Aktualisiert 30.09.2019 15:39

Haarjäger

«Ich zahle dir 500 Franken für eine Glatze»

Frauen opfern weltweit ihre Haare, um ihr Einkommen aufzubessern. Wie viel Geld bekomme ich in der Schweiz dafür?

von
Désirée Pomper

Cindy Fröhlichs blondes Haar fällt bis zur Hüfte. Es ist das Haar einer Fremden. «Ich liebe langes Haar. Es ist die Antenne zur Übersinnlichkeit», sagt Cindy und öffnet den Briefkasten. In einem Couvert liegt ein dicker brauner Haarzopf und ein Einzahlungsschein. Wir steigen die Treppen hinunter.

Im ausgebauten Keller eines Mehrfamilienhauses in Winterthur hat die 40-Jährige ihre Haar-Boutique eingerichtet. An den Wänden hängen dutzende Haarbündel nach Länge und Farbe sortiert. Dickes, aschiges Kinderhaar von Rosa (8). Ein stark gelockter schwarzer Männer-Rossschwanz. Cindy streichelt es liebevoll. Später wird sie das Haar Kundinnen als Extensions einarbeiten.

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Cindy Fröhlich (40) aus Winterthur kauft europäisches Echthaar und verarbeitet es zu Extensions weiter. Auch sie selber trägt fremdes Haar.

Cindy Fröhlich (40) aus Winterthur kauft europäisches Echthaar und verarbeitet es zu Extensions weiter. Auch sie selber trägt fremdes Haar.

dp
Umso heller das Haar, desto wertvoller.

Umso heller das Haar, desto wertvoller.

Auch gelocktes Haar (hier ein Männer-Rossschwanz) erzielt einen höheren Preis.

Auch gelocktes Haar (hier ein Männer-Rossschwanz) erzielt einen höheren Preis.

Serie: Was für einen Wert hat mein Körper?

Teil 1: Ein Konfibrot für mein Blut

Teil 2: Wie viel zahlst du für mein langes Haar?

Teil 3: 1000 Euro für eine Eizellenspende in Spanien

Teil 4: Das illegale Geschäft dubioser Nierenhändler

Teil 5: «Für eine Stunde Sex gibt es 162 Franken»

Wir sitzen zwischen den abgeschnittenen Zöpfen und trinken Kaffee. Einige davon wurden Cindy, die auch als Kartenlegerin und spirituelle Beraterin tätig ist, von Privatpersonen zugeschickt. Andere erhält sie von ihrem persönlichen Haarjäger, einem Schweizer. Dieser kontaktiert Frauen im Internet und besucht sie in ganz Europa. «Er liebt es einfach, langes Frauenhaar abzuschneiden», sagt Cindy und legt seine letzte Beute auf den Tisch: Dicke Zöpfe aus Albanien. Einen grauen Ein-Meter-Zopf aus Portugal. 1000 Franken habe die Besitzerin dafür bekommen.

«Das Haar hat noch gemenschelt. Der Fettgeruch haftete daran.»

Einen grossen Teil erhält Cindy von Haarlieferanten aus Osteuropa. Das Preis-Leistungs-Verhältnis sei grundsätzlich gut. Aber: «Sie haben mir auch schon vier Kilogramm ungewaschenes Haar für 4000 Franken geschickt. Das war ekelhaft», erinnert sich Cindy. Die Haare hätten noch gemenschelt: «Der Fettgeruch haftete daran.» Sie habe Wochen damit verbracht, es zu reinigen, auch in spiritueller Hinsicht.

Das Haar stammte von Frauen aus ärmeren, ländlichen Regionen in der Ukraine, Moldawien oder Rumänien, wo die Frauen ihr Haar nicht regelmässig waschen könnten. Mit dem Verkauf ihrer Haare verdienten sie bis zu einem Monatslohn.

Wie freiwillig wohl Frauen aus diesen Regionen ihr langes Haar abschneiden lassen? Klar, der Schnitt ist physisch nicht schmerzhaft. Dennoch symbolisieren lange Haare für gewisse Frauen Stärke und Weiblichkeit. Hat Cindy denn nie ein schlechtes Gewissen, die finanzielle Not der Frauen auszunützen?

«Nein, ich zahle faire Preise und behandle die Haare mit Respekt», sagt die gelernte Coiffeuse. Sie verwende es nicht für Frauen, die sich einfach mal aus Spass Extensions machen liessen, es allenfalls noch färbten oder streckten. Sondern für Kundinnen, die das Echthaar schätzten: «Manche weinen aus Freude, weil sie endlich schöne lange Haare haben. Bei mir gehen alle Rapunzelträume in Erfüllung.»

«Haar wird gehandelt wie Gold»

Kopfzerbrechen dagegen bereiten Cindy, die ausschliesslich mit europäischem Haar handelt, die Haarpreise auf dem internationalen Markt: «Das Rohmaterial wird inzwischen gehandelt wie Gold. Der Kurs steigt und steigt.»

