ZHAW-Sportpsychologe Dr. Jan Rauch spricht über das Eriksen-Drama
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Psychologe über Eriksen-Drama«Ich würde jeden einzelnen Spieler fragen, ob er überhaupt spielen will»

Am Donnerstag ist Spiel eins nach dem Eriksen-Kollaps. Wie verarbeitet man so ein Drama? Und was sind die gesundheitlichen Folgen für die Beteiligten? Wir haben mit dem ZHAW-Sportpsychologen Dr. Jan Rauch gesprochen.

von
Nils Hänggi

Eriksen brach am Samstag im EM-Spiel gegen Finnland plötzlich auf dem Feld zusammen.

SRF

Darum gehts

  • Dänemark-Star Christian Eriksen klappte am Samstag auf dem Platz um und musste reanimiert werden.

  • Am Donnerstag tritt Dänemark nun im nächsten EM-Spiel gegen Belgien an.

  • Der 29-Jährige Eriksen schaut die Partie vom Krankenbett aus.

  • Wir haben mit dem ZHAW-Sportpsychologen Dr. Jan Rauch über das Eriksen-Drama gesprochen.

Herr Dr. Rauch, am Samstag kollabierte Christian Eriksen auf dem Feld. Was geht da in den Spielern vor?

Dr. Jan Rauch: Es gibt vielleicht Spieler, die schon einmal gesehen haben, wie jemand kollabiert, ohnmächtig wird oder stirbt. Andere haben das noch nie erlebt. Und so geht jeder Mensch anders mit solch einer Extremsituation um. Sicher ist wohl: Ein Schock war es für alle Beteiligten. Heisst aber: Was da in den einzelnen Spielern genau vorgeht, ist sehr individuell. Ob der Kollaps Angst, Frust, Trotz auslöste? Es kann alles sein.

Was ist in dem Moment des Zusammenbruchs wichtig? Was können die Verantwortlichen machen?

Da vermischt sich das Medizinische und das Psychologische. Zum medizinischen Aspekt will ich nichts sagen. Aus psychologischer Sicht ist das Kommunizieren extrem wichtig. Wieso ist er zusammengeklappt? Was ist jetzt mit ihm? Wie geht es weiter? Informationen helfen immer. Wenn man zum Beispiel wüsste, Eriksen hat einen Herzfehler. Dann relativiert das und man kann den Zusammenbruch besser einordnen. Durch das Geben von Informationen kann man Unsicherheiten auflösen. Offene Kommunikation ist ganz, ganz wichtig!

Und was ist aus sportpsychologischer Sicht im Hinblick auf die nächste Partie am Donnerstag zu beachten?

Sicherlich psychologische Hilfe anbieten. Das macht der dänische Verband ja. Das ist sehr gut – und extrem wichtig. Die Leute müssen das aussprechen können, was sie erlebt haben, wenn sie das wollen. Sich die Last von der Seele reden, damit sie für das nächste Spiel vielleicht wieder fokussiert sind. Aber auch hier: Das ist so individuell. Ich würde als Psychologe mit jedem einzelnen Spieler reden und im Einzelgespräch fragen: Willst du überhaupt spielen? Was brauchst du, damit du wieder spielen kannst? Damit es dir wieder gut geht? Zuletzt gab es ja auch Artikel mit dem Tenor, dass man hätte abbrechen müssen …

Ja! Das wollte ich auch noch ansprechen. Eriksen wurde abtransportiert, die Spieler wurden dann vor die Wahl gestellt: Jetzt weiterspielen oder am nächsten Tag. Können Spieler so etwas in so einem Moment überhaupt entscheiden?

Ich will mal so sagen: Eine solche Stress-Situation ist sicher suboptimal, um wichtige Entscheidungen zu treffen. Dazu kommen die individuellen Unterschiede. Manche Spieler haben vielleicht gedacht: Fussball ist mein Leben und ich habe mich so auf diese EM gefreut. Ich will jetzt weiterspielen. Anderen wurde vielleicht bewusst, dass Fussball nicht alles im Leben ist und es wichtigere Dinge gibt. Das Gleiche gilt bei der Frage: Wie wichtig ist das nächste Spiel? Es ist sicherlich nicht so, dass jeder Spieler denkt, dass die nächste Partie nicht wichtig sei. Manche wollen für den Kollegen spielen, Anderen ist momentan Anderes wichtiger als Fussball.

War es also gut, die Spieler zu fragen?

