Aktualisiert 28.02.2012 19:29

Prozess gegen Daniel H.

«Ich wollte nicht, dass Lucie leiden muss»

Drei Jahre wartete die Schweiz auf diesen Prozess, drei Jahre lang tischte er stets neue Versionen seiner Tat auf. Nun steht Daniel H. vor Gericht - als schwer durchschaubarer Mörder.

von
A. Mustedanagic

8.39 Uhr im Gemeindesaal von Untersiggenthal. Das Stimmengewirr der mindestens 100 anwesenden Zuschauer und Journalisten verstummt von einem Moment auf den anderen. Die Blicke wandern zum Eingang, wo die zahlreichen Polizisten bereits eine Gasse bilden. Jeden Moment kommt Daniel H., der Angeklagte im Mordprozess gegen Lucie Trezzini.

Wer in die Runde blickte, sah in den Augen der Anwesenden die Spannung auf «dieses Monster», «dieses Biest», welches brutal die 16-Jährige erschlug und mit einem Tranchiermesser fast köpfte. Was dann aber durch die Türe schritt, war ein bleicher junger Mann. Aufgedunsen von den Antidepressiva, gehüllt in graue Hosen und graues Hemd und mit einem traurigen Blick, den man so nicht erwarten konnte. Ein absolut harmloser Typ - auf den ersten Blick.

Ein reueloser, fatalistischer Mann

Spätestens mit der ersten Aussage seines behandelnden Psychiaters verblasst das Bild. Der forensische Oberarzt der Strafanstalt Lenzburg, Patrick Tanner, sieht in dem 28-Jährigen einen reuelosen, fatalistischen Mann, der keine Empathie gezeigt habe. Erst als sein Vater 2011 erneut in den Medien auftauchte und der Prozess näher rückte, begann er sich mit seiner Tat zu beschäftigen.

Patrick Tanner zeichnete vor Gericht das Bild eines Mannes, der eine gestörte Beziehung zu Frauen hat. Einerseits wohl, weil er als Kind vergewaltigt wurde und seine Mutter die Tat, verübt durch einen Bekannten, nicht glaubte. Andererseits auch, weil eine Prostituierte in Thailand Daniel H. in die Sexualität einführte, bezahlt von seinem Vater.

«Angst vor lebenslanger Verwahrung»

Daniel H. folgte den Ausführungen scheinbar unbeteiligt. Die Anspannung war ihm aber deutlich anzusehen. Er wippte auf dem Stuhl hin und her, verschränkte die Hände, biss sich immer wieder auf die Unterlippe. «Er hat Angst vor einer lebenslangen Verwahrung», führte Tanner aus. Wer die Gestik und Mimik von Dani H. am ersten Prozesstag verfolgte, hatte daran keinen Zweifel.

Die Tat verfolge ihn, sagte H. vor Gericht. «Ich muss jeden Abend an Lucie denken.» Weshalb er auch immer wieder in den Cannabis-Konsum zurückfalle, wie er ausführt: «Es hilft mir herunterzukommen und zu schlafen.» Dass er damit nun erst kurz vor dem Prozess begann, zeigte aber eher die Anspannung vor dem Urteil im Mordprozess und wohl weniger wegen der Tat.

Überhaupt fiel es einem schwer, dem Mörder von Lucie zu glauben. «Ich habe Mühe mit der Tat klar zu werden», sagte er etwa vor Gericht. Seine Stimme zitterte, doch wirklich ernst nehmen konnte man dies nicht. Einem Mann, der eine 16-Jährige tötet und sich ins Bett legt, während sie blutüberströmt am Boden liegt, glaubt man solche Worte der Reue nicht so einfach.

«Wie konnten Sie neben ihr schlafen?»

Gerichtspräsident Peter Rüegg bohrte und hakte immer wieder nach: «Wie konnten Sie neben ihr schlafen?» Dani H. antwortete: «Sie lag ja nicht neben mir, sondern auf dem Boden.» Er habe aber nicht gut geschlafen. «Warum sind Sie so gewaltsam gewesen?», wollte der Richter weiter in einer intensiven Phase der Befragung wissen. «Ich weiss nicht, warum ich die Hantelstange und das Messer benutzte.» «Warum haben Sie so heftig zugeschlagen?» «Ich weiss es nicht.» «Warum haben Sie mit dem Messer so tief geschnitten?» Dani H. zögerte und antwortete dann: «Ich wollte nicht, dass Lucie leiden muss.»

