Raus aus der IV: «Ich wollte allen zeigen, dass ich es schaffe»
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Raus aus der IV«Ich wollte allen zeigen, dass ich es schaffe»

16 Jahre war Francesco Rullo halbseitig gelähmt. Nun hat er geschafft, was die Ärzte für unmöglich hielten – er kann wieder normal gehen.

von
Cédric Knapp
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Seit einer Hirnoperation im Jahr 1999 war Francesco Rullo halbseitig gelähmt und auf Gehhilfen angewiesen. Zudem wurde er zu 100 Prozent IV-abhängig. Mit viel Kraft hat er es nun geschafft...

Seit einer Hirnoperation im Jahr 1999 war Francesco Rullo halbseitig gelähmt und auf Gehhilfen angewiesen. Zudem wurde er zu 100 Prozent IV-abhängig. Mit viel Kraft hat er es nun geschafft...

Francesco Rullo
«Am Montag habe ich meine ersten Schritte gemacht - ohne Gehhilfe. Zur Feier des Tages bin ich aufs Velo gestiegen. Ich fühlte mich wie früher, es war unbeschreiblich»

«Am Montag habe ich meine ersten Schritte gemacht - ohne Gehhilfe. Zur Feier des Tages bin ich aufs Velo gestiegen. Ich fühlte mich wie früher, es war unbeschreiblich»

Francesco Rullo
«Die Ärzte haben mir gesagt, ich werde nie wieder normal gehen können. Doch ich wollte allen zeigen, dass ich es schaffe. Nun weiss ich: Es ist alles machbar im Leben.»

«Die Ärzte haben mir gesagt, ich werde nie wieder normal gehen können. Doch ich wollte allen zeigen, dass ich es schaffe. Nun weiss ich: Es ist alles machbar im Leben.»

Francesco Rullo

Francesco Rullo (36) aus Gurwolf im Kanton Freiburg hatte nur eines im Kopf: Er wollte es schaffen, von der IV loszukommen und sein Leben zurückzuerhalten. «Von der IV abhängig zu sein, ist schlimm. Vor allem für junge, aktive Leute.»

Verschiedene Schicksalsschläge hatten dazu geführt, dass Rullo in der Schweiz als arbeitsunfähig eingestuft wurde. Doch einer prägte sein Leben besonders: «Seit der Operation eines Hirntumors im Jahr 1999 war ich halbseitig gelähmt», erzählt der ausgebildete Informatiker.

«Ärzte sahen keine Hoffnung»

«Ich habe viel Sport getrieben. Am liebsten bin ich Velo gefahren», erzählt Rullo von seinem Teenagerleben in Deutschland. Nachdem seine Mutter bei einem Verkehrsunfall gestorben war, zog er mit 14 unfreiwillig zu seinen Verwandten in Italien. «Eines Tages bekam ich schlimme Kopfschmerzen. Am nächsten Morgen sah ich für einen Moment nur schwarz, als ich meine Augen öffnete. Deshalb bin ich ins Spital in Turin gegangen.» Diagnose: Hirnblutung, ausgelöst durch einen Tumor. Eine Operation sei unausweichlich gewesen. Diese, so hatten ihm die Ärzte gesagt, würde aber Folgen nach sich ziehen.

«Ich erwachte eine Woche früher als erwartet aus dem Koma und spürte meine linke Seite nicht mehr», so Rullo. Die Operation hatte dazu geführt, dass er halbseitig gelähmt war. Es folgte eine mühsame Therapie, vom Rollstuhl über Krücken zu elektronischen Beinschienen. Er habe diverse Spezialisten konsultiert – das Resultat sei immer dasselbe gewesen. «Sie sagten, ich werde nie wieder ohne Hilfe gehen können.»

Zurück ins Leben

Im Jahr 2004 zog Rullo zu seinem Bruder in die Schweiz, wo er trotz Warnung der Ärzte viel arbeitete. Drei Jahre später sei er zusammengebrochen: «Ich war überlastet. Mein Körper machte das nicht mit.» In der Folge wurde er zu 100 Prozent IV-abhängig. Russo erinnert sich an die schlimme Zeit: «Ich wollte nicht mehr leben. Doch irgendwann habe ich zu mir gesagt, dass das so nicht weitergehen kann. Schon immer war es mein Traum gewesen, Rettungssanitäter zu werden. Das hat mich angetrieben.»

Rullo informierte sich, las Bücher zum Thema. «Ich habe meine Ernährung umgestellt und mehrmals pro Woche trainiert. Es war ein harter Kampf, ich habe viel geweint. Doch es hat sich gelohnt: Vor zwei Monaten habe ich ein Kribbeln im Bein gespürt.» Letzten Montag habe er die ersten Schritte gemacht – aus eigener Kraft. «Zur Feier des Tages bin ich aufs Velo gestiegen. Ich fühlte mich wie früher, es war unbeschreiblich.»

Trotz der vielen Strapazen, die das Leben ihm beschert hat, kann Rullo nun ein positives Fazit ziehen: «Die Ärzte haben mir gesagt, ich würde nie wieder normal gehen können. Doch ich wollte allen zeigen, dass ich es schaffe. Nun weiss ich: Es ist alles machbar im Leben.»

«Erholungen zu 100 Prozent sind selten»

Dass bei Patienten mit geschädigten Hirnarealen Besserungen auftreten, kann laut Markus Béchir vorkommen. «Vor allem bei jungen Menschen ist das Potenzial erheblich», so der Chefarzt beim Schweizer Paraplegiker-Zentrum. Komplette Erholungen seien aber selten. Um einen Patienten über seine Rehabilitationschancen aufklären zu können, braucht es die Kombination einer genauen Analyse der Befunde gepaart mit viel persönlicher Erfahrung.

Dabei seien wesentliche Punkte zu beachten. Béchir: «Tote Zellen erholen sich nicht. Um die geschädigte Zone gibt es jedoch einen Bereich, der lediglich verletzt ist und deshalb genesen kann. Zudem besteht die Möglichkeit, dass andere Hirnareale die Funktionen des betroffenen Bereichs übernehmen. Dafür braucht es aber Zeit und intensives Training.»

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