Ausbrüche im Spiel: «Im Frauenfussball sind Emotionen nicht so krass»
Aktualisiert

Ausbrüche im Spiel«Im Frauenfussball sind Emotionen nicht so krass»

Im Doppel-Interview sind sich die Fussballprofis Lia Wälti und Granit Xhaka bei den Fragen meist einig. Das Wort des Jahres bewegt auch beide.

von
Eva Tedesco und Florian Raz
London

Die Captains Lia Wälti und Granit Xhaka sprechen in London miteinander über ihre Ziele 2019 mit der Nationalmannschaft. (Video: 20 Minuten)

Lia Wälti, Granit Xhaka, Doppeladler ist das Wort des Jahres 2018 ...

Granit Xhaka: ... das wollte ich eigentlich noch auf Instagram posten, habe es dann aber doch lieber gelassen (lacht). Aber schon speziell, dass das mit einem halben Jahr Verspätung doch noch gewürdigt wird, welchen Beitrag wir zu einer Diskussion geleistet haben, die wichtig ist für die Schweiz.

Was braucht es, bis mal der Frauenfussball ein Wort des Jahres kreiert?

Lia Wälti: Ich denke nicht, dass es je soweit kommen wird. Eigentlich waren wir Schweizerinnen in den letzten Jahren sehr erfolgreich. Und doch ist relativ wenig passiert. Sei es vom Verband aus, was er investiert, aber auch vom Interesse der Leute her. Und wenn bis es jetzt nicht passiert ist ...

Die Schweizer Frauen haben im abgelaufenen Jahr die Qualifikation für die WM knapp verpasst, die Männer den WM-Viertelfinal. Wie gehen Sie beide mit Enttäuschungen um?

Xhaka: Ich drehe den Spiess möglichst schnell um, ich lerne daraus und kann so sehr oft etwas Gutes mitnehmen.

Wälti: Ich habe mich immer wieder gefragt, wie ihr mit dieser Enttäuschung umgegangen seid, was ich gemacht hätte, wenn die ganze Schweiz (sie formt mit den Händen den Doppeladler) ... Ich war an dem Tag beim «Blick»-Talk mit Ottmar Hitzfeld. Und es ging so sehr nur darum (sie macht wieder den Doppeladler), dass ich mich gefragt habe, was da gerade geschieht. Ich wurde gefragt, wie ich mit der Situation umgehen würde und hatte keine Ahnung. Ich denke, dass mich so etwas richtig runterziehen würde. Gut, du warst ja wenigstens nicht alleine, ihr wart drei.

Xhaka: Ja, der Captain war noch mit dabei (schmunzelt).

Wälti: Aber habt ihr es damals auch so mit Humor genommen?

Xhaka: Also Steph (Stephan Lichtsteiner, Red.) hat uns schon ein bisschen gerettet.

Wälti: Schon, oder?

Xhaka: Da muss man ehrlich sein. Wenn Steph das nicht auch gemacht hätte, dann hätte es auch anders weitergehen können. Er zeigte eine unglaubliche Solidarität.

Warum sprechen Sie eigentlich bei diesem Spiel von Enttäuschung, Lia Wälti? Die Schweizer haben gegen Serbien ja 2:1 gewonnen?

Wälti: Eben darum. Es ging ja nur noch um den Jubel. Mich hat das sowieso genervt. Emotionen im Spiel kannst du nicht immer steuern. Du kannst sie oft auch nicht erklären. Und viele, die darüber sprechen oder schreiben, waren selbst noch nie in einer derartigen Extremsituation. Irgendwie kann ich es aus Sportlersicht also nachvollziehen.

Haben denn die Diskussionen dazu geführt, dass das Team stärker zusammen gerückt ist?

Xhaka: Jein. Ich denke, das Ganze war sicher mit ein Grund, warum wir den Viertelfinal nicht erreicht haben. Es ging nur noch um diesen Jubel. Was mich am meisten enttäuscht hat: Warum schreibt man nicht über unseren Sieg? Nein, es wurde nur darüber, darüber, darüber gesprochen. Ich würde nicht sagen, dass es zwischen uns Spieler kam. Aber du spürst halt schon, wie viel sich nur noch um dieses eine Thema dreht.