Es ist sicherlich gut, dass man die Spieler mit einbezieht. Sonst hätte es dann nachher geheissen, dass wieder ein Funktionär einfach über den Kopf der Spieler hinweg entscheidet. Aber ja, es ist schwierig. Wenn man der Mannschaft sagt: Wir machen das, was ihr wollt. Wenn man dem Team also die alleinige Verantwortung übergibt, löst das natürlich auch Druck aus. Die Spieler stehen unter Schock, können das vielleicht gar nicht entscheiden. Die Konzentration ist zu diesem Zeitpunkt doch völlig wo anders. Vielleicht hätte man den Spielern ein wenig mehr Zeit geben müssen. Doch das war wohl nicht möglich, es musste ja relativ zeitnah entschieden werden. In der Regel kann man aber sicherlich die besseren Entscheidungen treffen, wenn man ruhig ist.

Der deutsche Sportpsychologe René Paasch sagte: «Wir sprechen dann in solch einem Moment auch wirklich von einer posttraumatischen Belastungsstörung, die sich manifestieren kann, indem man viele traurige Phasen hat, nicht schlafen und sich nicht konzentrieren kann.» Wie sehen Sie das?

Das kann sein, vor allem können sich ähnliche Symptome manifestieren – aber wohl nicht bei Allen!

Was kann so ein Vorfall denn für langfristige Folgen für die Beteiligten haben? Depressionen, Schlaflosigkeit?

Von schweren Depressionen gehe ich jetzt nicht aus, aber Symptome wie etwa Antriebslosigkeit, Motivationsverlust oder Schlaflosigkeit usw. können bestimmt auftreten. Was ich auch denke, ist, dass der Vorfall bei den Spielern auch Gedanken an die eigene Gesundheit auslöst. Deshalb ist es ja auch so wichtig, dass man gut kommuniziert. Wenn man zum Beispiel weiss, dass der Vorfall nix mit der Sportart Fussball oder einfach sportlichen Höchstleistungen zu tun hat, wirkt das auf die Spieler bestimmt beruhigend.

Und was ist mit Konzentrationsproblemen?

Auch die kann es geben. Ein Spieler kann schon ins Grübeln geraten. Mache ich überhaupt das Richtige? Ist der Spitzensport das Richtige für mich? Sollte ich nicht was anderes machen? Wenn das passiert, kann es sicherlich zu Problemen mit der Konzentration kommen.

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Dänemark-Captain Simon Kjaer ist am Wochenende zum Held avanciert, tröstete er doch die Freundin von Christian Eriksen und leitete die Herzmassage ein. 

Dänemark-Captain Simon Kjaer ist am Wochenende zum Held avanciert, tröstete er doch die Freundin von Christian Eriksen und leitete die Herzmassage ein.

AFP
Dieser klappte am Samstag zusammen. Die Fussballwelt war schockiert. 

Dieser klappte am Samstag zusammen. Die Fussballwelt war schockiert.

Markku Ulander/Lehtikuva/dpa
Der Psychologe Jan Rauch meint: «Es gibt vielleicht Spieler, die schon einmal gesehen haben, wie jemand kollabiert, ohnmächtig wird oder stirbt. Andere haben das nicht noch nie erlebt.»

Der Psychologe Jan Rauch meint: «Es gibt vielleicht Spieler, die schon einmal gesehen haben, wie jemand kollabiert, ohnmächtig wird oder stirbt. Andere haben das nicht noch nie erlebt.»

AFP

Als Held wurde am Weekend der Dänemark-Captain Kjaer gefeiert. Er leitete die Herzmassage ein, tröstete die aufgelöste Freundin. Funktioniert ein Mensch in einer Extremsituation per Autopilot?

Er hat grandios reagiert. Wirklich! Viele Menschen schalten in Extremsituationen auf Autopilot, das stimmt. Beim Captain der Dänen hat das aber sehr bewusst ausgesehen. Man weiss ja viele Dinge nicht: Vielleicht ist er ein guter Freund von Eriksen und dessen Freundin ist eine gute Kollegin von ihm? Seine Handlungen sahen jedenfalls sehr reflektiert und nach kognitiv bewussten Entscheidungen aus.

Das stimmt.

Ja. Was ich noch sagen will: Es ist leider nicht so, dass jede Fussballmannschaft einen eigenen Sportpsychologen hat. Spieler müssen Ansprechpersonen haben, mit denen sie über alles reden können. Mit dem Trainer ist das ja nicht alles möglich. In einem Team herrscht grosse Konkurrenz. Es gibt immer einen Spieler, der einen ersetzen kann. Da getraut man sich nicht immer zum Coach zu gehen und zu sagen: Ich bin noch immer völlig schockiert, denke noch immer an den Vorfall. Der Coach denkt dann vielleicht: Der ist nicht bereit für die Partie.

Zum Schluss: Kann eine Trotzreaktion entstehen? À la: Jetzt spielen wir erst recht für unseren Teamkollegen?

Bestimmt! Es gibt sicherlich einige Spieler, die jetzt doppelt so viel rennen werden, noch mehr geben. Alles für Eriksen. Aber man muss davon ausgehen, dass es auch einige gibt, die am liebsten nach Hause fahren würden.

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