11.10.2020 16:54

Serie sexualisierte Gewalt«Ich wollte nur, dass es vorbeigeht, also hielt ich still»

Für N. (14)* war es eine Vergewaltigung. Weil es keine Anzeichen gab, dass sie sich gewehrt hätte, glaubte ihr das Gericht nicht.

von
Anja Zingg
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«Wir waren draussen. Anfangs respektierte er mein Nein.» (Symbolbild)

«Wir waren draussen. Anfangs respektierte er mein Nein.» (Symbolbild)

KEYSTONE
Es war das erste Mal, dass N* ihre Internetbekanntschaft traf. 

Es war das erste Mal, dass N* ihre Internetbekanntschaft traf.

Getty Images/iStockphoto
Das zweite Nein akzeptierte er nicht mehr. Es folgte ein Prozess «Doch er wurde lediglich wegen sexueller Handlung mit einer Minderjährigen verurteilt.» (Symbolbild)

Das zweite Nein akzeptierte er nicht mehr. Es folgte ein Prozess «Doch er wurde lediglich wegen sexueller Handlung mit einer Minderjährigen verurteilt.» (Symbolbild)

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Darum gehts

  • N.* trifft sich mit einem jungen Mann, den sie online kennen gelernt hat.

  • Die damals 14-Jährige fühlt sich wohl mit ihm, vertraut ihm.

  • Es kommt zum Sex, gemäss N. war dieser keine Sekunde einvernehmlich.

  • Doch es gibt keine Spuren, dass sie sich gewehrt hätte. Er wird freigesprochen.

  • Die Schockstarre komme sehr oft, sagt eine Expertin im Interview.

«Wir haben uns online kennen gelernt, ich war damals 14. Er sagte mir, er sei 16. Später erfuhr ich, dass er bereits 23 Jahre alt war. Ich traf ihn in einer Stadt, mich begleitete eine Freundin. Ich fühlte mich wohl in seiner Gegenwart, also sagte ich meiner Freundin, dass ich gerne alleine mit ihm sei. Er fing an mich zu küssen und anzufassen, da sagte ich ihm, er solle aufhören. Das tat er dann auch. Darauf vertraute ich ihm. Er hatte ja auf mein Nein gehört. Aber im Nachhinein denke ich, dass er nur aufgehört hat, weil es in der Nähe andere Leute gab.

Wir gingen spazieren und kamen an eine ruhige Stelle. Kein Mensch weit und breit. Plötzlich wurde er grob, drückte mich zu Boden und vergewaltigte mich. Ich konnte mich nicht wehren, ich war wie erstarrt. Ich war damals noch Jungfrau. Als er fertig war, stand ich auf und lief davon. Im Bus fing ich so heftig an zu weinen, dass eine Frau mich fragte, ob alles in Ordnung sei. Unter Tränen erzählte ich ihr, was passiert war. Sie riet mir, unbedingt einer Person von diesem Vorfall zu erzählen. Völlig aufgelöst ging ich zu einer Freundin nach Hause und erzählte ihr alles.

Irgendwie hat ihr Vater das gehört und rief die Polizei. Meine Eltern wurden dazugeholt, und wir gingen ins Spital. Seine DNA wurde gefunden. Ausserdem wurde festgehalten, dass ich keine Verletzungen hatte. Also auch keine Spuren, die zeigen, dass ich mich gewehrt hätte. Er wurde verurteilt für sexuelle Handlungen mit einer Minderjährigen, vom Vorwurf der Vergewaltigung und der sexuellen Nötigung wurde er jedoch freigesprochen. Das Gericht glaubte mir nicht, dass der Sex nicht einvernehmlich war. Ich war danach mehrere Monate ambulant in Behandlung.

Eine Zeitlang fühlte ich mich unglaublich dreckig und schuldig. Mittlerweile geht es mir besser. Aber noch heute denke ich manchmal darüber nach, wer ich wohl wäre, wenn das nie passiert wäre.»

*Name der Redaktion bekannt.

Serie sexualisierte Gewalt

Amata (19) und Cyrill (20) fordern: «Sprecht darüber, was passiert ist!»

«Wenn du nicht darüber sprichst, dann kannst du es auch nicht verarbeiten», ist Amata überzeugt. Die 19-Jährige hat vor langer Zeit selbst sexualisierte Gewalt erlebt. Und immer wieder hörte sie ähnliche Geschichten aus ihrem Freundes- und Bekanntenkreis. «So viele Betroffene trauen sich nicht, darüber zu sprechen», erzählt Amata. «Sie haben Angst, dass man ihnen nicht glaubt oder ihnen sogar die Schuld daran gibt. Dabei ist es so wichtig, dass man über sexualisierte Gewalt spricht – denn sie findet statt.»

In einem Instagram-Aufruf suchten die beiden nach Personen, die eine solche Situation durchmachen mussten. «Es meldeten sich rund 150 Personen. Wir waren überrascht, wie schnell so viele Stimmen zusammenkamen. Wir wollen, dass das Thema wieder vermehrt von der Gesellschaft wahrgenommen wird. Damit endlich ein nötiger Diskurs entsteht», so Cyrill. Drei Frauen erzählen ihre Geschichte anonymisiert bei 20 Minuten. Jedes Schicksal wird von einem Experteninterview begleitet.

