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Beizen-Lockdown bis Ende Februar?«Ihr lasst eine Branche wissentlich sterben!»

Gastronomen reagieren mit Unverständnis und Wut auf die Pläne des Bundesrats, die Beizen bis Ende Februar zu schliessen. Sie fordern mehr Unterstützung und teils gar einen harten Lockdown.

von
Daniel Graf
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Gemäss dem «Tagesanzeiger» soll der «Lockdown light» bis Ende Februar verlängert werden: Gastrobetriebe, Museen, Sport- und Freizeiteinrichtungen sollen im ganzen Land geschlossen bleiben.

Gemäss dem «Tagesanzeiger» soll der «Lockdown light» bis Ende Februar verlängert werden: Gastrobetriebe, Museen, Sport- und Freizeiteinrichtungen sollen im ganzen Land geschlossen bleiben.

Ole Spata/dpa
Das erzürnt die Gastronomen. Noch bevor die Verlängerung bekannt wurde, wendete sich Gastrobern-Präsidentin Eveline Neeracher mit einem offenen Brief an den Berner Regierungsrat: «Ihr lasst eine ganze Branche wissentlich sterben», hiess es darin etwa.

Das erzürnt die Gastronomen. Noch bevor die Verlängerung bekannt wurde, wendete sich Gastrobern-Präsidentin Eveline Neeracher mit einem offenen Brief an den Berner Regierungsrat: «Ihr lasst eine ganze Branche wissentlich sterben», hiess es darin etwa.

Auch Gastrosuisse-Präsident Casimir Platzer fordert:  «Wenn der Bundesrat die Schliessung der Gastronomiebetriebe beschliesst und jetzt sogar noch verlängert, braucht es zwingend Ausfallentschädigungen, um die weiterlaufenden Fixkosten zu decken.»

Auch Gastrosuisse-Präsident Casimir Platzer fordert: «Wenn der Bundesrat die Schliessung der Gastronomiebetriebe beschliesst und jetzt sogar noch verlängert, braucht es zwingend Ausfallentschädigungen, um die weiterlaufenden Fixkosten zu decken.»

Gastrosuisse

Darum gehts

  • Der Bundesrat verlängert den Beizen-Lockdown möglicherweise bis Ende Februar.

  • Gastronomen und Wirte toben und fordern Entschädigungen für ihre Fixkosten.

  • Einige fordern gar einen harten Lockdown, um die Krise zu bewältigen.

  • GLP-Präsident Jürg Grossen hat Verständnis für den Unmut und schlägt vor, die Corona-Kredite wieder einzuführen.

Die Ankündigung im «Tagesanzeiger», dass der Gastro-Lockdown bis im Februar verlängert werden könnte, ist für die Gastronomiebetriebe ein Schock. Eveline Neeracher, Präsidentin von GastroBern und seit 33 Jahren selber als Wirtin selbstständig, spricht von einer «sehr dramatischen Lage». Sie hat am Montag, noch bevor die neuen Lockdown-Pläne des Bundes bekannt wurden, einen offenen Brief an den Berner Regierungsrat geschrieben: «Ihr lasst ein Gewerbe wissentlich sterben», heisst es da etwa.

«Wir bekommen derzeit keine Unterstützung, weder vom Bund, noch vom Kanton», sagt Neeracher. Die Härtefallregelung sei zwar seit Montag in Kraft, die Grenze von 40 Prozent Umsatzverlust, um an Geld zu kommen, aber völlig unrealistisch und aus der Luft gegriffen: «Viele Betriebe haben im Sommer alles getan, auf Betriebsferien verzichtet, Aussenterrassen gebaut und vieles mehr, um die Umsatzeinbussen abzufedern. Dazu kommt, dass auch die Kurzarbeitsentschädigung aufgerechnet wird.» Kaum ein Betrieb im Kanton Bern erreiche die Grenze von 40 Prozent Umsatzverlust. «Nun können sie kein Geld beziehen, weil sie alles getan haben, um die Einbussen möglichst klein zu halten.»

«Wollen nur unsere Kosten decken»

Sollte der Gastro-Lockdown tatsächlich bis Ende Februar verlängert werden, ohne dass weitere Unterstützungsgelder gesprochen werden, sieht Neeracher für viele Betriebe schwarz. Sie betont: «Wir wollen ja nicht einmal Geld verdienen. Doch wir müssen Sozialabgaben und Miete bezahlen. Wir wären schon froh, wenn wir irgendwie unsere Kosten decken könnten in dieser Krise, sodass wir danach wieder wirtschaften können und unsere Betriebe nicht schliessen müssen.» Viele Gastrounternehmer müssten schon jetzt ihr Privatvermögen aufbrauchen, um die Betriebe über Wasser zu halten. «Ich verstehe wirklich nicht, wie die Regierung es so weit hat kommen lassen.»

