Pädokriminalität: «Ich wurde als Kind jahrelang sexuell misshandelt»
Aktualisiert

Pädokriminalität«Ich wurde als Kind jahrelang sexuell misshandelt»

Als kleiner Bub wurde Pascal (45) über mehrere Jahre vom besten Freund seiner Mutter sexuell misshandelt. Erst als Pascal seinem Peiniger drohte, ihn umzubringen, liess dieser von ihm ab.

von
Jacqueline Straub

Pascal erzählt im Video, was ihm als Kind widerfahren ist.

Video: Fabienne Naef

Darum gehts

  • Im Video spricht Pascal über jahrelange sexuelle Gewalt.

  • Erst als er 14 war, liess sein Peiniger von ihm ab.

  • Er möchte sich von den Misshandlungen nicht das Leben zerstören lassen.

  • 20 bis 33 Prozent der Frauen und 10 bis 16 Prozent aller Männer waren als Kind sexueller Gewalt ausgesetzt.

  • Über 90 Prozent der Kinder werden von nahen Bezugspersonen, häufig innerhalb ihrer Familie, sexuell ausgebeutet.

Regula Schwager ist Psychotherapeutin und Co-Leiterin der Beratungsstelle Castagna für sexuell ausgebeutete Kinder und Jugendliche und in der Kindheit ausgebeutete Frauen und Männer.

Regula Schwager ist Psychotherapeutin und Co-Leiterin der Beratungsstelle Castagna für sexuell ausgebeutete Kinder und Jugendliche und in der Kindheit ausgebeutete Frauen und Männer.

Castagna

«Sexuelle Gewalt gegen Kinder ist schockierend häufig»

Regula Schwager, Sie sind Psychotherapeutin und haben die sexuelle Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen in den letzten Jahren analysiert. Zu welchem Resultat kommen Sie?

Sexuelle Ausbeutung von Kindern ist meines Erachtens eines der schwersten Verbrechen. Eine unendlich grosse Anzahl von Kindern erlebt diese Form von Gewalt.

Finden Sie das Strafmass bei sexueller Gewalt zu tief?

Ja, ich teile die Meinung der meisten unserer Klientinnen und Klienten, dass die Strafen für sexuelle Handlungen an Kindern in der Schweiz sehr tief sind. Haftstrafen werden häufig so kurz oder auf Bewährung ausgesprochen, als ob es sich um Bagatelldelikte handelte. Gemessen am Schaden, den diese Taten den Kindern und ihren Familien zufügen, wird der Strafrahmen viel zu selten voll ausgeschöpft.

Wie viele Kinder und Jugendliche sind in der Schweiz von sexueller Gewalt betroffen?

Aufgrund von diversen Studien muss man davon ausgehen, dass 20 bis 33 Prozent der Frauen und 10 bis 16 Prozent aller Männer als Kind sexueller Gewalt ausgesetzt waren. Die Dunkelziffer ist natürlich deutlich höher. Im letzten Jahr behandelten wir allein bei der Opferhilfe Castagna 1245 Fälle. Sexuelle Gewalt gegen Kinder ist also schockierend häufig.

Was machen Kinder durch, die sexuelle Misshandlung erleben?

Über 90 Prozent der Kinder werden von nahen Bezugspersonen, häufig innerhalb ihrer Familie, sexuell ausgebeutet. Alle diese Kinder haben eine tiefe Bindung zu der tätlichen Person. Die Tatsache, dass diese vertraute Person Übergriffe begeht, ist für das Kind nicht einzuordnen. Es ist verwirrt und in einem tiefen inneren Konflikt gefangen. Die Kinder versuchen, die tätliche Person und ihre Familie zu schützen. Sie reden nicht über den Horror, den sie erleben, und bleiben mit ihren Geheimnissen allein. Es berührt mich immer wieder, zu sehen, wie allein und isoliert diese Kinder aufwachsen, wie allein sie diese vermeintliche Verantwortung zu tragen versuchen.

Was macht es mit Kindern und Jugendlichen, die sexuelle Gewalt erfahren haben?

Sexuelle Ausbeutung ist für das Kind immer traumatisch. Es erlebt Dinge, welche es nicht bewältigen kann. So sehen wir bei fast allen betroffenen Kindern schwere Traumafolgen, welche die Entwicklung eines Kindes auf allen Ebenen beeinflussen.

Wie gehen die Täter vor?

Sie missbrauchen das kindliche Vertrauen, um ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Häufig manipulieren sie die Kinder, um sie gefügig zu machen, und setzen sie unter Druck, damit sie schweigen.

Wo sind die Schwierigkeiten, wenn Personen, die als Kind sexuelle Gewalt erlebt haben, Anzeige erstatten möchten?

Die Betroffenen haben Angst, dass ihnen nicht geglaubt wird. Auch die Befürchtung, dass sich ihre Angehörigen von ihnen abwenden, hindert viele daran, die tätliche Person anzuzeigen. In der Regel gibt es keine Zeugen und keine Beweise dieser Straftaten. Der Betroffene muss beweisen, dass er ausgebeutet wird oder wurde, was in der Regel nicht möglich ist. So steht eigentlich immer Aussage gegen Aussage, und deshalb werden fast alle Verfahren mangels Beweisen eingestellt.

Serie zu Pädophilie und sexueller Gewalt an Kindern

Teil 1: Pascal (45): «Ich wurde als Kind jahrelang sexuell misshandelt»

Teil 2: Philipp (28): «Ich bin pädophil, aber ich werde nie ein Kind anfassen»

Teil 3: Marion (51): «Mein Ex-Mann ist pädokriminell und sitzt im Gefängnis»

Teil 4: Sandra (58): «Ich bin mitschuldig, dass mein Sohn sexuell misshandelt wurde»

Teil 5: Kapo St. Gallen: «Der Konsum von Kinderpornos nimmt wegen Corona zu» 

Bist du oder jemand, den du kennst, pädophil oder von Pädokriminalität betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Castagna, Opferhilfe für sexuell ausgebeutete Kinder und Bezugspersonen

Kokon, Beratungsstelle und Hotline für Betroffene von körperlicher, seelischer oder sexueller Gewalt

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Bist du selbst pädophil und möchtest nicht straffällig werden? Hilfe erhältst du beim Institut Forio und bei den Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel (UPK).

Kummer Nummer, 0800 66 99 11

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