Aktualisiert 28.12.2017 11:29

MGTOW-Männer erzählen

«Ich will nie wieder eine Frau in meinem Leben»

Schweizer Männer erzählen, warum sie Beziehungen zu Frauen abgeschworen haben, und wie sie ihr Leben gestalten.

von
the/dk
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36 Prozent der Leser von 20 Minuten bezeichnen sich als Männer, die Frauen abgeschworen haben. Drei von ihnen erzählen aus ihrem Leben. (Symbolbilder)

36 Prozent der Leser von 20 Minuten bezeichnen sich als Männer, die Frauen abgeschworen haben. Drei von ihnen erzählen aus ihrem Leben. (Symbolbilder)

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«Ich will nie wieder eine Frau in meinem Leben», sagt Leser M. nach einer schwierigen Scheidung.

«Ich will nie wieder eine Frau in meinem Leben», sagt Leser M. nach einer schwierigen Scheidung.

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«Ich helfe Frauen nicht einmal, den Weg zu finden oder den Kinderwagen aus dem Zug zu tragen», sagt Leser S.

«Ich helfe Frauen nicht einmal, den Weg zu finden oder den Kinderwagen aus dem Zug zu tragen», sagt Leser S.

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Ein Leben ohne feste Bindungen mit Frauen, das ist das Ideal der Männer, die der MGTOW-Bewegung angehören. Das Kürzel steht für «Männer, die ihren eigenen Weg gehen» (siehe Box). In einer nicht repräsentativen Umfrage von 20 Minuten bezeichnen sich 42 Prozent der Leser als Männer, die diesen Lebensstil pflegen. Drei davon erläutern ihre Beweggründe und erzählen von ihrem Leben ohne Frau.

Sven S.* (31): «Für eventuelle Damen habe ich einen Vertrag bereit»

S. lebt seit 5 Jahren als MGTOW, er will keine Kinder und keine feste Beziehung. «Ich helfe Frauen nicht einmal, den Weg zu finden oder den Kinderwagen aus dem Zug zu tragen.» Der Grund für seine Ablehnung gegenüber Frauen: «Heute bin ich als Mann nicht mehr respektiert. Ich bin nur der potenzielle Vergewaltiger, Pädophile oder Gewalttäter.» Männer brauchten keine Frauen mehr, da die Unterhaltungsmöglichkeiten heute dank Internet und Wirtschaft enorm seien und Prostitution auch erlaubt sei.

Auf Sex verzichte er aber nicht. «Ich habe mich sterilisieren lassen und für eventuelle Damen einen Vertrag zum Unterschreiben bereit.» Dieser bestehe aus einer Einwilligung zu den verwendeten Sexualpraktiken, beide würden das Papier vor dem Sex unterzeichnen. So will sich S. vor Vergewaltigungsvorwürfen schützen. Wenn ihn die Hormone zwingen würden, gehe er ins Puff. «Sobald es annehmbare Sex-Roboter gibt, werde ich auch diese nutzen, um mir das Geld fürs Puff zu sparen.»

Ohne Frau brauche er auch keinen 100-Prozent-Job mehr, um mit grosser Wohnung, dickem Auto und neuer Kleidung Eindruck zu schinden. «Ich nutze meine Freizeit praktisch komplett für Forschungen an meinen Projekten im Bereich Nahrungsmittel, um die Welt eines Tages in etwas Besseres zu verwandeln.» Der MGTOW-Lifestyle ermögliche es ihm, ein freies Leben zu führen, «ohne den Risiken von Frau, Staat und Gesetzen ausgeliefert zu sein und wie ein Hamster brav im Rad zu rennen».

Christoph G.*(38): «Ich hatte seit 2005 keinen Sex mehr und ich vermisse nichts»

G. hatte seit der zweiten Klasse immer «mindestens eine Freundin». Mit etwa 18 Jahren seien die Beziehungen aber ernster geworden und er sei fünf Jahre lang mit einer Frau zusammen geblieben. «Diese machte dann aber Schluss – und wie sie es tat. Die Umstände damals waren alles andere als schön. Es endete für mich in einer Lebenskrise.» Er habe es dann noch etwa zwei Jahre lang mit fünf bis sechs anderen Frauen versucht. «Es war aber nicht mehr dasselbe wie mit dieser einen.»

