20.10.2020 21:04

Arzt in Hotspot-Spital«Im Frühling kam in einer ähnlichen Situation der Lockdown»

Im Corona-Hotspot Wallis füllen sich die Spitäler. Trotz rekordhoher Fallzahlen hat der Kanton bislang auf harte Massnahmen verzichtet.

von
Bettina Zanni
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Pro Tag verzeichnet das Bundesamt für Gesundheit (BAG) innerhalb der letzten acht Tage rund 53 Spitaleinweisungen – in der Woche davor waren es noch rund 22.

Pro Tag verzeichnet das Bundesamt für Gesundheit (BAG) innerhalb der letzten acht Tage rund 53 Spitaleinweisungen – in der Woche davor waren es noch rund 22.

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«Die Situation ist beunruhigend», sagt Frank Bally, Chefarzt am Zentralinstitut der Spitäler im Wallis. Im Zentral- und Unterwallis habe sich die Zahl der neuen Covid-Fälle in der letzten Woche verdreifacht.

«Die Situation ist beunruhigend», sagt Frank Bally, Chefarzt am Zentralinstitut der Spitäler im Wallis. Im Zentral- und Unterwallis habe sich die Zahl der neuen Covid-Fälle in der letzten Woche verdreifacht.

hopitalduvalais.ch
Die Spitäler im Kanton füllten sich langsam. Im Hôpital du Valais sind laut Bally bei einer Kapazität von 100 Akutbetten für Corona-Patienten schon 73 Betten belegt. Auf der Intensivstation sind es 5 von 19 Betten.

Die Spitäler im Kanton füllten sich langsam. Im Hôpital du Valais sind laut Bally bei einer Kapazität von 100 Akutbetten für Corona-Patienten schon 73 Betten belegt. Auf der Intensivstation sind es 5 von 19 Betten.

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Darum gehts

  • Schweizweit weist der Kanton Wallis die meisten Corona-Ansteckungen auf.

  • Ein Walliser Chefarzt befürchtet, dass es im Spital für Covid-Patienten eng werden könnte.

  • Jetzt brauche es härtere Massnahmen, fordert der Präsident der Westschweizer Ärztegesellschaft. Der Ruf stösst im Kanton auf offene Ohren.


Mehr als doppelt so viele Covid-Patienten als noch vor einer Woche liegen zurzeit in den Schweizer Spitälern. Pro Tag verzeichnet das Bundesamt für Gesundheit (BAG) innerhalb der letzten acht Tage rund 53 Spitaleinweisungen – in der Woche davor waren es noch rund 22. Die meisten Ansteckungen schweizweit weist der Kanton Wallis auf (siehe Box).

«Die Situation ist beunruhigend», sagt Frank Bally, Chefarzt am Zentralinstitut der Spitäler im Wallis. Im Zentral- und Unterwallis habe sich die Zahl der neuen Covid-Fälle in der letzten Woche verdreifacht. «Das ist ein Zeichen dafür, dass die Epidemie Fahrt aufgenommen hat.» Die Spitäler im Kanton füllten sich langsam. Im Hôpital du Valais sind laut Bally bei einer Kapazität von 100 Akutbetten für Corona-Patienten schon 73 Betten belegt. Auf der Intensivstation sind es 5 von 19 Betten.

«Könnte eng werden»

Der Chefarzt macht darauf aufmerksam, dass bei der ähnlichen Epidemiesituation im Frühling der Lockdown verhängt worden sei. «Da ein Lockdown aber vermieden werden soll, könnte es in den kommenden Wochen in den Spitälern im Wallis und anderen Spitälern der Westschweiz eng werden.» Dabei würde es beim Personal zu Engpässen kommen. «Dann könnte man nicht mehr alle Patienten behandeln und müsste die Triage einführen – das wäre extrem hart.»

Laut Bally hinkt die Wirkung der Massnahmen den Ansteckungen hinterher. «Die Massnahmen wirken zwar, aber – wie der starke Anstieg zeigt – nicht genügend.» Dennoch rechnet der Chefarzt mit einem weniger raschen Anstieg der Patienten auf der Intensivstation im Vergleich zum Frühling. Covid-Patienten würden mit dem entzündungshemmenden Medikament Dexamethason behandelt. «Dieses mildert die Entzündungen und damit das Intensivpflege- und Sterberisiko.»

