Tötungsdelikt im Kosovo - «Im klassischen Denken sind verwandte Männer kollektiv mitschuldig»
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Tötungsdelikt im Kosovo«Im klassischen Denken sind verwandte Männer kollektiv mitschuldig»

D.K.* (29) soll im Kosovo seine 18-jährige Ehefrau getötet haben. Der Onkel des Opfers hat Vergeltung angekündigt. Was steckt dahinter – und wie ist die Situation für die Verwandten in der Schweiz? Expertinnen und Experten ordnen ein.

von
Christina Pirskanen
Céline Krapf
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Die mutmasslichen Täter A.S. (32, links) und D.K. (29) wurden verhaftet.

Die mutmasslichen Täter A.S. (32, links) und D.K. (29) wurden verhaftet.

D.K. (29) war mit dem Opfer verheiratet.

D.K. (29) war mit dem Opfer verheiratet.

Hier wird der Haupttäter D.K. festgenommen. 

Hier wird der Haupttäter D.K. festgenommen.

Iindeksonline.net

Darum gehts

  • D.K. (29) und der in der Schweiz wohnhafte A.S. (32) werden beschuldigt, im kosovarischen Ferizaj die 18-jährige M.O. getötet zu haben. Beide Männer wurden verhaftet.

  • Der Bruder des Haupttäters aus der Westschweiz hatte sich nach der Festnahme von D.K. via Social Media von ihm distanziert.

  • Die Kommentare waren teils beleidigend und zogen die Familie des Täters in die Verantwortung. «In den traditionellen Gesellschaften des Balkans gibt es keine individuelle Ehre, sondern ausschliesslich eine Familienehre», sagt Karl Kaser, Professor an der Universität Graz.

Er will nicht mit den Medien reden - für seine Familie und gar ihn selbst in der Schweiz sei das zu gefährlich, sagt K.K. (35): «Aufgrund von Kultur und Tradition.» Sein Bruder D.K. (29) soll am Wochenende die 18-jährige Ehefrau M.O. im Süden des Kosovos umgebracht haben. Nach der Verhaftung des 29-Jährigen am Dienstagmittag distanzierte sich K.K. in einem Post auf Social Media klar von seinem Bruder.

Während die Mehrheit der Kommentierenden des Beitrags den Mut des 35-Jährigen loben und ihr Beileid aussprechen, gibt es auch Stimmen, welche die Familie in die Verantwortung nehmen: «Du hast es im Blut und du solltest dich schämen», schreibt ein User. «Ihr als Familie solltet bestraft werden.» Keine Vergebung von ihm könne den Schmerz der Mutter stoppen, schreibt ein anderer Kommentator. Vergeltung fordert auch der Onkel der jungen Frau: «Im Kosovo gibt es zwei Gesetze», sagt er – unabhängig vom juristischen Urteil, droht er mit Selbstjustiz. Muss die Familie des Täters nun um ihre Sicherheit fürchten?

«Rache als persönliche Vergeltung tritt überall auf»

«Im klassischen Denken der kosovarischen Gesellschaft sind alle verwandten Männer des Täters kollektiv mitschuldig. Sie können theoretisch alle zur Rechenschaft gezogen werden», schreibt Karl Kaser, Osteuropahistoriker und Professor an der Universität Graz auf Anfrage von 20 Minuten. In den traditionellen Gesellschaften des Balkans überwiege das Denken im Männerkollektiv. «Es gibt dabei keine individuelle Ehre, sondern ausschliesslich eine Familienehre.» Doch das sei Theorie – in der Praxis hänge eine Vergeltungsaktion von sehr vielen Komponenten ab, die in diesem Fall unbekannt seien. Denn: «Hinter jedem Blutrachefall stecken komplexe Verhältnisse zweier Familiengruppen, die man kennen muss», erklärt Kaser. In der Schweiz würde heute wohl kaum jemand eine lebenslange Haft für die Ausübung der Blutrache riskieren.

Ob die Drohungen wirklich ernst zu nehmen sind, könne aufgrund der Informationslage nicht gesagt werden, sagt auch Zef Ahmeti, albanischer Kulturvermittler und Mediator. «Rache als persönliche Vergeltung tritt überall auf.» Ob es zu Blutrache komme, hänge aber von vielen psychosozialen, psychologischen und anderen Faktoren ab. Über den konkreten Fall ist laut Ahmeti in den kosovarischen Medien breit berichtet worden: «Die Menschen sind empört. Auch deren Reaktionen können aus dem emotionalen Momentum kommen und sind nicht unbedingt als eine unmittelbare Gefahr einzustufen.»

D.K. (29) soll mit seinem in der Schweiz wohnhaften Kollegen A.S. (32) die junge Frau M.O. am Sonntag in Ferizaj umgebracht haben. Danach brachten die beiden die Leiche der 18-Jährigen ins Spital und flüchteten im Schweizer Audi. Beide wurden unterdessen verhaftet und zu einer Untersuchungshaft von einem Monat verurteilt. Die zwei Männer sind zudem mehrfach vorbestraft. D.K. stand unter anderem wegen Diebstahls, Raubs und leichter Körperverletzung vor Gericht, schreiben lokale Medien. Alleine in diesem Jahr wurde er in drei verschiedenen Fällen verurteilt.

*Namen der Redaktion bekannt

Hier findest du Hilfe:

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Seelsorge.net, Angebot der reformierten und katholischen Kirchen

Muslimische Seelsorge, Tel. 043 205 21 29

Lifewith.ch, für betroffene Geschwister

Verein Regenbogen Schweiz, Hilfe für trauernde Familien

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Pro Senectute, Beratung älterer Menschen in schwierigen Lebenssituationen

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