Jedes Mal, wenn H. den Namen seines Opfers nannte, zuckte ihre Aupair-Mutter Mualla Müller zusammen. «Sei ruhig», schimpfte sie um Haltung kämpfend vor sich her. Bis sie nicht mehr konnte und schluchzend und tränenüberströmt aus dem Saal ging. Dani H. blieb regungslos - immer. Manchmal wirkte er gar so, als betreffe ihn das Ganze nicht. Die Hände fast krampfhaft verschränkt wie zum Gebet, legte er immer wieder den Kopf darauf und schaute zur Seite oder vor sich hin.

Schwere Persönlichkeitsstörung

Gutachter Volker Dittmann und sein Kollege Thomas Knecht attestieren Dani H. eine schwere Persönlichkeitsstörung. «Psychologisch gibt es keine Erklärung für die Tat», sagte Dittmann vor Gericht. Dani H. habe in der Vergangenheit bewiesen, dass er fähig sei mit seinen Gewalt-Impulsen umzugehen - sie zu kontrollieren. H. zu analysieren sei nicht einfach. «Er ist intelligent und hat Kenntnis von Therapie und Therapeuten», sagt Dittmann. Der Gutachter warnte davor, die Angaben von Dani H. zu schnell zu glauben. «Er kann Menschen sehr gezielt manipulieren.» Ob er dies auch hier vor Gericht tue, sei schwierig zu beurteilen.

H. hat in den vergangenen Monaten seine Aussagen zur Tat immer wieder angepasst. Und auch vor Gericht bringt er nochmals neue «Erklärungen» und «Begründungen». Was er vehement bestreitet, ist eine sexuelle Komponente in der Tat, wie die Gutachter es nennen. Volker Dittmann und Thomas Knecht glauben ihm das nicht. Zu viel spricht gemäss den Gutachtern dafür. «Wer eine Leiche wäscht, will Spuren verbergen», sagte etwa Dittmann zum Punkt, dass H. Lucie gewaschen hat. «Intensiv auch im Anal- und Genitalbereich», wie der Mörder selbst vor Gericht sagte. Er betont aber: «Mehr war nicht.»

An Lucie wurden allerdings Urin- oder Sperma-Spuren gefunden. Dies, obwohl Daniel H. sie mit Reinigungsmittel gewaschen hatte. Genau konnten es die Ermittler darum nicht mehr feststellen. Als Erklärung lieferte er drei Versionen: Er habe in die Dusche uriniert, währenddem Lucie drin war. Er habe unter der Dusche masturbiert, während Lucie da war. «Das habe er öfter gemacht, um sich zu entspannen», wurde er aus dem Protokoll zitiert. Die dritte Version war, dass er mit seiner Ex-Freundin zuvor Sex in der Badewanne hatte. Letztere servierte er dem Gericht.

30 Punkte auf der Psychopathen-Checkliste

Daniel H. ist zweifellos ein Psychopath. Wie Thomas Knecht ausführte, erreicht er auf der Psychopathie-Checkliste über 30 Punkte - eine Höchstzahl, die nur äusserst selten erreicht wird. Die Frage bleibt allerdings, ob Daniel H. irgendwann therapierbar ist. Die Gutachter sagen grundsätzlich ja, aber nur wenn er seine Motive offenlegt - auch die sexuellen. Solange er dies nicht tue, sei eine Therapie nicht möglich.

Der Mörder von Lucie Trezzini blieb aber auch vor Gericht bei seiner Version: «Ich wollte zurück in einen geschlossenen Rahmen.» Warum er sich angesichts dessen nach der Tat nicht umgehend der Polizei stellte, auch nicht, als er von der Suche nach Lucie durch die Medien erfuhr, konnte er nicht beantworten. «Ich weiss es nicht. Ich habe mir den Montag vorgenommen.» Fünf Tage nach dem Mord.

(Mitarbeit: Annette Hirschberg)

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