Deutlich mehr Tote: Im Corona-Jahr starben über 6000 Menschen mehr als erwartet
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Deutlich mehr ToteIm Corona-Jahr starben über 6000 Menschen mehr als erwartet

Sterben die Leute an oder mit Corona? Die Statistik zeigt klar: Im Jahr 2020 sind deutlich mehr Menschen gestorben als in Jahren mit einer starken Grippewelle.

von
Leo Hurni
Daniel Waldmeier
Daniel Graf
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Neue Zahlen des Bundesamts für Statistik (BFS) zeigen klar: Es sind mehrere Tausend Personen mehr gestorben als vom BFS prognostiziert.

Neue Zahlen des Bundesamts für Statistik (BFS) zeigen klar: Es sind mehrere Tausend Personen mehr gestorben als vom BFS prognostiziert.

Andy Mueller/freshfocus
2116 Menschen starben innert einer Woche – der traurige Höhepunkt Ende November. 

2116 Menschen starben innert einer Woche – der traurige Höhepunkt Ende November.

Franziska Rothenbühler
Im Tessin sank zudem die Lebenserwartung eines Mannes von 82 auf 76 Jahre, wie ein Demograf der Uni Genf berechnete.

Im Tessin sank zudem die Lebenserwartung eines Mannes von 82 auf 76 Jahre, wie ein Demograf der Uni Genf berechnete.

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Darum gehts:

  • Die neusten Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen: Es starben dieses Jahr viel mehr Personen als prognostiziert.

  • Eine Visualisierung der Zahlen zeigt zudem: Während der ersten und der zweiten Corona-Welle starben besonders viele Menschen.

  • Die Behörden hätten diese Zahlen in Kauf genommen, weil sie nicht früh genug harte Massnahmen gegen das Coronavirus ergriffen hätten, sagt ein Infektiologe.

Noch Mitte Oktober starben in der Schweiz mit 1254 Personen pro Woche nicht mehr Leute, als im mehrjährigen Schnitt zu erwarten wäre. Doch mit der zweiten Corona-Welle explodierte die Zahl der Todesfälle. Seither verzeichnet die Schweiz eine deutliche Übersterblichkeit – hauptsächlich bei den über 65-Jährigen. Auf dem Höhepunkt Ende November starben laut vorläufigen Zahlen des Bundesamts für Statistik 2116 Menschen innert einer Woche. Im Schnitt wäre mit 1320 Toten zu rechnen gewesen.

Die Grafik zeigt die wöchentlichen Todesfälle. Das graue Band zeigt den statistischen Unschärfebereich. Sobald die obere Grenze dieses Bereichs in einer Woche überschritten wird, spricht man von einer Übersterblichkeit. Dazu kam es während der ersten und in grösserem Ausmass während der zweiten Corona-Welle. Im Sommer kam es zu weniger Todesfällen als prognostiziert, eine Untersterblichkeit wurde hingegen nie festgestellt (Erklärungen zur Grafik siehe unten).

6180 Tote mehr als erwartet

Bis zum 20. Dezember starben 2020 in der Schweiz 6180 Menschen mehr als prognostiziert. Geht die Entwicklung bis Ende Jahr wie erwartet weiter, dürfte die Zahl noch auf über 6500 ansteigen. Damit fällt die Übersterblichkeit auch klar höher aus als in den Jahren 2017 und 2015, als in der Schweiz wegen starker Grippewellen im Januar beziehungsweise Februar mehr Menschen starben als zu der Jahreszeit üblich. Rolf Weitkunat ist Experte für Vitalstatistik und Epidemiologie beim Bundesamt für Statistik. Er weist darauf hin, dass Vergleiche zwischen den effektiven Zahlen verschiedener Jahre mit Vorsicht zu geniessen seien (siehe unten).

Die Grafik zeigt, dass die zweite Corona-Welle tödlicher ausfällt als die erste, die vor allem im Tessin und in der Genferseeregion wütete. Der Demograf Philippe Wanner von der Uni Genf berechnete kürzlich, dass dadurch in diesen Regionen die Lebenserwartung sank: Im Tessin sank die Lebenserwartung eines Mannes von 82 auf 76 Jahre. Die zweite Welle hingegen erfasste auch die Deutschschweiz.

«Haben das in Kauf genommen»

Christoph Berger, Leiter der Abteilung Infektiologie und Spitalhygiene am Kinderspital Zürich, sagt, vor allem die zweite Welle sei sehr heftig und möglicherweise früher als erwartet gekommen. Er übt Kritik an Bund und Kantonen: «Die Behörden haben lange gezögert und zu wenig früh genügend starke Massnahmen ergriffen. Mit den Massnahmen hat man diese Übersterblichkeit in Kauf genommen.»

Berger geht davon aus, dass die hohe Übersterblichkeit in der zweiten Welle hätte vermindert werden können: «Wenn wir Mitte Oktober strengere, einschneidende Massnahmen umgesetzt hätten, wären die Fallzahlen weniger stark gestiegen. Das hätte zu weniger Hospitalisationen geführt, was die Spitalkapazitäten weniger strapaziert hätte.»

Die grossen Parteien stellten sich in der Krise unterschiedlich zu den Massnahmen des Bundesrats – und sind folglich uneins, ob die Übersterblichkeit mit strengeren Massnahmen hätte verhindert werden können.

Erläuterungen zur Grafik

Für die Berechnung, der die Zahl von 6180 Toten mehr bis zum 20. Dezember zugrunde liegt, wurde für jede Woche die Differenz zwischen den erwarteten und den effektiven Todeszahlen errechnet. Im Sommer ergab dies negative Zahlen (es starben weniger Menschen als erwartet), während der Corona-Wellen positive (es starben mehr Menschen als erwartet). Laut Rolf Weitkunat vom Bundesamt für Statistik kann diese Berechnung so gemacht werden, sorgt aber für eine gewisse Unschärfe, weil auch Abweichungen eingerechnet werden, die noch innerhalb der statistischen Bandbreite liegen. Vergleiche der effektiven Zahlen mit früheren Jahren seien ausserdem aus zwei Gründen problematisch: «Erstens nimmt die Bevölkerungszahl in der Schweiz von Jahr zu Jahr zu – und damit auch die Zahl der Todesfälle.» Zweitens werde die Bevölkerung im Durchschnitt von Jahr zu Jahr älter. «Weil die Wahrscheinlichkeit, zu sterben, mit zunehmendem Alter steigt, nimmt die Anzahl Todesfälle pro Jahr weiter zu.» Bei der Grafik zu beachten ist zudem, dass für die letzten fünf Wochen die beobachteten Werte noch Hochrechnungen sind, da Todesfallmeldungen für diese Wochen noch nachträglich erfolgen. Erkennbar ist dies auch an den Kommastellen.

Hast du oder jemand, den du kennst, Mühe mit der Corona-Zeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Tel. 147

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