Aktualisiert 29.03.2020 10:19

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«Ich wurde oft beleidigt, weil ich so dünn bin»

Talina (19) ist seit ihrer Kindheit sehr schlank, obwohl sie viel isst. Sie muss sich deswegen oft dumme Kommentare anhören.

von
mim
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Talina aus Zürich hat einen dünnen Körperbau, obwohl sie viel isst.

Talina aus Zürich hat einen dünnen Körperbau, obwohl sie viel isst.

Privat
Sie muss sich deswegen regelmässig dumme Kommentare anhören, wie sie sagt: «Die Leute sagen Dinge wie: ‹Deine Beine sehen aus wie zwei Stecken.› Oft werde ich auch gefragt, ob ich ‹denn genug esse›. Und das, obwohl ich vollkommen gesund bin, genug esse und mich körperlich fit fühle.»

Sie muss sich deswegen regelmässig dumme Kommentare anhören, wie sie sagt: «Die Leute sagen Dinge wie: ‹Deine Beine sehen aus wie zwei Stecken.› Oft werde ich auch gefragt, ob ich ‹denn genug esse›. Und das, obwohl ich vollkommen gesund bin, genug esse und mich körperlich fit fühle.»

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«Manchmal meinen es die Leute gar nicht wirklich böse. Sie verstehen einfach nicht, dass sich auch dünne Menschen in ihrem Körper unwohl fühlen können», so Talina.

«Manchmal meinen es die Leute gar nicht wirklich böse. Sie verstehen einfach nicht, dass sich auch dünne Menschen in ihrem Körper unwohl fühlen können», so Talina.

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Talina, wie würdest du deinen «Makel» beschreiben?

Ich war schon immer sehr dünn, obwohl ich viel esse. An was es liegt, weiss ich nicht – ich habe wohl einfach einen sehr schnellen Stoffwechsel. Schon seit meiner Kindheit muss ich mir deswegen dumme Kommentare anhören. Als ich noch ein Kind war, wurde meine Mutter sogar regelmässig gefragt, ob ich eine Essstörung habe.

Von wem kommen solche Kommentare?

Von Leuten in der Schule oder aus dem eigenen Umfeld, aber auch von Fremden auf der Strasse oder auf Instagram. Wenn ich etwas Figurbetontes trage – wie Strümpfe mit hohen Schuhen – häufen sich die blöden Bemerkungen.

Was musst du dir anhören?

Dinge wie: «Deine Beine sehen aus wie zwei Stecken.» Der Klassiker ist aber die Frage, ob ich denn «genug esse». Das passierte mir sogar, als ich Blut spenden gehen wollte. Da ich unter 50 Kilogramm bin, durfte ich mir kein Blut abnehmen lassen. Der Verantwortliche meinte zu mir, dass ich besser auf mein Essverhalten schauen sollte, statt Blut zu spenden.

Was haben solche Kommentare bei dir ausgelöst?

Oft meinen es die Leute eigentlich gar nicht böse. Trotzdem haben mich solche Anmerkungen vor allem früher sehr verletzt. In den Köpfen der Menschen ist es irgendwie verankert, dass sich dünne Menschen in ihrem Körper immer wohl fühlen. Dabei ist das überhaupt nicht der Fall.

Haben dich die Kommentare verunsichert?

Ja, früher sogar sehr. Ich habe lange versucht zuzunehmen. Ich ass täglich um die fünf Malhzeiten – gebracht hat es aber nichts. Ich achtete in dieser Zeit auch darauf, dass meine Kleiderwahl nicht zu figurbetont war: Ich trug keine Röcke, Strümpfe oder kurze Hosen. Und: Auf Insta-Bildern habe ich stets darauf geachtet, dass ich nicht in einem Winkel posiere, der mich zusätzlich dünn aussehen lässt.

Wie reagierst du heute auf negative Bemerkungen?

Ich sage den Leuten, dass mir bewusst ist, dass ich sehr schlank bin – und dass ich mich dennoch wohlfühle. Oft mache ich sie auch darauf aufmerksam, dass ihre Kommentare verletzend sein können. Einer dicken Person würde man schliesslich auch nicht einfach so sagen, dass sie weniger essen sollte. Die meisten Leute sehen das ein und entschuldigen sich für ihre Kommentare.

Fühlst du dich heute wohl in deinem Körper?

Ja, sehr. Ich liebe mich, so wie ich bin, und bin mit meinem Body zufrieden. Wenn ich jemandem nicht gefalle, ist mir das egal. Ich stärke auch bewusst mein Selbstvertrauen, in dem ich mir regelmässig sage, dass ich gut und schön bin, so wie ich nun mal bin. Auch mein Freund vermittelt mir eine Menge Selbstbewusstsein: Er liebt mich und meinen Körper und gibt mir das auch zu verstehen.

Wie kam es denn zu diesem Wandel?

Von Freunden habe ich mitbekommen, dass einige Leute an meiner Schule über mich lästern, weil ich so dünn bin. Dann habe ich auf meinem Instagram-Account einen Beitrag über Bodyshaming gegenüber schlanken Menschen gepostet. Mir haben anschliessend andere dünne Leute geschrieben, denen es ähnlich geht. Zu merken, dass ich nicht allein bin, hat mir sehr geholfen.

Was wünschst du dir von Sprücheklopfern?

Dass sie erst überlegen sollen, bevor sie den Körper von jemand anderem laut beurteilen. Das kann betroffene Leute nämlich wirklich sehr verletzen und verunsichern. Ausserdem sollte man sich bewusst sein, dass auch dünne Menschen Unsicherheiten haben.

Was würdest du anderen raten, die eine Unsicherheit haben?

Man soll sich nicht von den Kommentaren von anderen Leuten beeinflussen lassen. Und wenn jemand etwas Dummes zu dir sagt, schluck es nicht runter, sondern reagiere darauf. Konfrontiere solche Leute und frage sie, wieso sie das tun – und erkläre ihnen, dass es dich verletzt. Ausserdem ist es wichtig, sich ein unterstützendes Umfeld aufzubauen: Leute, die dich runterziehen, brauchst du nicht an deiner Seite.

Talina ist 19 Jahre alt, wohnt in Zürich und arbeitet am SBB-Schalter. In ihrer Freizeit singt sie gern und spielt Gitarre.

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