«Ich wünschte, Saddam würde zurück kommen»
Aktualisiert

«Ich wünschte, Saddam würde zurück kommen»

Wenn im Irak ein Ausländer entführt wird, sind Schlagzeilen garantiert. Aber auch die Einheimischen leiden seit Monaten unter einer regelrechten Entführungs-Industrie, die von Kriminellen aufgezogen wird.

«In den Augen der Geiseln im Fernsehen erkenne ich mich selbst wieder, ich sehe dieselbe Angst, die ich durchlitten habe. Ich will nichts weiter als in Frieden leben. Aber diese Terroristen werden uns nicht in Ruhe lassen,» flüstert Sijad Mohammed. Der 25-jährige erzählt: «Sie schlugen mich, sie jagten mir Strom durch die Füsse, schleiften mich an der Kette um mein Bein über den Boden. Manchmal konnte ich wegen der Qualen nicht auf die Toilette gehen.» Mohammed wurde auch mit Elektroschocks an den Genitalien gefoltert. Die Tortur dauerte fünf Wochen, bis seine Eltern 30.000 Dollar Lösegeld zusammen kratzten. Entführt wurde der Ersatzteil-Händler, als er sich gerade um eine die Chemotherapie für seinen Vater kümmern wollte.

Es gibt keine verlässlichen Zahlen, wie viele Einheimische bereits entführt wurden. Aber fast jeder Iraker kennt jemanden, der unter einer Entführung zu leiden hatte. Georges Sada, der Sprecher von Interims-Ministerpräsident Ijad Allawi, bestätigt: «Das ist häufiger vorgekommen, wir tun was wir können.» Auf dem Papier müssen Kidnapper im Irak mit mindestens zehn Jahren Haft und sogar mit der Todesstrafe rechnen, erläutert Kamal Hamdun, der Chef der irakischen Anwaltskammer.

Die Realität sieht anders aus: Das Rechtssystem funktioniere nicht, erläutert Sabah Kadhim, ein Sprecher des Innenministeriums. «Wenn wir sie fangen, dürfen sie bald wieder gehen. Sie haben nichts zu befürchten, also machen sie weiter.» Kadhim macht Saddam Hussein verantwortlich für die grassierende Kriminalität: Kurz vor dem Krieg, im Oktober 2002, habe der Ex-Diktator 100.000 Sträflingen Amnestie gewährt.

Organisierte Banden kundschaften Opfer aus

Polizeioffizier Abdel Fata Eisa aus Bagdad kämpft weiter: Vor drei Tagen sprengte er einen Entführer-Ring. 13 Verdächtige wurden festgenommen, 17 entkamen. Im Unterschlupf der Bande wurden drei Geiseln befreit, vier andere waren gerade zu ihren Familien zurück gebracht worden. «Die Gangs nehmen sich eine Menge Zeit, um herauszufinden, ob ein Opfer arm oder reich ist,» sagt Eisa.

Das bekam Leon Katchader am eigenen Leibe zu spüren: Die Entführer seines 14-jährigen Sohnes Rami wussten, dass der Besitzer einer Autowerkstadt begütert ist, dass seine Familie kurz zuvor zur Hochzeit einer Tochter in Syrien war; sie wussten sogar seinen Spitznamen: Levon. Am Telefon forderten die Kidnapper: «100.000 Dollar, oder wir schicken dir den Kopf deines Sohnes. Und wenn du irgendjemandem etwas erzählst, jagen wir Dein Haus in die Luft.» Katchader verhandelte: «Ich kann nur 3.000 Dollar aufbringen. Und so wie Gott mir meinen Sohn geschenkt hat, wird er ihn auch wieder zu sich nehmen.» Dann legte er auf - und brach zusammen.

Nach einer Woche brachten die Entführer den Teenager zurück - für letztlich 15.000 Dollar. «Es gibt keine Regierung, es gibt keinen Irak,» flucht Katchader. Einen Tag nach der Entführung sei er zur Polizei gegangen - eine Reaktion habe er nie erhalten. Sein Sohn wacht nachts manchmal schweissgebadet auf und versichert sich, dass er auch wirklich zuhause ist. «Diese Kerle verdienen es nicht, zu leben - Saddam hat das richtig erkannt,» schimpft Katchader. «Ich mochte Saddam nicht, aber sein Name stand für Sicherheit. Er hatte alles unter Kontrolle - ich wollte, er würde zurück kommen.» (dapd)

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