Aktualisiert 30.06.2012 13:48

Skandale helfenIm Chaos regiert Italien

Vier WM- und einen EM-Titel heimsten die Italiener bisher ein. Was alle gemein haben: Kurz vor oder während den triumphalen Endrunden herrschten Skandale und Chaos – so auch jetzt.

von
Reto Fehr

Italien greift wieder nach dem Titel. Was vor Turnierbeginn aufgrund des Manipulations-Skandals niemand geahnt hatte, könnte wieder eintreffen: Italien versinkt vor der Endrunde im Chaos und holt dann doch den Titel. Ein Rückblick auf die bisherigen fünf Titel der Azzurri bei Grossanlässen zeigt, dass dies jedes Mal so war.

WM 1934

Beim ersten WM-Titel Italiens spielte Diktator Benito Mussolini wohl eine grosse Rolle. Dass mit Uruguay der Titelverteidiger aus Boykott nicht teilnahm, war zwar genauso wenig sein Fehler, wie die Absage von England. Die «Three Lions» waren verärgert, dass die WM in Italien und nicht in England stattfand. Allerdings sorgte er mit seinem Geld dafür, dass das Turnier in Italien statt fand.

Schon die Qualifikation Italiens gegen Griechenland sorgte für Aufregung. Das Hinspiel gewannen die Italiener locker mit 4:0, das Rückspiel wurde gestrichen. Italien zahlte den Griechen 700 000 Drachmen, damit die Reisestrapazen nach Athen wegfielen und sich das Team in Ruhe auf die Endruche vorbereiten konnte.

Doch richtig gespenstisch wurde es erst ab dem Viertelfinale. Gegen Spanien resultierte ein 1:1, ein Wiederholungsspiel musste einen Tag später her. Dort wurde der spanische Goalie beim 1:0 klar behindert, Giuseppe Meazza soll bei seinem Kopfball gar aufgestützt haben – der Treffer zählte trotzdem. In der Folge spielten die Italiener unglaublich unfair, doch der Schweizer Schiedsrichter René Mercet pfiff höchst selten. Spanien musste die Partie mit drei verletzten Spielern beenden. Da Auswechslungen noch nicht erlaubt waren, konnten diese nicht ersetzt werden. Zudem verweigerte Mercet Spanien zwei klare Elfmeter und aberkannte zwei reguläre Tore. Bestechungsvorwürfe kamen nach der Partie auf – Italien stand im Halbfinale.

Dort wurde es gegen Österreich richtig dreist. Beim 1:0 stiess Giuseppe Meazza Goalie Peter Platzer, der den Ball soeben fing, mit dem Spielgerät hinter die Torlinie. Im weiteren Spielverlauf köpfte Schiedsrichter Ivan Eklind gar eine Flanke vor dem österreichischen Stürmer Karl Zischek weg. Der Unparteiische war übrigens ein Tag vor dem Halbfinal persönlicher Ehrengast bei Mussolini.

Trotz – oder vielleicht auch dank – der haarsträubenden Leistung durfte der Schwede auch das Endspiel leiten. Wieder bevorteilte er den Gastgeber massiv und blieb selbst bei überhartem Spiel nachsichtig. Italien besiegte die Tschechoslowakei mit 2:1 nach Verlängerung.

WM 1938

Der Titelverteidiger konnte in Frankreich erneut reüssieren. «Die WM im Schatten des Krieges» sorgte allerdings vor allem politisch für Aufsehen. Deutschland drohte immer wieder mit dem Krieg und Spanien nahm aufgrund des Bürgerkriegs gar nicht teil. Die Italiener konnten dagegen eigentlich auf viele Exil-Italiener als Fans hoffen. Doch im Spiel gegen Frankreich wurden diese bitter enttäuscht. Da Frankreich auch in Blau spielte, mussten die Italiener im Auswärtstenü ran. Sie entschieden sich nicht wie üblich für Weiss, sondern für Schwarz. Dies war die Farbe des Faschisten Mussolini und vor allem seiner Schlägertruppe «die Schwarzhemden». Die italienischen Fans pfiffen die eigene Mannschaft daraufhin gnadenlos aus und deckten sie mit Buhrufen und Beleidigungen ein. Nach der Partie (3:1 für Italien) mussten die Spieler von der Polizei vor den eigenen Anhängern beschützt werden. Italien spielte danach nie mehr in Schwarz – und holte den Titel.

