18.06.2016 19:31

Eis go zieh mit ... Matthias Aebischer

«Ich zehre noch heute vom SRF-Bonus»

Er ist Sozialdemokrat und EU-Skeptiker, dreifacher Vater und ehemals «schönster Moderator». 20 Minuten hat Matthias Aebischer in Bern getroffen.

von
J. Büchi
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Matthias Aebischer trifft 20 Minuten im Adriano's in Bern auf einen Cappuccino.

Matthias Aebischer trifft 20 Minuten im Adriano's in Bern auf einen Cappuccino.

20 Minuten/ jbu
Der Berner sitzt seit 2011 im Nationalrat. Die SP habe sich mit ihm den «perfekten Kandidaten» geangelt, schrieben die Medien damals.

Der Berner sitzt seit 2011 im Nationalrat. Die SP habe sich mit ihm den «perfekten Kandidaten» geangelt, schrieben die Medien damals.

Keystone/Gaetan Bally
Aebischer lebt in einer Patchwork-Familie, seit jeher hat er seinen eigenen Haushalt. Seine jüngste Tochter (7) betreut er an zwei Tagen die Woche, die beiden älteren Mädchen (14 und 17) aus einer früheren Beziehung sogar dreimal.

Aebischer lebt in einer Patchwork-Familie, seit jeher hat er seinen eigenen Haushalt. Seine jüngste Tochter (7) betreut er an zwei Tagen die Woche, die beiden älteren Mädchen (14 und 17) aus einer früheren Beziehung sogar dreimal.

Keystone/Gaetan Bally

«Jetzt blöffsch aber wie ne Moore.» Der Tischnachbar, ein redseliger Stammgast, kann kaum glauben, was Matthias Aebischer da erzählt: 50 Prozent Hausmann und Vollblut-Politiker will er sein – und dann auch noch mindestens dreimal pro Woche Sport treiben? «Das geht doch gar nicht auf.»

Doch, sagt Aebischer. Laut einem Ranking zählt er zu den effizientesten Politikern im Bundeshaus. Ausserhalb des Ratsaals gelten für ihn offensichtlich dieselben Massstäbe. Zu Beginn des Interviews stehen bereits zwei Tassen auf dem Tisch vor dem Café Adriano's. «Ich habe schon bestellt, möchten Sie die Schale oder den Cappuccino?», fragt er zur Begrüssung gut gelaunt.

Ein Roter vom Land

Mediengewandt, souverän, charmant: Mit Aebischer habe sich die SP den «perfekten Nationalratskandidaten» geangelt, schrieb die «Schweizer Illustrierte» 2011, als der Berner seine Ambitionen publik gemacht hatte. Der Tischnachbar ist offenbar nicht überzeugt: Mit kritischen Fragen zu Kinderbetreuung und Zeitmanagement versucht er, den SP-Politiker aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Aebischer lässt sich nicht irritieren. Er sei als Kind zweier sozialdemokratischer Lokalpolitiker in Schwarzenburg aufgewachsen, erzählt er. «Meine Eltern redeten zwar immer von gleichberechtigter Aufgabenteilung, lebten aber das alte Rollenmodell – ich wollte es anders machen.» Es präge einem, auf dem Land aus einem roten Haushalt zu kommen, so der 49-Jährige lachend. Noch heute habe er jedes Mal Freude, wenn in der Stadt Bern die Mehrheit so stimme wie er.

Dreifacher Vater

Um seine Überzeugungen auch in der Öffentlichkeit vertreten zu können, hängte er seinen Job beim Schweizer Fernsehen ein halbes Jahr vor den Wahlen 2011 an den Nagel. Er hatte sich unter anderem als «Kassensturz»-, «Tagesschau»- und «Club»-Moderator einen Namen gemacht. Schon damals überbot sich die Presse mit positiven Attributen für den SRF-Beau: «Wenn Matthias Aebischer in der 13- Uhr-Tagesschau seinen Schwiegersohn-Charme spielen lässt, wird in der Stube das Mittagessen kalt», schwärmte etwa die «SonntagsZeitung». 2009 wurde er zum «schönsten Moderator der Schweiz» gekürt. Auch seine Hausmann-Rolle wurde immer wieder prominent thematisiert.

Aebischer lebt in einer Patchwork-Familie, seit jeher hat er seinen eigenen Haushalt. Seine jüngste Tochter (7) betreut er an zwei Tagen die Woche, die beiden älteren Mädchen (14 und 17) aus einer früheren Beziehung sogar dreimal. Er sagt: «Mit 30 war ich stolz darauf, zur Hälfte Hausmann zu sein, und habe dafür gekämpft.» Inzwischen sehe er vieles lockerer: «Wenn ich über Mittag eine Sitzung habe, lege ich den beiden Älteren auch einmal ein Nötli hin, damit sie sich beim Beck ein Sandwich holen können – deshalb geht die Welt nicht unter.»

Glaubwürdigkeits-Bonus dank SRF

Den Schlagzeilen aus der SRF-Zeit trauert Aebischer nicht nach. Noch immer brächten ihn aber viele Leute mit dem TV-Bildschirm in Verbindung. «Meine Vergangenheit als SRF-Moderator verlieh mir eine hohe Glaubwürdigkeit, von der ich wohl bis heute zehren kann», stellt der Berner fest.

Seine Analysen legt er mit der Bestimmtheit eines erfahrenen Moderators dar. Dabei geht er mit seiner Partei auch durchaus kritisch ins Gericht. Die SP kommuniziere «nicht immer gut», sagt er etwa. Manchmal würden «zuoberst im Schlosszimmerchen» Positionen erarbeitet, die dann draussen kaum jemand verstehe. Das müsse sich ändern, wenn man beispielsweise die Arbeiter wieder abholen wolle. «Es kann doch nicht sein, dass sich ausgerechnet jene Leute über uns aufregen, die von den durch die SP initiierten sozialen Errungenschaften am meisten profitieren.»

Künftiger Fraktions- oder Parteipräsident?

Als erklärter EU-Skeptiker ist es sich der Berner gewohnt, parteiintern im Gegenwind zu stehen, schliesslich sind «rasche» Beitrittsverhandlungen Teil des Parteiprogramms. Aebischer kritisiert, die Europäische Union sei ein reines Wirtschaftskonstrukt, das Soziale hingegen bleibe auf der Strecke. Obschon sich die EU-Länder auf institutioneller Ebene nie richtig einigen konnten, sei der Euro eingeführt worden. Für Aebischer ist klar: «Das war ein Fehler.»

Wer dem 49-Jährigen zuhört, merkt: Er will mehr als nur ein prominenter Quereinsteiger sein – er möchte den SP-Kurs mitprägen. Sieht er sich gar als künftigen Partei- oder Fraktionspräsidenten? Er fühle sich in der SP äusserst wohl und sei offen für weitere Aufgaben, antwortet er vielsagend. Als Läufer – Aebischer ist OK-Präsident des Grand Prix Bern und ist diesen selber schon 18 Mal gelaufen – weiss er seine Kräfte einzuteilen.

Fünf Fragen an Matthias Aebischer

Welche Schlagzeile würden Sie gerne über sich lesen?

Aebischer schiesst entscheidendes Tor für die Schweiz

Ihr erster Job?

Bademeister.

Ihr bester Entscheid?

Kinder zu haben.

Wie glücklich sind Sie von eins bis zehn?

10

Das letzte Mal betrunken?

Vorgestern, angetrunken.

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