14.09.2020 16:58

Wegen Club-Regulierung«Illegale Partys werden im Winter massiv zunehmen»

Hunderte feierten in der Nacht auf Samstag in Bern eine illegale Party, ein Grosseinsatz der Polizei war nötig. Dieses Problem werde sich noch verschärfen, warnen Kenner der Szene.

von
Daniel Graf

In Bern kam es nach einer illegalen antikapitalistischen Demonstration zu einer unbewilligten Strassenparty.

Darum gehts

  • In der Nacht auf Samstag fand in Bern eine illegale antikapitalistische Demonstration mit anschliessender Party statt.
  • Das Problem von illegalen Raves werde sich im Winter noch verschärfen, sagen Szenekenner.
  • Sie befürchten, dass die Menschen im Winter illegal und ohne Contact-Tracing feiern werden, weil die Clubs so stark eingeschränkt sind.

«Ein lautes Fest, eine hörbare Stimme für Veränderung in Schweizer Städten»: So beschreiben die Veranstalter auf www.barrikade.info die Demonstration vom Samstagabend in Bern, die zu einer illegalen Party ausartete. «Wir mussten ausbrechen aus der Lethargie, der Gleichgültigkeit. Genug davon, wie unser Leben immer mehr von Kommerz, Konsum, Arbeit, Vereinzelung und Überwachung dominiert wird», heisst es dort weiter. Hunderte waren dem Aufruf gefolgt, die Polizei rückte mit einem Grossaufgebot aus und verhinderte, dass die Partyteilnehmer durch die Berner Innenstadt zogen.

Alex Flach ist Sprecher mehrerer Clubs in der Deutschschweiz und kennt die Schweizer Clubszene seit Jahren. Er stellt klar: «Beim Anlass in Bern handelte es sich um eine antikapitalistische Demonstration, die unter dem Deckmantel einer Party durchgeführt wurde. Mit dem Nachtleben an sich hatte das nichts zu tun.» Viele Teilnehmer hätten wohl gar nicht gewusst, um was es geht, und einfach mitgefeiert. «Klar ist aber: Das Bedürfnis der Menschen nach Feiern und Ausgelassenheit verschwindet nicht, wenn man die Clubs schliesst», sagt Flach.

«Die Polizei wird das zu spüren bekommen»

Seit etwa die Zürcher Clubs so strengen Regulierungen unterliegen, dass viele gar nicht mehr erst aufmachen, habe die Anzahl illegaler Partys in der Region stark zugenommen. «Im Sommer ging das relativ gut, die Menschen sind in die Natur ausgewichen und haben etwa im Wald gefeiert», sagt Flach. Das werde im Winter nicht mehr möglich sein. «Illegale Partys in Wohnungen oder Kellern in der Stadt werden massiv zunehmen.»

Das werde Probleme mit sich bringen: «Die Clubs geben einen Rahmen vor, in dem gefeiert wird. Illegale Partys bieten hingegen viel mehr Konfliktpotenzial, etwa mit der Nachbarschaft.» Flach befürchtet, dass Beschwerden wegen Lärm oder Abfall deutlich zunehmen werden. «Die Polizei wird die Schliessung der Clubs im Winter zu spüren bekommen», ist Flach überzeugt.

«Contact-Tracing an illegalen Partys wird extrem schwierig»

Max Reichen, Präsident der Berner Bar- und Clubkommission (Buck) und Vorstandsmitglied der Bar- und Clubkommission Schweiz, nennt noch ein weiteres Problem, das illegale Partys mit sich bringen: «Nehmen wir zur Veranschaulichung an, dass eine illegale Party mit 200 Leuten in einem Bauernhof auf dem Land stattfindet. Wenn dort jemand tanzt, der sich mit dem Virus angesteckt hat, wird es extrem schwierig, alle 200 Teilnehmer ausfindig zu machen und falls nötig in Quarantäne zu schicken.»

Reichen weist darauf hin, dass die Anzahl Neuinfektionen in Clubs gemäss Zahlen des Bundesamts für Gesundheit verschwindend klein ist. Ausserdem sei es bei einer Ansteckung im ÖV oder in der Migros nicht möglich, sämtliche Personen ausfindig zu machen, welche sich zur selben Zeit dort befanden – im Club aber schon.

«Es drohen Hausbesetzungen und ein Chaos beim Contact-Tracing»

«Für uns wäre es also sinnvoller, wenn die Clubs im angemessenen Rahmen ein Programm anbieten könnten und ein lückenloses Contact-Tracing gewährleisteten, um im Falle einer Infektion schnell reagieren zu können», sagt Reichen. Andernfalls drohten in ein paar Wochen, wenn es kälter werde, Hausbesetzungen, illegale Raves in geschlossenen Räumen und ein Chaos beim Contact-Tracing.

Die Zürcher Sicherheitsdirektion kommentierte die Befürchtungen der Nachtleben-Vertreter am Sonntag nicht. Diese müssten erst eingehend geprüft werden, sagte ein Sprecher. Auch die Gesundheitsdirektion sagt lediglich, die Fragestellung sei «Bestandteil der Lagebeurteilung, die der Regierungsrat zusammen mit dem Sonderstab Covid-19 laufend vornimmt».

«Versuchen, legale Raves zu ermöglichen»

Stellung nimmt hingegen der Berner Sicherheitsdirektor Reto Nause: «Illegale Partys hat es in der Stadt Bern immer gegeben. An solchen Anlässen teilzunehmen, ist immer mit einem Risiko verbunden, wir raten davon ab.» Gleichzeitig hofft Nause, dass die Bar-, Club- und Kulturszene Wege findet, um Corona-konforme Events durchzuführen. «Wir bieten Hand, wo wir können. Wenn die entsprechenden Schutzkonzepte eingehalten werden, würden wir versuchen, auch Raves zu ermöglichen.» Die Regeln lege aber letztlich der Kanton oder der Bund fest. «Wir sind nur die Vollzugsbehörde», sagt Nause.

Auch in Bern

«Nehmen diesen Trend war»

Der Berner SVP-Nationalrat Andreas Aebi bestätigt, dass auch in Bern immer mehr illegale Partys gefeiert werden: «Auch wir nehmen diesen Trend wahr, dass die Jungen weniger in die Clubs gehen, sondern illegal feiern.» Die Aufgabe der Politik ist es für Aebi nun, Kompromisslösungen zu finden: «Die Regeln für die Clubs sollen so gestaltet werden, dass sie ein attraktives Programm anbieten können, ohne dass das Infektionsrisiko allzu gross wird», sagt Aebi.

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164 Kommentare
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helveticus

15.09.2020, 19:22

Und der Zugang immer durch die Areuseschlucht.....

alfmir

15.09.2020, 10:35

"Kenner" der Szene..? Wohl eher Mitläufer einer nicht System relevanten Szene.. Dass diesen dann auch noch, wie hier, eine Plattform gewährt wird, ist mehr als nur befremdlich..

buffalo shoes

15.09.2020, 07:40

ich mag mich noch an den Rave in der frisch gebohrten Röhre vom Stadelhofen zum HB . Freu mich auf ein Revival der Clubkultur. ohne das komerzielle Club gedüns .