Teil 1: «Ich dachte, es sei Liebe – doch es war Gewalt»
Teil 2: «Ich sagte Nein, doch er machte weiter»
Teil 3: «Ich wollte nur, dass es vorbeigeht, also hielt ich still»
Teil 4: «Mein Babysitter hat sich an mir vergangen»

«Viele Opfer können sich nicht bewegen oder schreien»

Monica Lutz, Sozialarbeiterin der Opferhilfestelle Lantana in Bern, über Vergewaltigungsmythen, die Frage nach der Schuld und die Schockstarre, die viele Opfer befällt.

Frau Lutz, ist das sogenannte Freezing, also diese Schockstarre, häufig?Ja, wir hören oft von Opfern, dass sie sich nicht mehr bewegen konnten. Die Atmung wird heruntergefahren, es ist ihnen auch nicht mehr möglich, zu schreien. Viele Opfer kannten den Täter und standen ihm nahe. Sie erwarten nicht, dass eine nahestehende Person derart heftig die eigene Intimsphäre und Grenze verletzt. Es ist ein Irrglaube, dass nur physische Gewaltanwendung eine Schockstarre auslösen kann.

Geben sich die Frauen oft selbst die Schuld an einem Missbrauch?Ja, die Schuldfrage taucht eigentlich fast immer auf während eines Beratungsgespräches. Die Gründe dafür sind sehr komplex. Einer davon kann sein, dass diese Frage Betroffenen von Gewalt ein Stück Kontrolle zurückgibt. Ein anderer Grund können die gesellschaftlichen Erwartungen sein, wie sich eine Frau korrekt zu verhalten hat.

Was fordert Lantana von den Behörden?Lantana stellt sich ganz klar hinter die Ja-heisst-Ja-Regel: Also dass es für jede sexuelle Handlung die gegenseitige Zustimmung braucht. Ausserdem wünschen wir uns, dass Mythen über Vergewaltigungen aus den Köpfen der Gesellschaft verschwinden. Noch immer passiert es, dass sexualisierte Gewalt verharmlost wird, Täter entlastet werden und Opfern eine Mitschuld zugeschrieben wird.

Revision Sexualstrafrecht

Sexuelle Belästigung, Nötigung und Vergewaltigung

In der Schweiz gibt es drei verschiedene Tatbestände, die bei Sexualstraftaten zum Zuge kommen: sexuelle Belästigung, sexuelle Nötigung und Vergewaltigung. Zurzeit erarbeitet das Bundesamt für Justiz im Rahmen der Revision des Sexualstrafrechts Vorschläge für einen neuen Gesetzestext. «Das Ziel des Gesetzgebers ist weitgehend klar: Alles, was gegen den Willen einer Person geschieht, soll bestraft werden», so SP-Ständerat Daniel Jositsch. Er ist Vorsitzender der zuständigen Subkommission.

Laut Artikel 190 des Strafgesetzbuches handelt es sich nur dann um eine Vergewaltigung, «wenn eine Person weiblichen Geschlechts zur Duldung des Beischlafs» genötigt wird. Somit können Männer per Gesetz keine Vergewaltigungsopfer sein. Dafür gebe es Gründe, so Jositsch: «Es ist keine Diskriminierung des Mannes. Vielmehr ist es eine biologische Frage, die den Gesetzgeber bewogen hat, einen spezifisch auf weibliche Opfer ausgerichteten Tatbestand zu schaffen. Bei einer Vergewaltigung im heutigen Sinne kann das Opfer schwanger werden.» Das Höchststrafmass beträgt sowohl für sexuelle Nötigung wie auch für Vergewaltigung zehn Jahre. Dennoch sieht Jositsch einen gewissen Handlungsbedarf. So soll das Bundesamt für Justiz insbesondere überprüfen, wie sexuelle Handlungen gegen den Willen einer Person strafrechtlich behandelt werden sollen, wenn weder Gewalt noch Drohung vorliegen.

Sexualisierte Gewalt

Hier findest du Hilfe

Sexualisierte Gewalt kann jeden treffen – ob Mann oder Frau. Betroffene oder Angehörige finden bei folgenden Stellen verschiedene Angebote:

Lantana: Die Opferhilfestelle des Kantons Bernwww. stiftung-gegen-gewalt.ch

Castagna: Beratungs- und Informationsstelle für sexuell ausgebeutete Kinder, Jugendliche und in der Kindheit ausgebeutete Frauen und Männer.www.castagna-zh.ch

Frauen-Nottelefon: Beratungsstelle für von sexueller und/oder häuslicher Gewalt betroffene Frauen.www.frauennottelefon.ch

Die Dargebotene Hand: Tel 143 – steht Menschen in schwierigen Lebenslagen mittels Telefonseelsorge bei.www.143.ch

Eine Übersicht zu den Opferberatungsstellen in deinem Kanton findest du unter:www.opferhilfe-schweiz.ch

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