Aktualisiert 16.05.2007 12:36

«Ich will mich des Vertrauens der Franzosen würdig erweisen»

Nicolas Sarkozy hat sich nach der Übernahme der französischen Präsidentschaft am Mittwoch in einer ersten Ansprache an die Bevölkerung gewandt.

Dabei sagte er laut einer inoffiziellen Übersetzung der Nachrichtenagentur AP unter anderem:

«Meine Damen und Herren. An diesem Tag, an dem ich offiziell meine Funktionen als Präsident der Republik übernehmen, denke ich an Frankreich, dieses alte Land, das so viele Prüfungen durchlaufen hat und immer wieder aufgestanden ist. Das Land, das immer für alle Menschen gesprochen hat. Nun habe ich die schwere Aufgabe, Frankreich vor den Augen der Welt zu vertreten.

Ich denke an alle meine Vorgänger als Präsident der fünften Republik. An General de Gaulle, der die Republik zwei Mal gerettet hat. Und der Frankreich seine Souveränität und dem Staat seine Würde und Autorität zurückgegeben hat.

An Georges Pompidou und Valéry Giscard d'Estaing, die so viel getan haben, damit Frankreich in die Moderne eintritt.

An François Mitterrand, der die Institutionen bewahrte und den politischen Wandel verkörperte. Und dies in einem Moment, in dem es notwendig war, damit die Republik für alle Franzosen erhalten blieb.

An Jacques Chirac, der zwölf Jahre für den Frieden arbeitete und die universellen Werte Frankreichs in der Welt zum Strahlen brachte. Ich denke an seine Rolle, um den Menschen die Bedrohung der ökologischen Katastrophe und die Verantwortung eines jeden für die künftigen Generationen bewusst zu machen.

(...)

Ich denke mit Ergriffenheit an die Erwartung, an die Hoffnung, an das Bedürfnis zum Glauben an eine bessere Zukunft. Diese haben sich so stark im Wahlkampf ausgedrückt.

Ich denke mit grossem Ernst an das Mandat, das mir das französische Volk anvertraut hat, an die grosse Anforderung, die es in sich trägt und die ich nicht enttäuschen darf.

Die Forderung nach einer Einigung der Franzosen, denn Frankreich ist nur stark, wenn es geeint ist, und heute muss es stark sein, um die vor ihm liegenden Aufgaben zu bewältigen. An die Forderung, das gegebene Wort zu halten (...), denn nie war das Vertrauen so zerbrechlich. Die moralische Aufgabe, denn die Krise der Werte war nie so tief wie heute. Nie war das Bedürfnis so gross, Orientierungspunkte wiederzufinden.

Ich denke an die Forderung, Werte wie Arbeit, Anstrengung, Verdienst und Respekt zu rehabilitieren. Diese Werte sind das Fundament für die Würde des Menschen und die Bedingung für sozialen Fortschritt.

Ich denke an die Forderung nach Toleranz und Öffnung, denn nie waren Intoleranz und Sektierertum so zerstörerisch. Nie war es so notwendig wie heute, dass alle Frauen und alle Männer guten Willens ihre gemeinsamen Talente, ihre Intelligenz und ihre Zukunftsideen einbringen.

Ich denke an die Forderung nach Veränderung, denn nie war die Unbeweglichkeit so gefährlich für Frankreich wie in der Welt permanenten Umbruchs, in der sich jeder müht, sich schneller zu verändern als die anderen. In der jede Verspätung verhängnisvoll und uneinholbar werden kann.

Ich denke an die Forderung nach Sicherheit und Schutz, denn es war nie so notwendig, gegen die Angst vor der Zukunft und gegen das Gefühl der Verletzlichkeit zu kämpfen, die die Initiative und Risikobereitschaft entmutigen.

Ich denke an die Forderung nach Ordnung und Autorität, denn wir haben der Unordnung und Gewalt zu weit nachgegeben, die den Schwachen und Verletzlichen am meisten schaden.

Ich denke an die Forderung nach Ergebnissen, denn die Franzosen haben genug davon, dass sich in ihrem Leben nichts verbessert. Sie haben genug von Opfern, die man ihnen auferlegt, ohne jedes Resultat.

Ich denke an die Forderung nach Gerechtigkeit, denn schon lange haben die Franzosen nicht eine so starke Ungerechtigkeit empfunden, ein Gefühl gehabt, dass die Opfer nicht gleich verteilt und die Rechte nicht für alle gleich waren.

Ich denke an die Forderung, mit der Verhaltensweise der Vergangenheit zu brechen, mit den Denkgewohnheiten und dem intellektuellen Konformismus, denn die zu lösenden Probleme waren noch nie so neu.

(...)

Das Volk hat mir ein Mandat anvertraut. Ich werde es erfüllen, peinlich genau, mit dem Willen, mich des Vertrauens der Franzosen würdig zu erweisen.

Ich werde die Unabhängigkeit und Identität Frankreichs verteidigen.

Ich werde über den Respekt für die Autorität des Staates und seine Überparteilichkeit wachen.

(...)

Ich werde für ein Europa kämpfen, das schützt.

Ich mache aus der Verteidigung der Menschenrechte und dem Kampf gegen den Klimawandel die Prioritäten der französischen Aussenpolitik in der Welt.

(...)

Ich bin überzeugt, dass es im Dienste Frankreichs keine Lager gibt.

(...)

Ich sage all denen, die dem Land dienen wollen, dass ich bereit zur Zusammenarbeit mit ihnen bin und dass ich von ihnen nicht eine Verleugnung ihrer Überzeugungen verlange, einen Verrat ihrer Freunde oder das Vergessen ihrer Geschichte. Es ist an ihnen - als freie Menschen - zu entscheiden, wie sie Frankreich dienen wollen.

Am 6. Mai gab es nur einen Sieg, den Frankreichs, das nicht sterben will, das die Ordnung will aber auch die Bewegung, das den Fortschritt will aber auch die Brüderlichkeit, das die Effizienz will aber auch die Gerechtigkeit, das eine Identität will aber auch eine Öffnung.

Am 6. Mai gab es nur einen Sieger, das französische Volk, das sich nicht aufgeben will, das sich nicht in die Unbeweglichkeit und den Konservatismus einschliessen lassen will, das nicht will, dass man an seiner Stelle entscheidet und denkt.

Ich sage diesem Frankreich, das weiterleben will, das nicht aufgeben will, das unsere Liebe und unseren Respekt verdient: Ich bin entschlossen, es nicht zu enttäuschen.

Es lebe die Republik.

Es lebe Frankreich.» (dapd)

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