31.10.2020 17:18

Vorwürfe an den Turnverband«Ich wurde fertig gemacht, ich sei als Mensch unfähig, ich sei dumm»

Die sogenannten Magglingen-Protokolle, die von haarsträubenden Vorwürfen an den Turnverband erzählen, sorgen für viel Wirbel.

von
Laura Inderbitzin
1 / 3
Ehemalige Spitzenathletinnen erzählen von ihren Erlebnissen in Trainings im Leistungszentrum in Magglingen.

Ehemalige Spitzenathletinnen erzählen von ihren Erlebnissen in Trainings im Leistungszentrum in Magglingen.

Foto: Imago
Ihre Erzählungen und Vorwürfe sind ernst.

Ihre Erzählungen und Vorwürfe sind ernst.

Foto: Urs Lindt (Freshfocus)
In der Turnhalle in Magglingen soll sich Schreckliches zugetragen haben.

In der Turnhalle in Magglingen soll sich Schreckliches zugetragen haben.

Foto: Peter Schneider (Keystone)

Darum gehts

  • Im «Magazin» machen ehemalige Spitzenathletinnen neue Vorwürfe an den Schweizerischen Turnverband öffentlich.

  • Ihre Erzählungen zeugen von unzumutbaren Bedingungen in Magglingen.

  • Die Ex-Sportlerin Stephanie Kälin sagt: «Keine Entschuldigung, kein Geld der Welt kann wieder gut machen, was mir angetan wurde.»

Acht Frauen haben ihr Schweigen gebrochen, acht Frauen haben von ihren schrecklichen Erlebnissen erzählt, acht Frauen erheben schlimme Vorwürfe gegen den Schweizerischen Turnverband (STV). Ehemalige Spitzensportlerinnen aus der Rhythmischen Gymnastik und dem Kunstturnen erzählten dem «Magazin» (mit Bezahlschranke) von ihren jahrelangen Qualen im Leistungszentrum in Magglingen.

Ihre Geschichten sind grauenvoll, beängstigend und traurig. So erzählt Marine Périchon: «Als ich vor Erschöpfung zusammenklappte, zeigte Vesela (Vesela Dimitrova, bis 2013 Nationaltrainerin in der Rhythmischen Gymnastik) auf einen leeren Plastiksack: ‹Schau, Marine, das bist du. Du bist nichts.› Ich war da schon so kaputt, dass ich tatsächlich dachte: Ja, sie hat recht.» Dann habe die Trainerin den Sack in zwei Teile gerissen.

Oder Ariella Käslin, die WM-Zweite und Europameisterin im Sprung, die auch ein Buch über ihr Leiden geschrieben hat, sagt: «In Magglingen fühlte ich mich immer beobachtet. Ich war nie frei, nie.»

«Keine Entschuldigung, kein Geld der Welt kann wieder gut machen, was mir angetan wurde.»

Stephanie Kälin

Die ehemaligen Athletinnen sprechen über Depressionen, Essstörungen, posttraumatische Belastungsstörungen und Suizidgedanken. Alles ausgelöst durch das Training in Magglingen, das gemäss den Vorwürfen überhart, einschüchternd, manipulierend, psychisch zerstörend sei. Lynn Genhart blickt zurück: «Ich wurde fertig gemacht. Ich sei als Mensch unfähig, ich sei dumm. Man sagte mir, immer vor allen anderen: Was ich eigentlich das Gefühl hätte, wer ich sei, eine Topturnerin?!»

Essstörungen seien normal

«Manchmal schlugen sie uns auf die Beine und Arme, kniffen uns so hart, dass ich blaue Flecken bekam», erzählt Lisa Rusconi auch von körperlichen Bestrafungen. Viele hätten Probleme mit dem Essen gehabt. Minus fünf Kilo in einer Woche – das sei normal. «Ich kann bis heute nicht essen, wenn jemand zusieht.»

Stephanie Kälin sagt: «Keine Entschuldigung, kein Geld der Welt kann wieder gut machen, was mir angetan wurde.»

Die Turnhalle End der Welt in Magglingen.

Die Turnhalle End der Welt in Magglingen.

Foto: Peter Schneider (Keystone)

Die Vorwürfe der Athletinnen beziehen sich auf Trainings in den Jahren seit 2005 bis 2020. In dieser Zeit hat der Turnverband Trainer der Rhythmischen Gymnastik oder Kunstturnen dreimal entlassen und ersetzt, jedes Mal wegen massiver Beschwerden der Athletinnen. Eine Besserung zeigte sich bislang nicht.

Derzeit läuft im STV ein Untersuchungsverfahren einer externen Anwaltskanzlei, das nach neuen Vorwürfen und Entlassungen im Sommer gestartet wurde. Aufgrund dieses laufenden Verfahrens nimmt der STV nur spärlich Stellung zu den neuerlichen, härteren Vorwürfen, wie das «Magazin» schreibt. «Das Wohlbefinden unserer Turnerinnen und Turner steht für uns im Zentrum», heisst es vom STV.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.