Nach dem Eklat: «Ich zielte nicht auf Israel»
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Nach dem Eklat«Ich zielte nicht auf Israel»

Wutentbrannt verliess der türkische Ministerpräsident Erdogan eine Podiumsdiskussion am WEF. Eine Stunde später erklärt er sich: Nicht der israelische Präsident Peres sei Schuld an seinem Ausraster, vielmehr habe er gegen die Gesprächsleitung protestieren wollen. Bei seiner Rückkehr in die Türkei empfingen Tausende den «Eroberer von Davos».

«Meine Reaktion bezog sich auf den Moderator», sagte Erdogan auf einer gemeinsamen Medienkonferenz mit WEF-Gründer Klaus Schwab, die nach dem Eklat die Wellen glätten sollte. «Ich zielte überhaupt nicht in irgendeiner Weise auf Israel, das israelische Volk oder den israelischen Präsidenten Peres.»

UNO-Generalsekretär Ban Ki-Moon habe 8 Minuten Gesprächszeit erhalten, er habe 12 Minuten gesprochen, der Generalsekretär der arabischen Liga, Amr Mussa, sei nach rund 12 Minuten unterbrochen worden, sagte Erdogan. «Auf der anderen Seite hat der israelische Präsident Peres 25 Minuten gesprochen.» Zudem sei dieser laut geworden und habe sich in seiner Rede direkt an ihn gewendet.

Peres entschuldigte sich offenbar unmittelbar nach dem Zwischenfall am Telefon bei Erdogan, wie die türkische Nachrichtenagentur Anatolie meldete. Die beiden hätten während fünf Minuten miteinander gesprochen.

Keine zweite Runde

Es sei im Voraus vereinbart worden, dass jeder Teilnehmer in einer zweiten Runde nochmals das Wort ergreifen könne, sagte Schwab. Unglücklicherweise sei die Redezeit überschritten worden und der Diskussionsleiter gezwungen gewesen, das Gespräch zu beenden.

Der Moderator des Gesprächs, «Washington Post»-Kolumnist David Ignatius, sei über das hinausgegangen, was vereinbart gewesen sei, sagte Erdogan: Der Gesprächsleiter habe die Session beenden wollen, ohne ihn nochmals sprechen zu lassen. Bei solcher Diskrepanz sei es schwierig, alle Themen in angemessener Art und Weise zu diskutieren.

Ob er nochmals nach Davos ans Weltwirtschaftsforum (WEF) komme, werde sich nach Gesprächen mit Klaus Schwab zeigen, sagte Erdogan. Diese Art von Diskussionen entspreche nicht dem Geist von Davos. So könne es keine Fortschritte geben.

Peres verteidigte Militäreinsatz

Zuvor hatte Shimon Peres während der Podiumsveranstaltung über den Gazastreifen lautstark den israelischen Militäreinsatz in dem Palästinensergebiet verteidigt. Israel habe sich komplett aus dem Gazastreifen zurückgezogen, die Siedlungen aufgelöst, Wasser, Nahrungsmittel und Geld geliefert.

Erdogan entgegnete ihm darauf scharf: «Sie töten Menschen.» Und Peres wiederum entgegnete, die Türkei würde ebenso handeln, wenn Raketen auf Istanbul fielen. Als Erdogan danach noch längere Ausführungen machen wollte und dies der Moderator nicht zuliess, sagte er erzürnt: «Vielen Dank. Vielen Dank. Vielen Dank. Ich glaube nicht, dass wir noch einmal nach Davos kommen werden.»

«Hier wurde Gewalt unverhältnismässig eingesetzt»

Der türkische Ministerpräsident hatte sich zuvor enttäuscht gezeigt, dass die Vermittlungsversuche seiner Regierung zwischen Israel und Syrien auch bezüglich der Hamas gescheitert seien. Es hätte nur noch wenig gefehlt und man hätte eine Einigung erzielt gehabt, sagte Erdogan.

Doch anstatt auf die Vermittlungen zu antworten, sei Israel am 26. Dezember in den Gazastreifen einmarschiert. «Hier wurde Gewalt unverhältnismässig eingesetzt», sagte Erdogan. Der militärischen Macht Israels hätten die Palästinenser nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen gehabt.

Erdogans Auftritt am Podium im Originalton:

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Quelle: SDA/AP

Videos: Reuters, YouTube

Erdogan bei Ankunft in der Türkei von Tausenden gefeiert

Nach seiner wütenden Abreise wegen eines Streits mit dem israelischen Präsidenten Schimon Peres beim Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos ist der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan bei seiner Rückkehr in Istanbul begeistert gefeiert worden.

Tausende Demonstranten empfingen den Regierungschef am frühen Freitagmorgen auf dem Flughafen von Istanbul. Dabei schwenkten sie türkische und palästinensische Flaggen sowie Spruchbänder mit Texten wie «Willkommen zurück, Eroberer von Davos» oder «Welt, schau auf unseren Ministerpräsidenten». Auch anti-israelische Slogans wurden gerufen.

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