Im Jahr 2005 habe er darum mit Frauen komplett abgeschlossen. «Ich hatte seither keinen Sex mehr und vermisse überhaupt nichts. Im Gegenteil, ich geniesse es, jederzeit tun und lassen zu können, was ich will, ohne dass irgendeine nervige Freundin motzt.» Er habe auch kein Puff besucht, obschon er Geld dafür habe. «Sex vermisse ich zuallerletzt, obwohl ich im Alter von 16 bis 25 Jahren wahrscheinlich sogar regelrecht sexsüchtig war.»

Jonas M.* (34):«Meine Ex-Frau erzählte herum, ich hätte einen kleinen Penis»

«Ich bin auch einer dieser Männer, die nichts mehr mit Frauen am Hut haben wollen», sagt M. Der Grund: seine Ex-Frau. Diese habe ihn bei der Scheidung abgezockt. «Ich habe alles verloren: Frau, Kinder und Haus.» 4000 Franken Alimente zahlt M. nun jeden Monat. Zum Leben bleiben ihm nicht einmal 3000 Franken. Er arbeite zwölf Stunden pro Tag in zwei Jobs als Mechaniker und Lagerist. «Ich esse beinahe jeden Tag Nudeln mit Aromat, um durchzukommen.» Er könne seinen Kindern, die bei seiner Ex lebten, nun nicht einmal zu Weihnachten etwas Schönes schenken.

Die Scheidung sei für ihn der Horror gewesen. «Überall machte mich meine Ex zur Schnecke. Sie erzählte herum, ich hätte einen kleinen Penis, und sie lebe nun mit einem richtigen Mann zusammen.» Seitdem halte er sich von Frauen fern. «Neben der Arbeit mache ich viel Sport und laufe Marathon. Das hilft mir in den schlimmen Tagen.»

Einige Jahre müsse er noch durchhalten und Alimente zahlen. Auch danach sei aber klar: «Ich will nie wieder eine Frau in meinem Leben.» Er gehe zu keinen Dates mehr und vertraue aus Prinzip Frauen nicht. Für Sex gehe er ab und zu ins Puff, dies könne er sich nur alle drei Monate leisten. Durch seinen trainierten Körper und seine Grösse werde er zwar oft angesprochen, ignoriere das aber. «Ich lernte einmal eine bildschöne Frau kennen, eigentlich ein Traum. Ich musste Nein sagen, da ich nicht noch einmal so abgeschoben werden möchte.»

*Namen geändert

Die MGTOW-Bewegung

MGTOW steht für «Men going their own way» – Männer, die ihren eigenen Weg gehen. Sie haben Beziehungen und Familie abgeschworen und wollen ihr Leben auf sich allein gestellt bestreiten. Viele sehen sich gegenüber Frauen im Hintertreffen, sei es nun auf Finanzielles, Sexismus-Vorwürfe oder den Alltag bezogen. Sie reagieren darauf mit Abgrenzung: Sie lassen Frauen an der Kasse nicht mehr vorbei oder helfen nicht mit dem Kinderwagen. Auch auf Sex verzichten die MGTOW-Anhänger oft, um falschen Anschuldigungen vorzubeugen.

Für die Geschlechterforscherin Diana Baumgarten ist dies eine Reaktion auf das veränderte Verhältnis zwischen Frauen und Männern. «Die zunehmende Gleichstellung sorgt auch für Verunsicherung darüber, wie mit den neuen Spielregeln, etwa dass man Frauen nicht mehr einfach an den Hintern fassen darf, umgegangen werden muss.»

Die #metoo-Debatte habe gezeigt, dass Frauen systematisch diskriminiert, benachteiligt und sexualisiert würden. «Die MGTOW-Männer fühlen sich dadurch in ihren persönlichen Rechten angegriffen, als würde man ihnen etwas wegnehmen. Sie sind eingeschnappt und fühlen sich gemassregelt.» Eine Form, mit den veränderten Normen umzugehen, sei, sich dem Kontakt zum anderen Geschlecht zu entziehen. «Man kann ihnen nur wünschen, dass sie in Kontakt mit Frauen kommen, mit denen sie erleben, welche Möglichkeiten gegenseitige Anerkennung bietet.»

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