Haftbedingungen in China: Im Knast mit Ai Weiwei
Aktualisiert

Haftbedingungen in ChinaIm Knast mit Ai Weiwei

Nichts zu lesen, nichts zu tun. Immer nur auf und ab gehen. Einziger Lichtblick: Kleider waschen. Die Haftbedingungen des chinesischen Dissidenten zeugen von mentaler Folter.

von
Simone Kubli

Eine Lampe, die rund um die Uhr brennt, ein blindes Fenster, als einziges Möbel eine Pritsche mit Schaustoffkanten, damit er sich nicht umbringen kann: Erstmals sind Details über die Haft des prominenten chinesischen Künstlers und Regimekritikers Ai Weiwei bekannt geworden. Er war im April in Peking festgenommen und wegen angeblicher Steuerhinterziehung in Haft gesetzt worden.

Zum Nichtstun verdammt

Im deutschen Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» schildert der Schriftsteller Bei Ling, wie sein Freund die Zeit erlebt hat. Demnach bekam Weiwei in seiner Zelle weder Zeitungen noch Radio. Keinen Stift, kein Papier: Der Intellektuelle war zum totalen Nichtstun verdammt.

Ai Weiwei gegen Kaution auf freiem Fuss

Das Denken und Atmen sei schwerer und schwerer geworden, berichtete Weiwei seinen Freunden. «Für jemanden, der seine Freiheit verloren hat, zieht sich der Tag endlos hin. Ich hatte Angst, dass niemand wusste, wo ich war, dass niemand erfahren würde, was mit mir geschehen ist. Ich kam mir vor wie eine kleine Bohne, die auf den Boden gefallen ist und in einer Ritze verschwindet. Still und unbemerkt, für alle Zeiten.»

Fast drei Monate musste er in einem knapp sechs Quadratmeter kleinen Zimmer ausharren, ohne Kunst, ohne Poesie. Das einzige, was er jederzeit tun konnte: auf und ab gehen. Ai Weiwei selbst schätzt, dass er 1000 Kilometer herumgetigert ist. 15 Kilo hat er in den 81 Tagen in Haft abgenommen.

Darf ich mich bitte am Kopf kratzen?

Der im Westen bekannte Künstler wurde rund um die Uhr bewacht: während des Schlafens, des Duschens, beim Pinkeln. Zwei Wächter wechselten sich alle drei Stunden ab und beobachteten ihn in einem Abstand von nur einem knappen Meter. Wollte er sich am Kopf kratzen, musste er sie um Erlaubnis bitten.

«Ai sagte, er sei ungefähr fünfzigmal verhört worden», erzählten Freunde von Weiwei der New York Times. Immer sei dabei sein Blog im Zentrum gestanden. Warum er dies schreibe oder jenes – die Beamten hätten ihm vorgeworfen, trotzig und ungehorsam zu sein. Die angeblichen Steuervergehen seien nie ein Thema gewesen.

«Es war eine Art mentale Folter, die bestens funktionierte,» erklärte Ai Weiwei in einem kurzen Telefonat mit der New York Times. Sein Sprecher sagte, dass ihm die Beamten von Anfang an klargemacht hätten, dass dies für ihn keine angenehme Zeit werde. «Du machst uns immer Probleme. Jetzt machen wir dir Probleme», sollen die Polizisten gesagt haben.

Keine Schläge — dank Popularität im Westen

Manche Verhörbeamte taten so, als hätten sie Ai Weiweis Namen noch nie gehört. Andere kannten ihn sehr wohl, hatten aber keine Ahnung von Kunst. Sie warfen ihm vor, dass seine Werke in der Herstellung nur ein paar Renminbi kosteten, während er sie im Ausland für Millionen verkaufe. «Dir ist hoffentlich klar, dass du damit Betrug begangen hast!»

Geschlagen und gefesselt wurde Ai Weiwei während seiner Haft nie. Wahrscheinlich hat ihm da seine internationale Popularität geholfen. Doch sein Geist funktioniere heute nicht wie vorher, wie Freunde berichten. Er fühle sich noch immer etwas benommen. Das Interesse an vielen Dingen sei verflogen. «Das ist sehr beunruhigend.»

Lichtblick: das Waschen

Neben der ewigen Überwachung, Schikanen und Verhören gab es für Ai Weiwei auch einen Lichtblick in seiner winzigen Zelle: Er musste seine Kleider selbst waschen. Was als Strafe gedacht war, entpuppte sich für den Künstler als Erlösung – es war die einzige Tätigkeit, die er mit seinen Händen tun konnte. Waschen wurde seine Lieblingstätigkeit.

Am 22. Juni wurde Weiwei unter internationalem Druck auf Kaution freigelassen. Er musste ein Geständnis unterschreiben. Seither steht er unter Hausarrest, darf aber seine Frau und seinen Sohn sehen. Gelegentlich darf er sogar ein Restaurant besuchen. Nicht erlaubt ist ihm, sich persönlich zu seiner Haftzeit zu äussern. Der chinesische Staat kontrolliert zudem scharf, wer ihn besucht.

Video: Bericht über Weiweis Haftbedingungen (YouTube)

Deine Meinung