Wie fühlten Sie sich als Auslöser?

Xhaka: Das Ganze kam aus den Emotionen, war überhaupt nicht geplant. Ich hätte nie gedacht, dass ich je einen kompletten Blackout haben könnte und einfach alles vergessen würde, was links und rechts ist.

Was braucht es, um sich auf dem Fussballplatz völlig zu vergessen?

Wälti: Im Männerfussball ist halt alles noch einmal grösser. Ich denke nicht, dass im Frauenfussball diese krassen Emotionen drin sind. Ich wollte auch nicht alte Wunden aufreissen.

Xhaka: Nein, nein. Wir können darüber doch offen sprechen. Was ich einfach erwarte von den Leuten, ist ein gewisses Verständnis.

Lia Wälti, Sie haben keinen Migrationshintergrund. Verstehen Sie?

Wälti: Ja. Also nicht die politischen Hintergründe. Aber wenn du in einem Büro arbeitest, hast du keine Kamera, die dich ständig beobachtet. Dort machen die Menschen auch Fehler, man sieht sie einfach nicht. Auf dem Fussballplatz aber wird jede Bewegung verfolgt. Jeder macht im Alltag Dinge, von denen er lieber hätte, dass nicht alle Leute sie sehen, kommentieren und werten.

Aber vielleicht ist das die Aufgabe des Fussballs? Dass er Dinge sichtbar macht, die schon lange unausgesprochen im Raum schweben. Und dann reden endlich mal alle über ein Thema, das sehr wichtig ist, wie in diesem Beispiel Integration.

Wälti: Also ich fand, dass etwa direkt in diesem WM-Studio nach dem Spiel keine gute Diskussionskultur herrschte. Da ging es irgendwie nur um Polemik. Schade, das Thema ist ja ein wichtiges für die Schweiz.

Wie die Diskussion über Doppelbürger weitergeht, ob der extreme Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen im Fussball je überwunden wird und warum es scheint, dass der Sexismus nicht tot zu kriegen ist, wenn es um Frauenfussball geht, können Sie im ausführlichen Interview im Tages-Anzeiger lesen.

«Lia ist zur Weltklasse-Spielerin geworden»

Für die Nationaltrainerin Martina Voss-Tecklenburg ist Lia Wälti «Weltklasse. Mit ihr sind wir immer ein Stück weit besser». (Video: 20 Minuten)

Lia Wälti und Granit Xhaka Die 25-jährige Lia Wälti ist 81-malige Nationalspielerin und steht seit Sommer 2018 bei Arsenal unter Vertrag. In London lebt die Emmentalerin zum ersten Mal nur für den Fussball. Zuvor spielte sie fünf Jahre in Potsdam, wo die gelernte Bürokauffrau nebenher das Fachabitur ablegte. Als Juniorin spielte sie bis in die U-16 in Knaben-Teams. Der um ein Jahr ältere Granit Xhaka spielt bereits seit 2016 bei Arsenal. Er wuchs in Basel als Kind kosovo-albanischer Eltern auf und gab mit 17 sein Debüt als Profi. Sein Vater Ragip verbrachte drei Jahre im ehemaligen Jugoslawien als politischer Gefangener im Gefängnis. Sein älterer Bruder Taulant spielt für das Nationalteam Albaniens.

Lia Wälti und Granit Xhaka Die 25-jährige Lia Wälti ist 81-malige Nationalspielerin und steht seit Sommer 2018 bei Arsenal unter Vertrag. In London lebt die Emmentalerin zum ersten Mal nur für den Fussball. Zuvor spielte sie fünf Jahre in Potsdam, wo die gelernte Bürokauffrau nebenher das Fachabitur ablegte. Als Juniorin spielte sie bis in die U-16 in Knaben-Teams. Der um ein Jahr ältere Granit Xhaka spielt bereits seit 2016 bei Arsenal. Er wuchs in Basel als Kind kosovo-albanischer Eltern auf und gab mit 17 sein Debüt als Profi. Sein Vater Ragip verbrachte drei Jahre im ehemaligen Jugoslawien als politischer Gefangener im Gefängnis. Sein älterer Bruder Taulant spielt für das Nationalteam Albaniens.

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