Abschied vor dem Tod: «Ich will meine Beerdigung selber miterleben»
Aktualisiert

Abschied vor dem Tod«Ich will meine Beerdigung selber miterleben»

Grabrede, Lieder, Tränen und Umarmungen - nichts unterscheidet David Tsengs Beerdigung von zahllosen anderen auf der Welt. Mit einer Ausnahme: Er ist noch am Leben.

von
Amber Wang
AFP

Tseng ist erst 25 Jahre alt, doch er sitzt im Rollstuhl und ist im letzten Stadium einer genetisch bedingten Muskelerkrankung, die ihn seit seiner Kindheit lähmt, und für die es keine Heilung gibt. «Ich weiss nicht, wie viele Tage mir noch bleiben, deshalb habe ich mich dazu entschlossen, meine Beerdigung selbst mitzuerleben», sagt er.

Tseng ist nicht allein. In Taiwan ist ein Trend entstanden: Schwer Kranke, deren Tod bevorsteht, nehmen noch zu Lebzeiten Abschied. «Ich habe beschlossen, selbst meinen letzten Willen zu verkünden», erzählt Tseng von der Trauerfeier, zu der er Ende September einlud.

«Nach dem Tod will ich meinen Körper der Medizin zur Verfügung stellen.» Der junge Mann, der aus der südlichen Stadt Kaohsiung stammt, nahm feierlich Abschied von seiner Familie und einer Gruppe von Ärzten und Studenten.

«Was im Leben zählt, ist sein Wert, nicht die Dauer. Deshalb sollten wir die Zeit nutzen, die wir haben, und etwas Sinnvolles damit anfangen,» sagte Tseng der Trauergemeinde, während sich seine Mutter die Tränen aus dem Gesicht wischte.

Angst vor dem Tod besiegen

Auch der 85-jährige Kardinal Paul Shan zählt zu den Verfechtern des Abschieds zu Lebzeiten. Ende 2007 begab er sich mit einer Reihe von Reden über seinen Kampf gegen den Lungenkrebs auf eine «Abschiedstour».

Kranke sollten dabei unterstützt werden, ihre Angst vor dem Tod zu besiegen und sich von ihren Angehörigen zu verabschieden, sagt Chou Chin-huar, der Vorsitzende einer gemeinnützigen Krebsorganisation, die das Konzept fördert. Manche wollten nach ihrem Tod auf eine weitere Trauerfeier verzichten, sagt Chou.

«Wer seine Grabrede noch zu Lebzeiten hört, sieht dem Tod vielleicht leichter ins Auge», sagt Chou. Den Eindruck hat auch Tsengs Vater. Dem jungen Mann sei es danach besser gegangen, berichtet er. «Die Reaktionen waren überwältigend. Viele riefen an oder kamen, um David zu unterstützen, das gab ihm neuen Mut», sagt Sam Tseng.

Der Tod war ein Tabu

Der neue Umgang mit dem Tod belegt eine wachsende Offenheit in Taiwan, einem Land, das innerhalb von nur zwei Generationen den Sprung von einer traditionellen zu einer modernen Gesellschaft gemacht hat.

Früher galt es als Unglück, bloss über den Tod zu sprechen. Es war ein grosses Tabu, noch zu Lebzeiten die eigene Bestattung vorzubereiten. «Heute sind mehr Menschen dazu bereit, über den Tod zu sprechen, ihr Testament zu machen und ihr Begräbnis zu organisieren», sagt Yang Kuo-chu, Sozialwissenschaftler an der Universität von Nanhua.

In jüngster Zeit werde auch in den Schulen vermehrt über Sterben und Tod gesprochen. Zudem werde auch von den Behörden eine rechtzeitige Planung empfohlen, um Erbstreitigkeiten zu vermeiden. Der Abschied noch zu Lebzeiten helfe, das Todestabu zu brechen.

Tseng wiegt nur noch 23 Kilogramm, wird künstlich beatmet und kann das Bett nicht mehr verlassen. Er sagt, er sei auf den letzten Moment vorbereitet: «Ich bin mit mir im Reinen», sagt er, «wenn es soweit ist, soll meine Familie eine Cocktailparty geben, um meinen Abschied zu feiern.»

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