23.10.2020 18:12

Migräne-Patient erzählt«Ich wollte mir den Kopf abreissen»

Bei seiner ersten Migräne-Attacke war M.H. sechs Jahre alt. Nichts konnte seine Schmerzen lindern. «Meinen Eltern sagte ich, dass ich nicht mehr leben möchte», erzählt der heute 27-Jährige.

von
Remo Schraner
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In der Schweiz gibt es rund 1 Million Migräne-Patienten. M.H.* ist einer davon.
(Symbolbild)

In der Schweiz gibt es rund 1 Million Migräne-Patienten. M.H.* ist einer davon.
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M. war sechs Jahre alt, als er seine erste Migräne-Attacke hatte. «Es war ein unerträglicher Schmerz. Als würde etwas von innen gegen meinen Kopf hämmern», erzählt der heute 27-Jährige.
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M. war sechs Jahre alt, als er seine erste Migräne-Attacke hatte. «Es war ein unerträglicher Schmerz. Als würde etwas von innen gegen meinen Kopf hämmern», erzählt der heute 27-Jährige.
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In der Schule musste er sich immer wieder Sprüche anhören, dass ja nur Mädchen Kopfweh hätten. «Das war schlimm für mich. Meine Schwester nannte mich den ‹Kopfwehmann›.»
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In der Schule musste er sich immer wieder Sprüche anhören, dass ja nur Mädchen Kopfweh hätten. «Das war schlimm für mich. Meine Schwester nannte mich den ‹Kopfwehmann›
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Darum gehts

  • M.H.* war sechs Jahre alt, als er zum ersten Mal Migräne hatte.

  • Nichts half – jahrelang musste er die Schmerzen «einfach aussitzen».

  • Heute ist M. 27 Jahre alt, und seine Migräne-Attacken sind seltener geworden.

  • Ein Migräne-Experte erklärt, was es mit den Kopfschmerzen auf sich hat.

«Als ich zum ersten Mal eine Migräne-Attacke hatte, war ich mit meiner Familie am Strand. Da war ich sechs Jahre alt. Es war ein unerträglicher Schmerz. Als würde etwas von innen gegen meinen Kopf hämmern. Ich verstand gar nicht, was los war. Grelles Licht, Lärm und starke Gerüche verstärkten den Schmerz, und ich musste mich zu Hause mehrmals übergeben.

Meine Eltern gingen mit mir zum Kinderarzt. Er verschrieb mir Schmerztabletten, doch sie nützten nicht viel: Bei jedem Erbrechen wurden sie wieder aus meinem Körper gespült. Und Zäpfli, naja, die wollte ich nicht.

Am liebsten wäre ich gestorben.

Da der Arzt keine Ursache für meine wiederkehrenden Kopfschmerzen fand, musste ich in die Röhre, um zu schauen, ob vielleicht ein Gehirntumor die Schmerzen verursacht. Zum Glück war da aber kein Tumor. Auch meine Gehirnwellen wurden untersucht, da man eine Form von epileptischer Störung vermutete. Auch das konnte ausgeschlossen werden. Ich musste die Schmerzen einfach aussitzen.

Manchmal waren sie so stark, dass ich am liebsten gestorben wäre. Ich wollte mir den Kopf abreissen! Meinen Eltern sagte ich, dass ich nicht mehr leben möchte. Das ständige Erbrechen liess mich manchmal aus lauter Erschöpfung einschlafen. Am Morgen darauf waren die Schmerzen meist weg, und ich fühlte mich wie neugeboren.

Meine Schwester nannte mich den ‹Kopfwehmann›.

An meinem ersten Schultag sagte ich meiner Lehrerin, dass ich ab und an wegen meines starken Kopfwehs früher nach Hause müsse. Damals hatte ich ein- bis zweimal pro Woche Migräne. Sie hatte Verständnis dafür. Anders als meine Schulkameraden. Ich wurde zwar nie direkt gemobbt, aber ich musste mir immer wieder Sprüche anhören, dass ja nur Mädchen Kopfweh hätten. Das war schlimm für mich. Meine Schwester nannte mich den ‹Kopfwehmann›.