Gastrosuisse-Präsident Casimir Platzer hat vollstes Verständnis für die Kritik der Gastrobetriebe: «Die Härtefallregel ist äusserst kompliziert, jeder Kanton entscheidet eigenständig über die Gesuche und viele Kantone sind noch gar nicht bereit, um Geld auszubezahlen.» Dazu komme, dass die Härtefallregelung nicht für geschlossene Betriebe ausgearbeitet worden sei, sondern für diejenigen, welche in den vergangenen acht oder neun Monaten offen waren, aber grosse Umsatzverluste hatten.

«Bundesrat kann sich nicht verstecken»

Für Platzer ist klar: «Wenn der Bundesrat die Schliessung der Gastronomiebetriebe beschliesst und jetzt sogar noch verlängert, braucht es zwingend Ausfallentschädigungen, um die weiterlaufenden Fixkosten zu decken.» Der Bundesrat könne sich nicht hinter dem Föderalismus oder der besonderen Lage verstecken, sondern müsse seine Verantwortung übernehmen, für den Schaden, den er mit den Beschlüssen anrichtet, aufkommen. «Alles andere ist inakzeptabel.»

Noch einen Schritt weiter geht Urs Pfäffli, der Präsident von Gastro Zürich City: «Die Restaurants sind seit dem 22. Dezember zu. Die Zahlen wurden über die Festtage zwar etwas besser, sobald aber wieder mehr getestet wird, müssen wir wohl mit einem erneuten Anstieg rechnen.» Er versteht, dass die Massnahmen verlängert werden – schlägt aber einen radikaleren Weg vor: «Um die Pandemie in den Griff zu bekommen, wäre es sinnvoller, alles zu schliessen und die Betriebe zu entschädigen, bis die Situation sich verbessert, als die Krise auf dem Rücken der Gastronomie auszutragen.» Seit bald einem Jahr hätten die Restaurants mit Corona zu kämpfen und ausser der Kurzarbeitsentschädigung noch keinen Franken gesehen. «Das bringt viele Gastronomen in Existenzängste und stimmt mich traurig», sagt Pfäffli.

GLP-Präsident fordert wieder Corona-Kredite

Verständnis für den Unmut der Gastronomen hat GLP-Präsident und Nationalrat Jürg Grossen: «Es macht zwar Sinn, dass man die Restaurants länger schliesst. Wenn man sie öffnet, gleichzeitig aber Homeoffice verordnet und die Kontakte zu reduzieren versucht, hätten die Gastrobetriebe so oder so nur eine schlechte Auslastung.» Er verstehe aber auch, dass die Härtefall-Lösung suboptimal sei: «Wir haben schon im Dezember darauf aufmerksam gemacht, dass die Prüfung der Gesuche Zeit in Anspruch nehmen wird und dass in einigen Kantonen wohl noch eine Weile kein Geld fliessen wird.»

Für Grossen ist klar: «Verlängert man die Schliessungen, muss auch die Unterstützung ausgeweitet werden. Das ist einerseits mit der Aufstockung der Härtefallgelder auf 2,5 Milliarden auch schon passiert.» Er schlägt zusätzlich vor, die Corona-Kredite vom Frühling umgehend wieder einzuführen. «Der Bundesrat hat diese Möglichkeit. So hätten die Betriebe zumindest die Mittel, um ihre Fixkosten zu bezahlen, bis die Härtefallgesuche bearbeitet sind.»

Zur Problematik, dass viele Gastrobetriebe gar nicht unter die Härtefallregelung fallen, sagt Grossen: «Auch das ist ein Problem. Die Grenze von 40 Prozent ist zu hoch angesetzt und anstatt am Umsatz müsste man sich besser an den Fixkosten orientieren. Mit diesem Vorschlag sind wir aber leider abgeblitzt. Und wenn 40 Prozent Umsatzeinbusse als Messgrösse genommen würde, dann müsste dieser mit dem Vorjahresmonat und nicht mit dem Jahresumsatz verglichen werden. Ich habe vollstes Verständnis, dass die aktuelle Situation für die Gastronomen extrem frustrierend ist.»

2,5 Milliarden für Härtefälle

Das Härtefall-Programm zur Unterstüt­zung von Unternehmen in der Coronakrise wurde im Dezember um 1,5 auf 2,5 Milliarden Franken aufgestockt. Davon sollen 750 Millionen Franken gemeinsam von Bund und Kantonen getragen werden, wobei die Kantone 33 Prozent beisteuern sollen. 750 Millionen Franken soll der Bund nötigenfalls als Zusatzbeiträge an die kantonalen Härtefallmassnahmen einschiessen können, ohne dass die Kantone sich finanziell beteiligen. Damit soll der Bundesrat die Möglichkeit erhalten, gezielt jene Kantone zu unterstützen, die besonders stark von Massnahmen zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie betroffen sind.

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