Queer und Pfarrer – Renato war in einer Konversionstherapie
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Zurich Pride Podcast«Ich wollte meine Homosexualität 10 Jahre lang ‹wegtherapieren›»

Renato ist Christ und dachte lange, seine Anziehung zu Männern sei eine Sünde. Im Alter von 17 Jahren wollte er sich mit der Hilfe eines Psychologen «umpolen». Zehn Jahre später und einige Tausend Franken ärmer sah er ein, dass die Homosexualität ein Teil von ihm ist.

von
Alexander Wenger
Zora Schaad
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«Ich dachte, ich komme in die Hölle, wenn ich meine homosexuellen Gefühle auslebe», erzählt der heute 36-jährige Pfarrer Renato.

«Ich dachte, ich komme in die Hölle, wenn ich meine homosexuellen Gefühle auslebe», erzählt der heute 36-jährige Pfarrer Renato.

Privat
Als er mit 13 in den Modemagazinen seiner Mutter bei den Männermodels hängen blieb, wusste er, dass er schwul ist.

Als er mit 13 in den Modemagazinen seiner Mutter bei den Männermodels hängen blieb, wusste er, dass er schwul ist.

Unsplash / Symbolbild
Mit 17 Jahren begann er bei einem christlichen Psychologen eine Konversionstherapie. «Er hätte mich ‹umpolen› sollen», erzählt Renato. Seine Eltern unterstützten seinen «Kampf gegen die Homosexualität».

Mit 17 Jahren begann er bei einem christlichen Psychologen eine Konversionstherapie. «Er hätte mich ‹umpolen› sollen», erzählt Renato. Seine Eltern unterstützten seinen «Kampf gegen die Homosexualität».

Unsplash / Symbolbild

Darum gehts

«In meiner Jugend war ich ein Vorzeige-Christ und sehr streng. Ich habe ‹kein Sex vor der Ehe› gepredigt und Leute bei vermeintlichem Fehlverhalten zurechtgewiesen», so Renato über seine Jugend. Schon als er mit 13 in den Modemagazinen seiner Mutter bei den Männermodels hängen blieb, wusste er, dass er schwul ist. Doch gleichzeitig war der Jugendliche Mitglied einer Zürcher Seegemeinde bei der Jungschar, einer christlichen Pfadi. Am Wochenende traf er sich mit der «Junschgi» zum Seilbrücken-Bauen, zur Schnitzeljagd oder zum gemeinsamen Beten. Sie sangen und lasen in der Bibel. «Homosexualität war kaum ein Thema. Wenn es mal zur Sprache kam, dann war es im Kontext von Polygamie oder Sex mit Tieren», erzählt Renato im Zurich Pride Podcast (auf Spotify und 20 Minuten).

Rammeleien und Fussball zur «Stärkung der Männlichkeit»

Irgendwann wurde Renato in der Jungschar Hauptleiter, führte Bibelkreise und moderierte Gottesdienste. Dass er sich zu Männern hingezogen fühlt, belastete ihn stark. «Ich dachte, ich komme in die Hölle, wenn ich meine homosexuellen Gefühle auslebe», so der heute 36-Jährige. Schliesslich vertraute er sich seinen Eltern an. «Sie reagierten liebevoll und versprachen, mich in meinem Kampf gegen die Homosexualität zu unterstützen.»

17 Jahre alt war er, als er bei einem christlichen Psychologen eine freiwillige Konversionstherapie begann. «Er hätte mich ‹umpolen› sollen.» Alle zwei Wochen sass Renato fortan auf der Couch, sprach über seine Kindheit sowie sein Männerbild. Er erinnert sich: «Es ging viel um meine Eltern. Dass mein Vater zu abwesend sei und meine Mutter mich verhätschelt habe. Das sei der Grund, dass ich die Aufmerksamkeit von Männern suchen würde. Heute schüttle ich den Kopf darüber, aber damals klang es für mich logisch».

Konversionstherapien in der Schweiz

Auf Anraten des Psychologen suchte sich Renato drei männliche Mentoren. Ziel: Mit Rammeleien und Fussball seine Männlichkeit stärken. Als er sich eines Tages in einen Mann «mit schönen Haaren» verliebte, meinte der Psychologe, das sei eine Projektion. Renato würde selbst solche Haare wollen, da er mit der eigenen Frisur unzufrieden sei. Zehn Jahre lang ging Renato in die Therapie – die Eltern zahlten.

Als queerer Pfarrer gegen Konversionstherapien

Nach der Matura begann Renato ein Theologiestudium und lernte an der Uni Schwule und Lesben kennen. Der Besuch queerer Partys und ein Praktikum bei einem schwulen Pfarrer folgten. «Ich konnte mich schrittweise akzeptieren. Schwulsein ist keine Entscheidung oder Sünde – sondern gottgewollt. Davon bin ich heute überzeugt», so der junge Pfarrer.

Renato schmiss die Therapie hin und outete sich auf Facebook. Freundschaften aus dem christlichen Milieu zerbrachen. An der Zurich Pride lernte er seinen ersten Freund kennen. Heute arbeitet er Teilzeit in der Politik und als Pfarrer. «Mein Ziel ist es, dass Konversionstherapien in der Schweiz verboten werden. Das würde vor allem jungen Menschen helfen, die sich in ihrer Persönlichkeit noch nicht sicher sind.»

Was ist der Zurich Pride Podcast?

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