Im Gartencenter oder im Gefängnis?
Aktualisiert

Im Gartencenter oder im Gefängnis?

ERZÄHLUNG – Es fängt alles ganz harmlos an. Herr Meier oder Müller besucht ein Gartencenter. Was er genau dort will, wird nicht so ganz klar, denn sofort wird er von einem Gärtner oder Verkäufer in Beschlag genommen, der ihm die Ohren vollquasselt. Die Frage «Kann ich Ihnen helfen?» versteht der Gartencenter-Mitarbeiter ziemlich umfassend. Denn es gibt nicht nur Blumen, Sträucher und Bäume im Angebot, sondern auch detaillierte Regeln, wie man sich im Gartencenter zu bewegen hat.

Das ältere Ehepaar Tannheimer etwa, das viel Zeit im Center verbringt und «sich Schritt für Schritt von den ersten gemeinsamen Geranien bis zu den Rosen vorgearbeitet hat», hält sich an die Vorschriften. Auch Frau Schwarz, die das Unkraut völlig aggressionslos jätet, und Herr Gelber, der Mammutbäume pflanzen will, scheinen ständig im Gartencenter zu sein. Der Ort wird immer unheimlicher. Kommt Herr Meier oder Müller je wieder heraus? Denn auch der Gärtner heisst plötzlich nur noch «der Grosse G».

In seiner ersten längeren Erzählung gibt Richard Reich nicht nur einen kleinen Kurs in angewandter Botanik, sondern zeigt die scheinbar heile Welt als Gefängnis. Und weil dies gerade an normalerweise so positiv besetzten Beispielen wie Gartencenter und Gärtner geschieht, ist es um so beängstigender. Da Reich dies aber auch mit trockenem Humor und Ironie beschreibt, ist der Lesegenuss gross.

Wolfgang Bortlik

Richard Reich «Das Gartencenter», Verlag Kein & Aber, 230 Seiten, 32.90 Franken.

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