Sagen und Mythen: Im Gegensatz zu Toko war Wilhelm Tell ein Stümper
Aktualisiert

Sagen und MythenIm Gegensatz zu Toko war Wilhelm Tell ein Stümper

Er konnte mit dem Bogen genauso gut umgehen wie Wilhelm Tell mit seiner Armbrust. Doch Toko der Däne konnte im Gegensatz zum Innerschweizer auch Skifahren, was doch etwas am Nationalstolz kratzt.

von
gux

Das Schweizer Fernsehen zeigte gestern in seiner neuen Serie «Die Schweizer» statt der Schlacht von Morgengarten den Widerstand unseres Nationalhelden Wilhelm Tell gegen die fremde Obrigkeit. Das war auch schön, zumal der Freiheitskämpfer, von dem nicht einwandfrei gesichert ist, dass es ihn auch gegeben hat, das nationale Selbstverständnis der modernen Schweiz tief geprägt hat.

Der unbeugsame Innerschweizer, erstmals um 1472 im Weissbuch von Sarnen erwähnt, zeigte dem habsburgischen Landvogt Gessler um 1300, wo der Schangli hängt (siehe Box). Die Geschichte kennt fast jeder Schweizer, sie verleiht uns Selbstbewusstsein und Nationalstolz: Wir, die Unbeugsamen. Was nicht jeder weiss: Ursprünge der Tell-Saga liegen in Dänemark und Norwegen, und die Tells der Skandinavier lassen den unseren ziemlich alt aussehen.

Betrunkener Däne mit Skis

Angefangen bei Toko, dem dänischen Krieger, dessen Geschichte in den «Gesta Danorum» vom Chronisten Saxo Grammatikus überliefert ist. Toko war Rock and Roll: Er soff, prahlte und bestand trotzdem alle schweren Prüfungen. Und: Toko konnte mit seinem Bogen genauso gut schiessen wie Tell mit seiner Armbrust – und ausserdem Skifahren.

Und das kam so: Der Krieger Toko stand in den Diensten des dänischen Königs Harald Blauzahn. Einmal prahlt Toko betrunken mit seinen Schiesskünsten, weswegen der König ihn herausfordert: Wie der Habsburger Gessler den Tell, zwingt Blauzahn den Krieger, seinem Sohn einen Apfel vom Kopf zu schiessen.

Den König beim Pinkeln getötet

Das schafft Toko ohne Probleme, merkt aber wie Tell an, dass er den König, hätte er versagt, mit einem zweiten Pfeil erschossen hätte.

Im Gegensatz zum Habsburger bei Tell aber nimmt der dänische König diese Drohung sportlich: Er fordert Toko zu einer Fahrt mit Skiern über eine Klippe heraus. Auch diese Aufgabe besteht der Krieger mit Bravour. Zum Ende kommt es wie bei Tell: Über die Jahre zerstreitet sich Toko endgültig mit dem König und spiesst ihn schliesslich auf dem Kriegsfeld auf – als der Blaublüter am pinkeln ist.

Historiker wie der 2009 verstorbene Jean-François Bergier wiesen darauf hin, dass der Dänen-Chronist Saxo Grammatikus bei seiner Erzählung um den Krieger Toko sich wohl an Geschichten aus Norwegen orientiert hat, zumal Skifahren im flachen Dänemark ein wenig heldenhaftes Vergnügen sein musste.

Eine Nuss als Ziel

Überhaupt bieten die Norweger Tells mit noch viel ausgefeilteren Schiesskünsten. Hier gab es einen Widerstandkämpfer, der, ebenfalls von einer Obrigkeit gezwungen, eine Nuss vom Kindeskopf schiesst. Oder einen gewissen Eindridi, der den Apfelschuss sogar mit einer Schachfigur als Ziel hinkriegt.

Die Skandinavier, aber auch die Briten haben viele Helden und Widerstandskämpfer, die sich wie Tell mit (Schiess-)Geschick gegen die Obrigkeit auflehnten. Was unser Tell ihnen allen voraus hat: Er ist bei uns bis in die heutige Zeit nie in Vergessenheit geraten.

Tell-Saga im Schnelldurchlauf

Als Wilhelm Tell sich nicht vor dem aufgehängten Hut des Haburger Vogtes Gesslers verbeugt, verhaftet der den Innenschweizer und schnappt sich Tells Sohn Walter. Damit Tell seine Freiheit wiedererlangen kann, muss er seinem Sohn einen Apfel vom Kopf schiessen. Tell tuts, erfolgreich, aber nicht ohne die Drohung: Hätte er nicht getroffen, hätte er Gessler mit einem zweiten Pfeil aus seiner Armbrust erschossen. Dieses erneute Aufbegehren lässt sich der Vogt nicht bieten. Tell wird gefangen genommen. Doch er kann fliehen und erschiesst den Vogt nach einer stürmischen Fahrt über den Vierwaldstättersee aus dem Hinterhalt in einer Gasse: «Durch diese hohle Gasse muss er kommen», soll Tell vor seinem Meisterschuss gedacht haben (merkbar für weniger Geschichtsaffine: Durch diese kahle Hose muss er gasen). Vogt Gessler jedenfalls findet sein Ende in Küssnacht.

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