Vor 15 Jahren habe sie für ein Kilo 50-Zentimeter-Zöpfe noch 1400 Franken gezahlt. Heute seien es bis zu 3000 Franken. Für blondes Haar gebe es einen Preiszuschlag von bis zu 20 Prozent. Dieses sei inzwischen sowieso ein rares Gut: «Blondinen sterben aus.»

Cindy steht auf und präsentiert «das Wertvollste», was sie in ihrem Salon hortet: Eine 1,20 Meter lange, hellblond gelockte Haarpracht. Sie hüte sie wie ihren Augapfel, sagt Cindy. Ein Kunde zahlt dafür rund 2500 Franken.

Dieses blonde 1,20 Meter lange Haar für 2500 Franken ist «das Wertvollste», was Cindy in ihrem Salon hortet.

Mit langen blonden Locken kann ich definitiv nicht mithalten. Dennoch nimmt es mich wunder, wie viel Geld mir mein Haar in die Kasse spülen könnte. Mein Haar sei schön, gesund und habe kaum Spliss, sagt Cindy. Ich rechne mit mindestens hundert Franken. Cindy bindet mir einen Rossschwanz, misst und wiegt ihn. 24 Zentimeter, 35 Gramm. «Dafür bekommst du 25 Franken.» Einträglicher sei es, das Haar an Haarfetischisten zu verkaufen, sagt Cindy. «Aber die machen ekelhafte Dinge damit.» Ich beschliesse, auf einen neuen Haarschnitt zu verzichten.

«Ich zahle dir 500 Franken für eine Glatze»

Haare werden für Extensions oder Perücken verwendet – aber auch Haarfetischisten sind daran interessiert. Ich stosse auf eine registrierungspflichtige amerikanische Plattform, auf der mehrheitlich Frauen ihr Haar feilbieten. Zum Beispiel Wendy* aus den USA. Sie verkauft ihr 63 Zentimeter langes rotes Haar für 1000 Dollar. «Mein Haar ist meist geflochten und sorgt immer für Gesprächsstoff», schreibt sie. Sie rauche und trinke nicht und wasche ihr Haar einmal pro Woche. Auffällig viele Frauen preisen ihr Haar als «jungfräulich» an – das heisst, es wurde weder gefärbt noch gestreckt. Das gibt einen Extrabonus.

Für wie viel wohl mein 24 Zentimeter langes, hellbraunes Haar weggehen würde? Ich registriere mich für 14.50 Dollar auf der Plattform und lege den Kaufpreis bei 50 Dollar an. Das ist doppelt so viel, wie mir Cindy aus Winterthur, die das Haar zu Extensions verarbeitet, dafür geboten hatte.

Auf einer Onlineplattform schreibe ich mein Haar für 50 Dollar aus. Nach einer Stunde habe ich das erste Angebot in der Inbox. Screenshot

Nach einer Stunde schreibt mir Thomas*: «Könntest du dir vorstellen, dass ich dir die Haare schneide?», fragt der User aus der Schweiz. Er sei ein erfahrener Hobbyfriseur: «Mein Interesse gilt dem Haareschneiden.» Das geschnittene Haar gebe er an eine Friseurin für Extensions weiter. Thomas fragt, ob er vor dem Abschneiden noch ein paar Flechtfrisuren machen und diese fotografieren dürfe. 60 Franken würde er mir dafür geben. Um meine Sicherheit brauche ich mir keine Sorgen zu machen. Ich dürfe auch eine Freundin zum Treffen mitnehmen.

Thomas interessiert, wie kurz ich mir die Haare schneiden lassen würde: «Sag mir, für wie viel Geld du zu einer Totalrasur einwilligen würdest.» Er schlägt 500 Franken vor. Für mehr müsse ich ihm «ein anderes Angebot» machen. Nach diesem letzten Mail oute ich mich als Journalistin und frage Thomas, ob er sowas öfter mache. Er bejaht. Einer Frau, die Haare bis zum Knöchel hatte, habe er für eine Rasur 1150Franken geboten.

«Ich zahle dir 500 Franken für eine Glatze»

Internationaler Haarhandel

Extensions und Perücken: Das Geschäft mit echtem Menschenhaar floriert auf allen Kontinenten und ist eine Millionen-Dollar-Industrie. Spitzenreiter ist Indien. Von dort wurden 2018 Haare im Wert von 35 Millionen Dollar exportiert. Auf Platz zwei folgt Hongkong (17,9 Mio), auf Platz drei Burma (8,9 Mio).

Die Kehrseite des boomenden Haarhandels: Organisierte Kriminalität und Haarraub. Dieser erreichte 2013 seinen Höhepunkt in Venezuela, als Mitglieder der Haar-Mafia Passantinnen überfielen und ihnen die Zöpfe abschnitten.

Internationaler Haarhandel

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