sind leider notwendig, weil sonst einfach nicht auf die Wissenschaft gehört wird.

«Extinction Rebellion will Öko-Regime: Rebellen nehmen Wirtschaftskollaps in Kauf», titelte heute Focus. Pflichten Sie bei?

Nein. Extinction Rebellion möchte den Gesamtkollaps verhindern. Es ist klar, dass sich dafür die Wirtschaft sehr schnell ändern muss. Untätigkeit wird für die Wirtschaft und die Gesellschaft noch viel drastischere Folgen haben – es drohen Hungersnöte und Massenvertreibungen ungeahnten Ausmasses. Und das wollen wir verhindern. Es geht ums Leben, nicht um die Wirtschaft.

XR fordert, die Emission von Treibhausgasen bis zum Jahr 2025 auf null zu senken. Diese Forderung liesse sich in so kurzer Zeit wohl nur um den Preis eines wirtschaftlichen Zusammenbruchs der Industrieländer verwirklichen. Wäre es das wert?

Wichtig ist, dass wir sofort mit ernsthaften Massnahmen beginnen. Je später wir beginnen, desto schneller

muss es dann gehen und desto grösser ist das Risiko für Chaos.

Eine der Forderungen von Extinction Rebellion sind Bürgerversammlungen. Wollen Sie die bestehende Demokratie abschaffen?

Im Gegenteil, es ist ein Schritt zu mehr Basisdemokratie. Personen werden per Losverfahren ausgewählt, um unter Zuhilfenahme von Wissenschaftlern bindende Entscheide zu fällen. Wir wollen mehr Demokratie und weg von einer Lobbyisten-Demokratie.

Warum sind Sie in der Klimabewegung so engagiert?

Weil uns inzwischen praktisch die gesamte Wissenschaft eindringlich auffordert, sofort zu handeln. Und ich habe selbst Kinder. Ich möchte ihnen später in die Augen schauen können.

Inwiefern leben Sie klimabewusst?

Wie viele andere versuche ich es. Trotzdem sind wir weit entfernt von klimaneutral. Die Möglichkeiten als Person sind allerdings stark eingeschränkt. Wir haben es uns als Gesellschaft mit Öl, Kohle und Gas gemütlich gemacht. Davon müssen wir als

Gesellschaft weg.

Sind in der Schweiz weitere Aktionen geplant?

Selbstverständlich, es werden weitere Aktionen in der Schweiz stattfinden. Das Problem der Klimaerhitzung wird täglich grösser, und die Regierung unternimmt nichts.

Extinction Rebellion

Die soziale Bewegung Extinction Rebellion (kurz XR, Rebellion gegen das Aussterben) setzt sich gegen das Massenaussterben von Fauna, Flora und möglicherweise auch der Menschheit als Folge der Klimakrise ein. Ihre drei Forderungen lauten:

- Tell the Truth (Sagt die Wahrheit): Die Wahrheit der Klimaveränderung soll öffentlich werden. Der Klimanotstand soll ausgerufen werden.

- Act Now (Handelt jetzt): Bis zum Jahr 2025 soll die Netto-Null-Treibhausgas-Emission erreicht und das Artensterben gestoppt werden.

- Beyond Politics (Politik neu leben): Die Regierungen berufen Bürgerversammlungen ein, die ausarbeiten, wie die genannten Ziele erreicht werden.

XR wurde im Oktober 2018 in England gegründet und zählt nach eigenen Angaben weit über 100'000 Menschen in ca. 350 Gruppen und 65 Ländern. Auch in der Schweiz gibt es gut ein Dutzend Gruppen.

XR nutzt bei ihren Aktionen zwar zivilen Ungehorsam, setzt aber auf Gewaltfreiheit.

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