Aktualisiert 24.07.2011 04:21

16-Jähriger überlebt Blutbad«Ich will nicht, dass dieser Typ gewinnt»

Edvard (16) wollte nur eine schöne Sommerwoche erleben. Doch jetzt sind viele seiner Freunde tot. Als das Massaker begann, dachte er zunächst, «jemand zündet ein Feuerwerk».

von
Ulrich Krätzer
AP
Auge in Auge mit dem Massenmörder: Der 16-jährige Edvard und der Attentäter von Utoya.

Auge in Auge mit dem Massenmörder: Der 16-jährige Edvard und der Attentäter von Utoya.

Es sollten fünf schöne Tage werden, doch für Edvard wurde es die Hölle auf Erden. Er ist erst 16, doch wenn er von den Ereignissen des vergangenen Tages erzählt, wirkt er älter, sehr gefasst, aber doch so, als wüsste er bereits, dass er das, was er und viele seiner Freunde an diesem 22. Juli 2011 auf der Insel Utoya erlebt haben, wohl nie vergessen wird.

Als die Tragödie begann, schlief Edvard. «Ich dachte zuerst, jemand zündet ein Feuerwerk», sagt er. Doch dann schrien seine Freunde, zerrten ihn aus dem Bett, und als Edvard aus dem Zimmer gerannt war, die Schüsse gehört hatte und gesehen hatte, wie Mädchen und Jungen blutüberströmt vor ihm lagen, wusste er, dass es kein Feuerwerk war. «Ich bin gerannt, immer weiter gerannt, bestimmt fünf Minuten nur gerannt», sagt er.

Warum der Täter das machte, ist für Edvard zweitrangig

Dass der Schütze sich als Polizist ausgegeben, sich das Vertrauen der Gruppe erschlichen hatte und dann unvermittelt anfing, wahllos um sich zu schiessen, haben Edvards Freunde ihm erst nachher erzählt. Doch die Hintergründe der Tat, die Frage, warum der offenbar rechtsextrem gesinnte Andreas Behring B. sich entschloss, Oslo und die Jugendgruppe auf Utoya in Angst und Schrecken zu versetzen, all das ist für Edvard noch zweitrangig.

Mehr als 85 Menschen starben, auch viele seiner Freunde sind tot. Wie viele es sind, weiss Edvard noch nicht. «Einen meiner besten Freunde hat immer noch niemand gefunden, ein anderer liegt mit einem Bauchschuss im Krankenhaus. Und von vielen weiss ich, dass sie tot sind», sagt Edvard. Er selbst konnte fliehen. Er schaffte es bis zum Wasser, dachte nicht nach, sondern sprang hinein und schwamm in Richtung des rettenden Festlandes. Ein Boot mit Hilfskräften nahm ihn auf.

«Er hat immer wieder geschossen»

Nun steht er da, auf dem Parkplatz des Hotels Sundhoven, eine kleine Papiertüte mit seinen Sachen in der Hand, und sagt, dass er jetzt nach Hause gehen würde. Er ist nicht einmal verletzt, zumindest nicht äusserlich. Doch den Anblick seiner toten oder verletzten Freunde, das Knallen der Schüsse und vor allem die Stimme von B. wird er wohl so schnell nicht vergessen.

«Dieser Typ war ganz ruhig», sagt Edvard. «Er hat immer wieder geschossen, und als wir wegliefen, hat er ganz ruhig gerufen ‹kommt zurück, lasst mich spielen›.»

Der norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg war als Kind auch in einem Ferienlager auf Utoya. «In meiner Erinnerung war es das Paradies», hat er am Samstag gesagt, wie eine CNN-Reporterin erzählt. «Nun wurde es zur Hölle.»

Edvard sagt, er würde jederzeit wieder bei einem Ferienlager auf Utoya mitmachen. «Ich will nicht, dass dieser Typ gewinnt.»

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