Aktualisiert 05.02.2017 16:59

Zukunft der Mobilität«Im Auto ein Glas Wein zu trinken wird völlig normal»

Soziologe Jörg Beckmann erklärt, warum der Verbrennungsmotor verschwinden wird und wir die Zeit vor dem Steuer bald besser nutzen können.

von
P. Michel
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«Wir erleben seit etwa fünf Jahren eine Entwicklung, die das Auto komplett auf den Kopf stellt: Elektroantriebe ersetzen den Verbrennungsmotor, das Auto als Privatbesitztum verliert an Anziehungskraft und die Robotisierung sorgt dafür, dass mit der Entwicklung von selbstfahrenden Autos der Individualverkehr verschwindet», sagt Jörg Beckmann von der Denkfabrik Mobilitätsakademie.

«Wir erleben seit etwa fünf Jahren eine Entwicklung, die das Auto komplett auf den Kopf stellt: Elektroantriebe ersetzen den Verbrennungsmotor, das Auto als Privatbesitztum verliert an Anziehungskraft und die Robotisierung sorgt dafür, dass mit der Entwicklung von selbstfahrenden Autos der Individualverkehr verschwindet», sagt Jörg Beckmann von der Denkfabrik Mobilitätsakademie.

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Durch selbstfahrende Autos könnte laut Beckmann rund 90 Prozent der Parkplätze eingespart werden. Und er rechnet mit neuen Annehmlichkeiten für die Nutzer: «Der Grossteil der Autofahrer wird es bald als selbstverständlich ansehen, im Auto ein Buch zu lesen oder ein Glas Wein zu trinken.»

Durch selbstfahrende Autos könnte laut Beckmann rund 90 Prozent der Parkplätze eingespart werden. Und er rechnet mit neuen Annehmlichkeiten für die Nutzer: «Der Grossteil der Autofahrer wird es bald als selbstverständlich ansehen, im Auto ein Buch zu lesen oder ein Glas Wein zu trinken.»

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Beckmann rechnet zwar damit, dass es auch in Zukunft Fahrer geben wird, die das Auto noch selber steuern wollen. Aber: «Bei den Jüngeren sieht es jedoch anders aus. Bei den unter 30-Jährigen ist das Bedürfnis nach einem Lenkrad schon nicht mehr vorhanden.»

Beckmann rechnet zwar damit, dass es auch in Zukunft Fahrer geben wird, die das Auto noch selber steuern wollen. Aber: «Bei den Jüngeren sieht es jedoch anders aus. Bei den unter 30-Jährigen ist das Bedürfnis nach einem Lenkrad schon nicht mehr vorhanden.»

Keystone/Ennio Leanza

Herr Beckmann, Sie sprechen neben der Energie- auch von der Autowende. Was meinen Sie damit?

Wir erleben seit etwa fünf Jahren eine Entwicklung, die das Auto komplett auf den Kopf stellt: Elektroantriebe ersetzen den Verbrennungsmotor, das Auto als Privatbesitztum verliert an Anziehungskraft und die Robotisierung sorgt dafür, dass mit der Erfindung von selbstfahrenden Autos der Individualverkehr verschwindet. Das ist die Autowende.

Warum verliert das Auto an Anziehungskraft?

Das wichtigste Argument für ein Auto war bisher, dass man unabhängig von Taktfahrplänen der öffentlichen Verkehrsmittel war und damit eine gewisse Freiheit hatte. Heute fragen sich jedoch gerade viele Junge, warum sie ein eigenes Auto kaufen und Geld für Versicherung oder Reparaturen zahlen sollen, wenn sie die gleiche Freiheit mit Carsharing-Angeboten haben können.

Welche Rolle spielt die Robotisierung bei der Autowende?

Sie ergänzt die Autowende perfekt, indem sie den Lenker überflüssig macht: Vollautomatische Autos werden kein Lenkrad mehr haben, und zur Fahrt wird auch kein Führerschein mehr nötig sein. Fahrschulen werden in 20 Jahren also schwere Zeiten haben.

Wollen die Leute nicht selbst am Steuer sitzen?

