13.06.2017 16:25

Chelsea Manning«Ich wollte mich nicht mehr verstecken»

Vom Mann zur Frau, vom Soldaten zur Whistleblowerin: So radikal veränderte der Irak-Krieg das Leben von Chelsea Manning.

von
kle
1 / 17
Die Wikileaks-Informantin Chelsea Manning hat am 12. Juni 2017 der Zeitung «New York Post» ein Interview gegeben – eines der ersten seit ihrer Entlassung aus dem Gefängnis.

Die Wikileaks-Informantin Chelsea Manning hat am 12. Juni 2017 der Zeitung «New York Post» ein Interview gegeben – eines der ersten seit ihrer Entlassung aus dem Gefängnis.

Instagram/xychelsea87
Sie habe eine «Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit» gehabt, sagte Manning, die früher Bradley hiess, am 9. Juni 2017 dem Fernsehsender ABC. Sie habe als Geheimdienstanalystin im Irak mit eigenen Augen gesehen, was «Tod, Zerstörung und Chaos» anrichteten.

Sie habe eine «Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit» gehabt, sagte Manning, die früher Bradley hiess, am 9. Juni 2017 dem Fernsehsender ABC. Sie habe als Geheimdienstanalystin im Irak mit eigenen Augen gesehen, was «Tod, Zerstörung und Chaos» anrichteten.

Instagram/xychelsea87
Für die Verbreitung von 700'000 vertraulichen Armeedokumenten und Depeschen der US-Diplomatie übernehme sie die Verantwortung, sagte die 29-Jährige dem US-Sender ABC. «Niemand hat mir gesagt, das zu tun. Niemand hat mich dazu angeleitet», fügte sie hinzu. Es sei allein ihre Entscheidung gewesen.

Für die Verbreitung von 700'000 vertraulichen Armeedokumenten und Depeschen der US-Diplomatie übernehme sie die Verantwortung, sagte die 29-Jährige dem US-Sender ABC. «Niemand hat mir gesagt, das zu tun. Niemand hat mich dazu angeleitet», fügte sie hinzu. Es sei allein ihre Entscheidung gewesen.

Instagram/xychelsea87

Erstmals seit ihrer Entlassung aus dem Gefängnis gab die US-Whistleblowerin Chelsea Manning eine Reihe von Interviews. Am Montag veröffentlichte die «New York Times» eine lange Reportage, die tief in die Seele der 29-Jährigen blicken lässt. Beim Interview spricht Manning offen über ihre Wandlung vom Mann zur Frau sowie auch über die Gründe, geheime Unterlagen des US-Militärs an die Enthüllungsplattform Wikileaks weitergeben zu wollen.

Vom Mann zur Frau

«Schon als ich fünf Jahre alt war, wollte ich ein Mädchen sein», erzählt die Frau, die als Bradley Manning zur Welt kam. Später habe sie begonnen, die Kleider und das Make-up ihrer Schwester Casey auszuprobieren. «Jedes Mal, wenn ich hörte, dass jemand nach Hause kam, zog ich rasch alles aus», erzählt sie der «New York Post».

Wenn sie in der Schule von anderen Kindern gehänselt wurde, sagte ihr Vater zu ihr: «Hör auf zu weinen! Schlag diese Kinder zusammen und verhalte dich wie ein Mann.» Als sie ins Teenager-Alter kam, verbrachte sie lieber die Zeit zu Hause und unterhielt sich mit den Computern, die ihr Vater reparierte.

Der Selbstmordversuch ihrer Mutter war ein einschneidendes Erlebnis. «Meine Schwester fuhr sie ins Spital und ich musste auf der Rückbank dafür sorgen, dass sie weiteratmete. Nach dem Vorfall wurde ich sehr schnell erwachsen.»

Als sie 2005 ihren ersten Freund hatte, traute sie sich auch mit ein wenig Augen-Make-up auf die Strasse. Ihr Vater hatte nochmals geheiratet, ihre Stiefmutter liess sie nicht in der Küche mit ihnen zusammen essen: «Sie sagte, ich sei unrein.»

Vom Gefreiten zur Whistleblowerin

2007 meldete sich Manning bei der US-Armee. «Vielleicht würde mich das zum Mann machen, dachte ich damals.» Ihre Kollegen nannten sie «Faggot» (Schwuchtel). 2008 wurde sie nach Bagdad geschickt. Dort durfte sie als Geheimdienstanalyst stundenlang geheime Dokumente klassieren und ablegen.

«Ich konnte mit eigenen Augen sehen, was Tod, Zerstörung und Chaos anrichteten», sagt Manning. Die Nachrichten über die Bekämpfung der Aufstände an den Kriegsschauplätzen in Afghanistan und im Irak sowie die Berichte über getötete Zivilisten hätten sie erschüttert. Sie hegte demnach die Hoffnung, eine Debatte über die Kriege anstossen zu können. «An einem gewissen Punkt hatte ich aufgehört, Statistiken zu sehen, ich sah nur Menschenleben. Es gibt Informationen, die geheimgehalten werden müssen, andere aber müssen veröffentlicht werden.»

Ihre Zeit im Irak hatte sie zu einem anderen Menschen gemacht: «Ich wollte, dass die Menschen in den USA sehen, was ich sah.» Mit der Absicht, diese Information publik zu machen, speicherte sie 700'000 vertrauliche Armeedokumente und Depeschen der US-Diplomatie auf einer CD-Rom ab und schrieb diese mit «Lady Gaga» an.

Zwei Selbstmordversuche

Als sie zwei Wochen Ferien in den USA bekam, lud sie die Daten auf einen Laptop und reiste damit heim. Zuerst habe sie versucht, die Daten der «Washington Post» oder der «New York Times» zuzuspielen. Aber niemand nahm sie ernst. Weil die Zeit knapp wurde und sie zurück in den Irak fliegen musste, schickte sie am 3. Februar 2010 alles an Wikileaks.

Im Mai 2010 wurde sie festgenommen, zur gleichen Zeit wurde ihr eines klar: «Ich sagte den Gefängnisaufsehern, ich sei eine Trans-Frau. Sie lachten», erzählt Manning. Im August 2013 wurde sie zu 35 Jahren Haft verurteilt, die Strafe verbüsste sie im Militär-Hochsicherheitsgefängnis Fort Leavenworth im US-Bundesstaat Kansas. Dort unternahm sie zwei Selbstmordversuche.

Armee erlaubte Hormonbehandlumg

Im April 2014 trug ein US-Gericht Mannings Wunsch Rechnung, sich Chelsea nennen und als Frau leben zu wollen. Später erlaubte die US-Armee ihr auch eine Hormonbehandlung zur Geschlechtsumwandlung. «Ich hatte es so satt, etwas vorspielen zu müssen. Ich wollte mich nicht mehr verstecken.»

Drei Jahre später kam Manning vorzeitig auf freien Fuss. Kurz vor seinem Ausscheiden aus dem Amt hatte ihr US-Präsident Barack Obama den grössten Teil der Haftstrafe erlassen. Obamas Nachfolger, der seit Januar amtierende Donald Trump, hatte Manning als «Verräterin» bezeichnet, die «niemals» das Gefängnis verlassen dürfe. «Wenige Tage bevor ich von meiner Freilassung erfuhr, war ein Rotkehlchen an mein Fenster gekommen», sagt sie zum Schluss. Das sei ein Zeichen gewesen, dass alles gut komme.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.