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Sorge um Libanons Wirtschaft«Jetzt wird auch Hunger zum Problem»

Bereits vor der Katastrophe war die Situation im Libanon dramatisch. Expertin Elham Manea ist besorgt, dass nun alte Wunden aus dem Bürgerkrieg wieder aufreissen und dass die Wirtschaftslage sich verschlimmert.

von
Noah Knüsel

Luftaufnahmen zeigen das Ausmass der Zerstörung.

20 Minuten

Darum gehts

  • Nach der verheerenden Explosion in Libanons Hauptstadt Beirut schätzt Nahost-Expertin Elham Manea die Lage ein.
  • Sie befürchtet, dass sich die schon schlechte Wirtschaftssituation weiter verschlimmern wird.
  • Wegen zerstörter Weizenvorräte werde nun auch Hunger zum Problem.
  • Manea sieht den Libanon derzeit als gescheiterten Staat an: Sie ist besorgt, dass alte Konflikte wieder aufflammen könnten.

Die gewaltige Explosion im Hafen von Beirut richtete riesige Zerstörung an: Bis Mittwochmittag waren hundert Todesfälle bestätigt, Tausende sind verletzt. Der Hafen ist grösstenteils zerstört. Die Behörden gehen von einem Unfall aus.

Aber auch schon vor dieser Katastrophe hatte das Land mit vielen Problemen zu kämpfen: Die politische Situation ist sehr angespannt, letzten Herbst gingen Hunderttausende Demonstranten auf die Strasse und protestierten gegen die Regierung. Zudem steckt das Land in einer schweren Wirtschaftskrise. Nahost-Expertin Elham Manea* schätzt für 20 Minuten die Lage ein.

Elham Manea ist Dozentin am Institut für Politikwissenschaft der Uni Zürich.

Elham Manea ist Dozentin am Institut für Politikwissenschaft der Uni Zürich.

elham-manea.com 

Frau Manea, Sie haben gute Kontakte in den Libanon. Was hören Sie von Ihren Freunden dort?

Sie sind fassungslos. Die Szenen dort erinnern an 9/11. Das ganze Land ist gerade in einem Schockzustand.

Der Libanon steckt in einer Wirtschaftskrise. Die libanesische Währung ist fast nichts mehr wert, die Arbeitslosigkeit steigt. Wie wird sich die Situation entwickeln?

Ich befürchte, dass sie sich weiter verschlimmern wird. Denn der zerstörte Hafen war das Zentrum von Import- und Exporthandel im Land. Und zu allem Übel kommt hinzu: Im Hafen waren grosse Weizenvorräte gelagert, die auch zerstört wurden. Jetzt wird auch Hunger zum Problem.

Wie ist das politische Klima im Libanon?

Es ist eine sehr gefährliche Situation. Viele Beobachter sind besorgt, dass Gewalt ausbrechen könnte. Es gibt viele Akteure, die sich in die Ecke gedrängt fühlen. Sie könnten versuchen, den Unfall zu instrumentalisieren. Eine wichtige Kraft ist die Hizbollah-Miliz. Vier ihrer Mitglieder sollen diese Woche vom UNO-Sondertribunal für den Libanon verurteilt werden. Ihnen wird vorgeworfen, dass sie etwas mit der Ermordung des libanesischen Ministerpräsidenten Rafik Hariri zu tun hatten. Er und 21 weitere Menschen wurden 2005 bei einem Anschlag in Beirut getötet.

Das Problem ist, dass der Friedensprozess nach dem Bürgerkrieg die Probleme nicht an der Wurzel packte. Stattdessen wurden im neuen Regierungssystem die religiösen Identitäten zementiert und so die Gräben vertieft (siehe Box, die Red.). Diese alten Konflikte könnten jetzt wieder aufflammen.

So funktioniert das Regierungssystem im Libanon

Von 1975 bis 1990 tobte im Libanon ein Bürgerkrieg, der mehr als 100’000 Menschen das Leben kostete. In den Friedensverhandlungen wurde daraufhin ein neues Regierungssystem definiert: Alle 18 anerkannten religiösen Gruppen des Landes müssen darin vertreten sein. Die drei grössten und mächtigsten sind Sunniten, Schiiten und Christen. Das System wird immer wieder kritisiert, da es Korruption begünstige und nur einer herrschenden Elite zugutekomme.

Was sind die grössten Probleme, die der Libanon hat?

Im Moment ist der Libanon faktisch ein gescheiterter Staat. Die Regierung kann grundlegende Leistungen nicht erbringen und hat kein Gewaltmonopol. Das zeigte sich auch beim Unfall am Dienstagabend: Der Beiruter Hafen wird von der Hizbollah kontrolliert – offensichtlich konnte die Regierung nicht durchsetzen, dass der Sprengstoff nach richtigen Sicherheitsvorkehrungen gelagert wird. Dieses Staatsversagen ist eine Folge des korrupten Regierungssystems.

Zudem verlassen immer mehr junge, gut ausgebildete Libanesen das Land. Wegen der sich verschlechternden wirtschaftlichen Situation wollen sie sich anderswo eine Zukunft aufbauen.

Was müsste passieren, damit der Libanon wieder auf die Beine kommt?

Es braucht eine neue, technokratische Regierung, die die Probleme im Land tatsächlich angeht. Zudem muss ein neues System der Machtteilung her, in dem die religiöse Zugehörigkeit keine Rolle mehr spielt. Und: Die Hizbollah muss entwaffnet und ins System integriert werden – nicht als militärische Kraft, sondern als politischer Akteur.

* Elham Manea ist Dozentin am Institut für Politikwissenschaft der Uni Zürich.

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110 Kommentare
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mini nuke

07.08.2020, 14:14

Die Behörden gehen von einem Unfall aus, während Netanyahu vor der Uno sagte, dass er (zufällig genau dort, wo es passiert ist) neue Explosions-Waffen testen will: https://m.youtube.com/watch?v=6orFQGx1_sc Verschwörungstheorie oder Verschwörung?

Jelena

07.08.2020, 06:52

https://www.currenttime.tv/a/livan-vzryv-gruza-rossiyanina/30767570.html

Mörder

06.08.2020, 14:12

Wir Schweizer denken wir sind besser! Dabei macht unsere Regierung und Verwaltung auch Fehler! Wir hatten einen Pandemieplan abgesegnet, der beinhaltete ein Maskenlager aufzubauen, dies wurde nie gemacht und als die Pandemie kam, hatte es nicht rechtzeitig genügend Masken im Umlauf! Gleichzeitig werden bei uns falsche Zahlen veröffentlich etc. Es ist vielleicht ein sehr schweres Verfehlen solchen Sprengstoff im Lebensmittellager und Versorgungsader zu lagern. Aber bei uns würde sowas nur darum nicht passieren, weil wir dank hoher Bürokratie und Aufklärung genügend Wistleblower hätten, die sowas melden würden! An purer Unzulänglichkeit würde es der Schweiz genausowenig fehlen wie dem Libanon!