Stunden bevor meine Migräne einsetzte, musste ich gähnen, und gleichzeitig war ich aufgedreht. Vor allem am Montag und am Donnerstag. Komisch, oder? Stress in der Schule hatte ich nicht. Im Gegenteil: Ich ging sehr gerne dorthin und fühlte mich eher unter- als überfordert.

Ein Kinderneurologe stellte die Diagnose Migräne. Da war ich neun. Mein Kopfweh konnte aber auch er nicht lindern. Als Migräne-Vorbeugung bekam ich versuchsweise Betablocker verschrieben. Leider nützte auch das nichts.

Manchmal bekam ich bereits Kopfweh, wenn ich Süssigkeiten roch.

An den Geburtstagsfeiern von meinen Kollegen ass ich vielleicht ein oder zwei Guetsli, während die anderen herzhaft zulangten. Denn Glukosesirup und gewisse Zusatzstoffe lösten bei mir die Migräne aus. Manchmal bekam ich bereits Kopfweh, wenn ich am Kiosk vorbeiging und die Süssigkeiten roch! Also versuchte ich, starken Gerüchen aus dem Weg zu gehen. Lange Zeit konnte ich deswegen kein Parfüm und kein Deo tragen. Ganz übel waren die Duftbäume in den Autos: als würde mir der Geruch direkt ins Gehirn stechen! Das war schrecklich.

Meine Eltern schickten mich auf Empfehlung des Neurologen zu einem Psychiater. Vielleicht würde er mir helfen können, dachten sie sich. Ich war ein paar Mal bei ihm, aber gebracht hat es leider nicht viel. Als Kind verstand ich auch noch nicht, dass meine Gefühlswelt Einfluss auf meinen Körper haben könnte.

Die Schulmedizin konnte mir nicht helfen.

Ich war etwa elf Jahre alt, als ich meinen Eltern sagte, dass ich genug von all den Untersuchungen hatte. Nichts half mir! Meine Eltern liessen aber nicht locker. Verständlicherweise wollten sie alles unternehmen, um meine Schmerzen zu lindern.

Da die Schulmedizin mir nicht helfen konnte, versuchte ich es unter anderem mit Lichttherapie, Homöopathie, Handauflegen und schliesslich mit Akupressur: Die Behandlung mit den Druckpunkten auf meinem Nacken und im Gesicht half mir, die Schmerzen besser auszuhalten. Endlich konnte ich mich entspannen.

Dann, ich war etwa zwölf Jahre alt und ging in die Oberstufe, wurden die Migräne-Attacken seltener. Seit der Pubertät habe ich vielleicht noch ein- oder zweimal im Jahr Migräne.

Sport als Ausgleich tut mir gut.

Heute kann ich zwar Parfüms und Deos tragen, aber geruchsempfindlich bin ich noch immer. Auch Gesprächslärm, wie auf Familienfeiern, können bei mir noch heute Kopfschmerzen auslösen.

Rückblickend denke ich, dass meine Migräne stark durch psychosomatische Faktoren ausgelöst wurde: Als Kind hatte ich zu hohe Anforderungen an mich – dieser Stress löste wohl die Kopfschmerzen aus.Ein Perfektionist bin ich noch immer. Aber heute weiss ich, dass mir Sport als Ausgleich guttut. Zwischendurch meditiere ich sogar.

Die vielen Arzt- und Spitalbesuche als Kind haben mich geprägt, auch in meiner Berufswahl: Ich bin im letzten Jahr meines Medizinstudiums.»

* Name der Redaktion bekannt

«Geschmacksverstärker lösen Migräne-Attacken aus»

Dr. med. Andreas Schiller ist Facharzt für Neurologie und erklärt im Interview, was es mit der Migräne auf sich hat.