«Handelt das Wallis nicht, drohen harte Massnahmen»

Trotz der hohen Infektionszahlen kämpft der Kanton Wallis mit nur wenigen erweiterten Massnahmen gegen das Coronavirus. Das Feiern wie etwa beim Après-Ski ist unter Auflagen nach wie vor möglich. Zusätzlich zu den schweizweiten Massnahmen ist die Kontaktangabe bei öffentlichen Veranstaltungen im Wallis obligatorisch. Auch gilt ab ein Uhr morgens in den öffentlichen Lokalen eine Sperrstunde.

Ärzte kritisieren die Praxis. «Handelt der Kanton Wallis jetzt nicht, drohen später richtig harte Massnahmen», sagt Philippe Eggimann, Präsident der Westschweizer Ärztegesellschaft. Er fordert, dass die Clubs und Diskotheken vorübergehend geschlossen werden. «Die Kantone Genf im August und die Waadt ab Mitte September konnten die Ansteckungen dank der Clubschliessungen deutlich senken.» Bekomme der Kanton die Ansteckungen nicht in den Griff, seien der Start der Wintersaison und Veranstaltungen wie Après-Ski gefährdet.

Zusätzlich erachtet Eggimann strengere sanitäre Bedingungen in Restaurants als notwendig. «Die meisten Ansteckungen passieren vor den Restaurants, wo die Leute rauchen, laut schwatzen und ohne Rücksicht auf Distanz sprechen.» Er merkt an, dass die Tröpfchen, die beim Husten und Niesen ausgestossen werden, viel weiter wirbeln als die «berühmten» 1,5 Meter. «Sie können bis zu 5 oder 6 Meter weit fliegen, ganz zu schweigen von den möglichen Aerosolen, die ebenfalls ansteckend sind.»

Kanton kündigt Massnahmen an

Der Präsident der Ärztegesellschaft appelliert zudem an eine stärkere Eigenverantwortung. Menschenansammlungen müssten sowohl öffentlich als auch privat eingeschränkt werden. «Auch wer jetzt eine Party zum 20. Geburtstag oder eine Halloween-Party plant, sollte das alles auf das nächste Jahr verschieben.» Weiter sollte das Angebot an Desinfektionsmitteln an allen öffentlichen Orten aufgestockt werden. «In den Restaurants braucht es an jedem Tisch ein Mittel, ebenso müssen sich die Menschen in den Zügen und Bussen die Hände desinfizieren können.» Besonders beim Ein- und Aussteigen nach dem Berühren der Griffe und Geländer sei dies nötig.

Bei der Walliser Regierung stösst der Ruf nach strengeren Massnahmen auf offene Ohren. «Wir sind besorgt über den sehr schnellen Anstieg der positiven Fälle im Kanton Wallis», sagt der Walliser Staatsrat Christophe Darbellay (CVP). Der Staatsrat sei daran, schärfere Massnahmen zu prüfen und zu entscheiden. «Und das wird schnell gehen», versichert er. Welche Massnahmen geplant sind, wollte er nicht angeben.

Belegte Betten


Auf den Intensivstationen sind derzeit 100 Betten mit Corona-Patienten belegt, wie Andreas Stettbacher, Delegierter des Bundesrats für den Koordinierten Sanitätsdienst (KSD), an der Medienkonferenz vom Dienstag sagte. Mit 756 Corona-Fällen pro 100’000 Einwohner in den letzten 14 Tagen weist der Kanton Wallis schweizweit die meisten Infektionen auf. Von 100 Betten für Akutkranke waren bis Dienstagabend in den dortigen Spitälern zurzeit 73 besetzt. Auf der Intensivstation sind 6 Betten von total 25 mit Covid-Patienten besetzt.

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1180 Kommentare
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PD

21.10.2020, 14:45

Auch wenn der Nutzen des ersten Lockdowns nicht ersichtlich ist, (abgesehen von der saubreren Luft), sollte der Bundesrat gestaffelte Kurz-Inszenierungen davon machen, er ist dann international im Trend, der Kollateralschaden ist im Vergleich zu den 79 schwer Kranken (auf 8.67 Millionen Menschen) ein Pappenstiel.

Luna

21.10.2020, 12:37

Lockdown wir kommen..🙈

footom

21.10.2020, 10:26

wer kontrolliert eigentlich das BAG??