EM 1968

Beim bisher einzigen EM-Titel der Azzurri musste im Halbfinale gegen die Sowjetunion nach dem 0:0 nach 120 Minuten der damals übliche Münzwurf entscheiden. Schiedsrichter Kurt Tschenscher wollte diesen im Mittelkreis im Beisein der Captains Giacinto Facchetti und Juri Istomin durchführen. Doch dann griffen die beiden Verbandsbosse Walentin Granatkin und Artemio Franchi ein. Der Münzwurf wurde nicht auf dem Feld, sondern in der Schiri-Kabine in Anwesenheit der Verbandsbosse durchgeführt. Die Captains warteten vor der Türe, die restliche Mannschaft auf dem Feld. Beim Münzwurf sei es dann zu einem «Probedurchgang» gekommen sein: Die Sowjetunion siegte. Beim zweiten Versuch gewann dann Italien und zog ins Finale ein. Was genau in der Kabine geschah, wird man aber nie erfahren. Im Endspiel wurde der Gastgeber gegen Jugoslawien dann vom Schweizer Schiedsrichter Gottfried Dienst mehrfach bevorteilt. Das erste Spiel endete 1:1, statt des Münzwurfes gab es jetzt ein Wiederholungsspiel: Italien siegte 2:0 und holte sich den Titel.

WM 1982

Der WM-Superstar Paolo Rossi wurde 1979 wegen einem geschobenen Ligaspiel zwischen Perugia und Avellino für drei Jahre gesperrt. Teams wie Milan und Lazio in die Serie B verbannt und ein Dutzend Spieler und Klubbosse im Rahmen des «Toto nero» ins Gefängnis gesteckt. Vor dem ordentlichen Strafgericht wurden jedoch alle Angeklagten freigesprochen. Fussballspiele zu manipulieren, war damals vom Gesetzbuch noch nicht verboten. Rossi dementiert die Manipulation bis heute und erklärt, die gebotene Summe wäre sowieso viel zu tief gewesen. Auf jeden Fall wurde die Sperre später reduziert und Rossi durfte ab April 1982 wieder spielen. Trotz wenig Spielpraxis wurde er ins WM-Kader aufgenommen.

Nach einer durchzogenen Vorrunde schoss «Pablito», wie sie ihn nach der WM nannten, Brasilien mit drei Toren beim 3:2 im Alleingang ab, im Halbfinal erzielte er die Treffer zum 2:0 gegen Polen und im Endspiel das 1:0 beim 3:1 gegen Deutschland. Er wurde gut drei Monate nach Ablauf seiner Sperre WM-Torschützenkönig, bester Spieler der Endrunde und später auch Europas Fussballer des Jahres.

WM 2006

Der Manipulationsskandal «Calciopoli» erschütterte vor der WM 2006 Italien. Im Mai wurden getürkte Spiele mit gekauften Schiedsrichtern aufgedeckt. Juventus, Milan, Fiorentina oder Lazio waren verwickelt. Juve-Manager Luciano Moggi wurden mafia-ähnliche Strukturen nachgesagt. 13 WM-Fahrer gehörten zu jenen Klubs. Niemand wusste, wie es nach der WM weitergehen soll.

Doch nach harzigem Start fand die Squadra Azzurra den Tritt. Obwohl am Tag des Halbfinals die Strafvorschläge angekündigt wurden (u.a. Juventus, Milan, Fiorentina und Lazio mindestens in die Serie B relegieren) sicherte sich das Team den Titel. Fünf Tage nach dem Triumph wurde das Urteil gesprochen. Juventus wurden die Titel 2005 und 2006 aberkannt, das Team wurde relegiert und genauso wie andere Teams mit Punktabzügen bestraft. Am 26. Juli wurde das Urteil etwas abgeschwächt, aber der Imageschaden war natürlich massiv.

EM 2012

Der nächste Manipulations-Skandal: «Calcioscomesse». Nationalspieler Domenico Criscito wurde im Trainingszentrum von der Polizei ein Ermittlungsbescheid wegen Betrugsverdacht übergeben. Trainer Cesare Prandelli strich den Spieler aus dem Kader. Auch Abwehrspieler Leonardo Bonucci und Goalie Gianluigi Buffon stehen im Fokus der Ermittler. Daniele de Rossi, der schon 2006 dabei war, erzählte vor der EM: «Heute ist es schlimmer als 2006.» Jetzt seien nicht nur Klubbosse und Funktionäre, sondern auch Spieler in den Skandal verwickelt. Trotzdem überzeugt Italien an der Endrunde mit gutem Fussball und steht verdient im Endspiel. Nur ein Sieg trennt sie vom nächsten Titel – es wäre der nächste mit vielen negativen Nebengeräuschen zumindest im Vorfeld des Turniers.

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