Post-Turbulenzen: «Ich wurde bewusst missverstanden»
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Post-Turbulenzen«Ich wurde bewusst missverstanden»

Nach Postminister Leuenberger gestern geht heute auch Post-VR-Präsident Claude Béglé in die Offensive: Er bringt ein wenig Licht in das Auswahlverfahren, zeigt sich selbstkritisch und verteidigt seine umstrittene Auslandstrategie – die es sehr wohl gebe.

von
mlu
Bundesrat Moritz Leuenberger und Post-Chef Claude Béglé.

Bundesrat Moritz Leuenberger und Post-Chef Claude Béglé.

Ein «Swissair-Syndrom» gebe es in der Schweiz. Doch die Post wolle keinesfalls Klumpenrisiken eingehen und keinen Milliarden-Einkauf im Ausland tätigen, sondern durch «viele kleinere Deals» wachsen, erklärte Béglé gegenüber der «Neuen Zürcher Zeitung». Das internationale Geschäft könne den Rückgang der Erträge im Inland kompensieren.

«Das ist eine Realität»

Denn die Grundversorgung in der Schweiz rentiere in der Schweiz zwar noch, doch drohe ein massiver Mengenrückgang: Bis 2015 dürfte er rund 30 Prozent betragen, so Béglé: «Das ist eine Realität.» Hauptziel der Post ist laut dem Verwaltungsratspräsidenten «nicht ein maximaler Gewinn, sondern die Grundversorgung, der Universaldienst der Post bei Briefen, Zeitungen, Paketen und Zahlungsverkehr im Inland.»

Am Wochenende war in der Sonntagspresse zu lesen, die Post habe gar keine Auslandsstrategie. Dem widerspricht Béglé: «Der Titel ist falsch.» Man habe strategische Richtlinien, diese stünden im Einklang mit den Richtlinien des Bundesrates. Es liege nun an der Konzernleitung, konkrete Ziele zu erarbeiten, dann werde der Verwaltungsrat über die langfristige Strategie abstimmen.

Béglé: Dialog mit VR gesucht

Die Kritik, die in den vergangenen Tagen an ihm geäussert worden war, sei «unangenehm» und habe den Verwaltungsrat in seiner Arbeit gehemmt, sagte Béglé. Er räumte ein, dass er unterschätzt habe, «was ich auslöse, wenn ich laut denke». Ende Dezember war Béglé mit der Aussage zitiert worden, die Post müsse «wie Nestlé» werden.

Auch im «Club» des Schweizer Fernsehens zeigte sich der Post- Verwaltungsratspräsident am Dienstagabend selbstkritisch. Wenn er zurückblicke, dann sei er «zu schnell» gewesen, räumte Béglé zu seinem forschen Auftreten ein. «Ich nehme diese Kritik an».

Weil er nicht deutscher Muttersprache sei, habe er möglicherweise «nicht die korrekten Wörter gefunden», sagte der Romand. Er habe jedoch nie an Rücktritt gedacht, trotz dem grossen Druck, der auf seinen Schultern laste, sagte Béglé im «Club» weiter. «Ich kämpfe weiter, weil ich von meinen Ideen überzeugt bin».

Bereits am Montag hatte Postminister Leuenberger beteuert, die Auswahl Béglés als VR-Präsident sei absolut normal verlaufen. Béglé sieht das erwartungsgemäss gleich. Er habe mehrere Meetings mit Headhunterin Doris Aeby gehabt: «Das dauerte alles recht lange.» Leuenberger habe er während des Auswahlprozesses einmal getroffen.

«Wenn ein Neuer kommt, gibt es immer Lager»

Im Streit um die künftige Strategie war es vergangene Woche zu einem weiteren Abgang an der Spitze des gelben Riesen gekommen: Der langjährige Verwaltungsrat Wolfgang Werlé hatte am 6. Januar seinen sofortigen Rücktritt angekündigt - zwei Wochen zuvor war bereits Rudolf Hug aus dem Gremium ausgeschieden.

Beide gaben als Grund «unterschiedliche Auffassungen» mit Béglé an. Er habe den Dialog gesucht, erklärte der Verwaltungsratspräsident jetzt gegenüber der «NZZ», doch es habe keinen Konsens gegeben: «Wenn ein neuer Mann kommt, gibt es immer Lager», sagte er weiter.

Leuenberger: Wahl «absolut korrekt»

Bundesbern versuchte am Montag, die Wogen in dem Streit zu glätten. Laut Postminister Moritz Leuenberger verlief das Wahlverfahren, das zu Béglés Ernennung geführt hatte, «absolut korrekt». Es habe alle nötigen Schritte enthalten.

Leuenberger sprach von einer «Schlammschlacht» gegen den Verwaltungsratspräsidenten. Auch im Zusammenhang mit dem eigentlichen Auslöser der Kontroverse - der Entlassung von Post-CEO Michel Kunz Mitte Dezember -, verteidigte der Bundesrat Béglé.

Die zuständige Ständeratskommission zeigte sich zufrieden mit den Erklärungen Leuenbergers. Die Gewerkschaft Transfair forderte am Montag, dass der Bundesrat untersucht, ob das geplante Auslandgeschäft der Post mit seinen Vorgaben kompatibel ist. (mlu/sda)

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