Die Generation der über 50-Jährigen wird sich vielleicht noch schwertun mit selbstfahrenden Autos. Bei den Jüngeren sieht es jedoch anders aus: Bei den unter 30-Jährigen ist das Bedürfnis nach einem Lenkrad schon nicht mehr vorhanden. In Zukunft wird es wohl noch einige Leute geben, die selbst fahren möchten, allenfalls auch als Hobby mit einem Benziner. Aber der Grossteil der Autofahrer wird es bald als selbstverständlich ansehen, dass sie im Auto ein Buch lesen oder ein Glas Wein trinken können, während das Fahrzeug das Ziel selber ansteuert.

Was bedeutet dies für die Strasseninfrastruktur?

Bei einer Vollautomatisierung könnte man laut Studien bis zu 90 Prozent der Parkplätze einsparen. Dies, weil das Privatauto wegfällt und ein Flottenbetreiber, der vollautomatische Fahrzeuge verleiht, kein Interesse daran hat, dass ein Auto stillsteht.

Ist die Autowende noch aufzuhalten?

Nein, die kommt sowieso. Nur schon, weil die Autohersteller den CO2-Ausstoss ihrer Flotte per Gesetz drastisch senken müssen, bleibt der Industrie keine andere Wahl. Nehmen wir die deutsche Automobilindustrie: Die hat jetzt gemerkt, dass Hersteller wie Tesla davonziehen und ihnen im Bereich der Premiumklasse richtig weh tun. Audi hat beispielsweise beschlossen, dass sie ab 2025 keine neuen Verbrennungsmotoren entwickeln werden. Das ist typisch für die Innovation im Automobilmarkt. Sie entsteht dort, wo das Geld zu holen ist. Ein weiterer Aspekt sind Preisentwicklungen: Bald wird durch purzelnde Batteriepreise ein Elektroauto nicht mehr teurer sein als eines mit Verbrennungsmotor.

Wird die Autowende für die bestehenden Automobilhersteller also nicht zum Problem?

Wenn sie ihr Geschäft rechtzeitig anpassen nicht. Es ist aber schon eine grosse Herausforderung: Bisher verkauften die Autohersteller Emotionen und haben davon gut gelebt. Wenn das Automobil nur ein Verkehrsmittel gewesen wäre, wären Audi, BMW und Mercedes aber schon lange tot. Wir haben bei einem Auto immer mehr gekauft: Identität, Abgrenzung, Status. In Zukunft vergleichen wir uns dann vielleicht über andere Gadgets wie Mobiltelefone oder E-Bikes. Die Autohersteller jedenfalls müssen sich neue Geschäftsfelder suchen, etwa als Flottenbetreiber mit selbstfahrenden Autos in einer Grossstadt.

Was bedeutet die Autowende für die Pendlerströme in der Schweiz? Die Forderung von Mobility-Pricing, mit dem jeder für seine effektiven Mobilitätskosten aufkommen müsste, steht im Raum.

Es müssen auf jeden Fall neue Modelle entwickelt werden. Wenn das Privatauto wegfällt, das über die Mineralölsteuer die Strasseninfrastruktur finanziert hat, stellt sich die Frage, wie dann unsere Strassen bezahlt werden sollen. In der Konsequenz müssten in Zukunft wohl die Flottenbetreiber besteuert werden. Die Kosten werden diese dann auf die Verbraucher umwälzen. Auch denkbar wäre, dass jeder Verkehrsteilnehmer, also auch Velofahrer, Pendler oder Fussgänger, seinen Beitrag leistet. Die Autowende stellt auch die Finanzierung unserer Mobilität auf den Kopf.

App zur Energy Challenge 2016

Die Energy Challenge 2016 ist eine nationale Aktion von Energie Schweiz und dem Bundesamt für Energie rund um die Themen Energieeffizienz und erneuerbare Energien. Als Medienpartner beleuchtet auch 20 Minuten den Themenschwerpunkt mit Grafiken, Reportagen und Interviews. Weitere Informationen gibt es in der offiziellen App, die hier für Android und hier für iOS heruntergeladen werden kann.

Zur Person

Jörg Beckmann leitet die Mobilitätsakademie, eine Denkfabrik des Touring Club Schweiz (TCS). Beckmann hat Soziologie studiert und arbeitete als Verkehrssoziologe und Raumplaner unter anderem in Kopenhagen und Brüssel.

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