Aktualisiert 21.03.2006 16:53

«Ihr hättet uns gleich aufhängen können»

Die türkische Zeitung Hürriyet verleiht ihrem Unmut über das Fifa-Urteil in grossen Lettern Ausdruck. Auch die übrigen türkischen Medien halten ihre Enttäuschung nicht zurück.

Die Palette der Meinungen in schweizerischen und türkischen Kommentaren reicht von «inakzeptabel», «haarsträubend» und «ungerecht» über «hart», «verdient» und «angebracht» bis hin zu «mild». Am extremsten reagierte die grösste türkische Tageszeitung Hürriyet.

Hürriyet:

«Ihr hättet uns auch gleich aufhängen können. (...) Es war klar, dass die Strafe so hart ausfallen würde, da der Präsident der FIFA, der Schweizer Sepp Blatter, unmittelbar nach dem Spiel der Türkei mit drakonischen Massnahmen gedroht hatte. Mit diesem gnadenlosen Urteil hat uns die FIFA förmlich zu verstehen gegeben: «Wir wollen euch nicht.» (...) Bedauerlich ist, dass die türkischen Fussballfans, die keine Schuld an den Ausschreitungen trifft, nun von den Spielen ihrer Lieblinge ausgeschlossen sind und des Fussballs beraubt werden. Die FIFA hat den Türken verboten, ihrer Nationalmannschaft zuzusehen.»

Milliyet:

«Die FIFA hat den Tränen in unseren Augen keine Beachtung geschenkt und die höchste Strafe für ein Land ausgesprochen, die es je in der Sportgeschichte gab. Wir sind nur knapp an einem Ausschluss vorbeigeschrammt. Nach diesem überraschenden Urteil der FIFA sind unsere Chancen auf ein Weiterkommen in der EM-Gruppe minim.»

CNN Türkei:

«Die FIFA hat kein Mitleid mit der Türkei gehabt.»

Fanatik:

«Haben die denn überhaupt kein Gewissen? Was vorgefallen ist, war hässlich und falsch, aber so schwerwiegend denn doch nicht.»

Fotomac:

«Skandalöses Urteil. Angeblich sind diese Sanktionen verhängt worden, um uns an der Teilnahme der 2008 von Österreich und der Schweiz ausgerichteten Europameisterschaft zu hindern.»

Sabah:

«Welche Schuld trifft denn die Zuschauer? Es kam zu keinerlei Ausschreitungen. Die FIFA hat ein gnadenloses Urteil gefällt: Platzsperre bis 2008 und ohne unsere Zuschauer. Die Strafe, die die FIFA verhängt hat, fiel härter als erwartet aus.»

Vergleichsweise zurückhaltend äussern sich die Medien in der Schweiz. Der Tagesanzeiger kann das Urteil im grossen Ganzennachvollziehen: «Die FIFA hat Härte bewiesen, die Härte, die auf Grund der Ereignisse mehr als angemessen ist. Um die Strafe gegen den türkischen Verband zu verstehen, braucht es kaum eine schriftliche Begründung der FIFA. Er hat das erhalten, was er verdient hat. Nur eines ist in der ganzen Affäre absolut unverständlich: Dass Coach Fatih Terim als der Scharfmacher auf türkischer Seite straffrei ausgegangen ist (...) und dass die Angriffe des türkischen Goalie Volkan unbestraft geblieben sind.»

Basler Zeitung:

«FIFA-Urteil schockt Huggel. Sechs Spielsperren Strafe sind unverhältnismässig viel und unfair. Der frühere FCB- Spieler ist ein besonnener Mensch, der in seiner Profikarriere noch nie eine Rote Karte kassiert hat. Nationalcoach Köbi Kuhn bemerkte, dass die FIFA ein Bauernopfer gefunden habe. Dass die FIFA den türkischen Verband und dessen Spieler Özalan Alpay, Belozoglu Emre und Balci Serkan ebenfalls hart bestraft, ist im Gegensatz zu Huggels Verdikt keine Überraschung und richtig. Dass der Nationalcoach der Türkei straffrei bleib, ist eine grössere Absurdidät als Huggels Sperre.

Blick:

«Ungerecht. Die WM und EM ist für Huggel vorbei. 200 000 Franken Busse - das ist lächerlich! Sechs Spielsperren für die Türkei - das ist milde! (...) Ob das Urteil in der zweiten Instanz sogar noch milder ausfallen wird?

Neue Zürcher Zeitung:

«Die Verdikte sind ebenso streng und massvoll ausgefallen; das braucht in diesem Fall kein Gegensatz zu sein. (...) Als massvoll kann man die Urteile deshalb interpretieren, weil man das verwerfliche Verhalten einer Sportmannschaft und ihrer gesamten Betreuung auch exemplarischer hätte ahnden können. (...) Und wie steht es im Übrigen mit der Verantwortlichkeit Fatih Terims, der entgegen anderen Intentionen nun doch Nationaltrainer zu bleiben gedenkt? Vom wahren, wenn nicht einzigen Brunnenvergifter in dieser Sache ist im Urteil keine Rede.»

Berner Zeitung:

«Dieses Urteil des Weltfussballverbandes FIFA ist hart. Doch es ist angemessen. Die Strafe sollte den Türken nach ähnlichen, folgenlosen Vorfällen eine letzte Warnung sein. Zu hoffen ist jetzt, dass dieses erstinstanzliche Urteil durch die Berufungskommission oder später durch das Internationale Sportgericht in Lausanne nicht revidiert wird.»

Südostschweiz:

«Obwohl das Strafmass auf den ersten Blick und vor allem aus Schweizer Sicht zu wenig hart erscheint, ist es in vielen Punkeen vertretbar. Das Verdikt ist korrekt, wenn Terim nicht wäre...»

Tribune de Genève:

«Die FIFA verzichtet auf einen Ausschluss der Türkei. (...) Die Türkei ist minimal bestraft worden und musste für alle Vorkommnisse rund um das Barragespiel in Istanbul nicht teuer bezahlen. Unverständlich, dass Aggressor Fatih Terim, der die Leute und seine Spieler aufgehetzt hat, ungeschoren davon kommt und weiter ruhig schlafen kann.»

Le Matin:

«Die Sanktionen sind diskutabel. 200B000 Franken Busse für die Türkei, das ist lächerlich.»

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