Dr. med. Andreas Schiller ist Facharzt für Neurologie und erklärt im Interview, was es mit der Migräne auf sich hat.

Herr Schiller, M.H. war sechs Jahre alt, als er seine erste Migräne-Attacke hatte.Wann macht sich eine Migräne typischerweise zum ersten Mal bemerkbar?

Oftmals schon in der Kindheit oder im Jugendalter.

M.H. bekam Betablocker, also ein blutdrucksenkendes Medikament, verschrieben.Inwiefern hilft dies gegen Migräne?

Diese Behandlung wird oft angewandt: Die Betablocker sollen in erster Linie nicht den Blutdruck verändern, sondern die Erregbarkeit im Gehirn verringern. Somit soll eine Migräne verhindert werden.

Es ist also eine vorbeugende Massnahme?

Ja. Bei der Migräne gibt es zwei Arten von Therapien: Bei der Akuttherapie versucht man, symptomfrei zu werden. Die Basistherapie hingegen soll bewirken, dass die Migräne-Attacken grundsätzlich weniger werden. Die Betablocker gehören zur zweiten Variante.

Ass M. zu viel Süsses, löste dies bei ihm eine Migräne aus. Warum?

Das ist ganz typisch. Künstliche Süssstoffe und Geschmacksverstärker verursachen im Gehirn elektrochemische Reize, die wiederum Migräne-Attacken auslösen.

Seit seiner Pubertät hat M.H. kaum noch Migräne. Ist das ein üblicher Krankheitsverlauf?

Hormonelle Veränderungen, wie sie in der Pubertät passieren, können sich positiv, aber auch negativ auf die Migräne auswirken. Einen allgemeinen Krankheitsverlauf gibt es nicht.

In der Schule musste sich M.H. Sprüche anhören, dass vor allem Mädchen Kopfschmerzen hätten.Was sagen die Zahlen dazu?

Tatsächlich haben Frauen dreimal häufiger Migräne als Männer. In der Schweiz leiden knapp 20 Prozent der Frauen an Migräne. Grund ist die zyklusabhängige Migräne.

Weitere Informationen und Tipps von Dr. med. Schiller zum Thema Migräne findest du in diesem Artikel.

Hast du Migräne?Hier findest du Hilfe:

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81 Kommentare
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Piercing

24.10.2020, 12:52

Bei meinem ersten Migräneanfall musste ich in die Notaufnahme da die Schmerzen nicht mehr auszuhalten waren. Danach waren wöchentliche Anfälle an der Tagesordnung. Auf Hinweis von einem Freund habe ich mir ein Piercing stechen lassen, was auch Migränepiercing genannt wird. Offiziell heisst es aber Daith Piercing. Der Piercer macht den Akupunkturpunkt gegen Migräne im Ohr ausfindig. Das Piercing habe ich nun seit zwei Jahren und seit zwei Jahren hatte ich keinen Anfall mehr! Ich empfehle es jedem! Wenn es nicht klappt, hat man doch noch einen Ohrschmuck und wenn der einem nicht gefällt, kann man diesen immer noch entfernen. Einen Versuch ist es wert.

Jöggu

24.10.2020, 12:19

Hypnose(therapie) soll aneblich sehr gut helfen..

Zürcher78

24.10.2020, 10:15

Ich hatte mal eine Hornhautverletzung am Auge, was mich auf einem Auge ca 20% des Sehvermögens kostete. Jetzt seh ich etwas "einseitig". Ich habe zwar keine ärztliche Bestätigung, dass dies ein Zusammenhang mit der Migräne hat, aber es hat damals angefangen. Vorallem Abends darf ich nicht zu lange vor einem Bildschirm sitzen, sonst hab ich mit ziemlicher Sicherheit Migräne am nächsten Tag. Oder auch zu lange lesen ist nicht gut. Meine Augen brauchen mehr Erholungszeit seit der Hornhautverletzung, ansonsten spiegelt sich das am nächsten Tag in starken Kopfschmerzen wieder.