Aktualisiert 27.03.2012 08:17

Dienstpflicht

Im Pflegeheim wartet niemand auf Zivi-Frauen

Ueli Maurer möchte junge Frauen zur Betreuung der Alten verpflichten. Aus der SP gibts dafür Applaus - Pflegefachleute schütteln hingegen den Kopf.

von
Simon Hehli
Ueli Maurer möchte die Dienstpflicht auf die Frauen ausdehnen - doch wo diese zum Einsatz kommen könnten, ist nicht klar.

Ueli Maurer möchte die Dienstpflicht auf die Frauen ausdehnen - doch wo diese zum Einsatz kommen könnten, ist nicht klar.

Ueli Maurer spielt mit dem Gedanken, die Dienstpflicht auch auf die Frauen auszudehnen: Langfristig könne er sich das vorstellen, sagt der Verteidigungsminister in einem Interview mit der «Aargauer Zeitung». Für seine Armee braucht er zwar nicht mehr Soldatinnen - doch die jungen Frauen könnten angesichts der Überalterung der Gesellschaft im Pflegebereich tätig werden. Es handelt sich um jährlich 20 000 bis 30 000, die sinnvoll beschäftigt und ausgebildet werden müssten. «Ein solches Projekt stampft man nicht einfach so aus dem Boden», betont der SVP-Bundesrat.

Unterstützt wird Maurer von seinem Parteikollegen Erich von Siebenthal, Mitglied der sicherheitspolitischen Kommission des Nationalrates (SiK). Im Sinne der Gleichberechtigung und angesichts der Notstände im Gesundheitswesen müsse man sich überlegen, wo es frauengerechte Einsatzmöglichkeiten gäbe. Für von Siebenthal wäre ein solcher Dienst nicht nur ein Geben, sondern auch ein Nehmen - «eine Bereicherung für die Frauen, so wie es der Militärdienst für die Männer ist».

Auch das Fussball-Trainig soll zählen

Auch SP-Frau Edith Graf-Litscher hat Sympathien für Maurers Idee - unter einer Bedingung: «Wenn Frauen eines Tages gleich viel verdienen wie die Männer, können wir darüber diskutieren.» Der Thurgauerin schwebt ein obligatorischer «Dienst an der Allgemeinheit für alle» vor. Männer und Frauen sollen im Laufe ihres Lebens eine gewisse Anzahl Stunden gemeinnütziger Arbeit leisten - sei dies nun im Militär, im Pflegewesen oder als Junioren-Fussballtrainer. Zwang sei nötig, weil die Bereitschaft für freiwilliges Engagement in der Gesellschaft abnehme. «Wir müssen die Gratisarbeit wieder auf mehr Hände und Füsse verteilen», fordert Graf-Litscher.

BDP-Nationalrätin Ursula Haller ortet zwar im Pflegebereich einen grossen Notstand - aber den müssten nicht die Frauen beheben, die sich sowieso schon in hohem Mass engagierten, etwa bei der Pflege der betagter Eltern. Stattdessen käme die Schweiz kaum darum herum, in den nächsten 20, 30 Jahren Pflegepersonal aus Asien zu rekrutieren. Ihrem früheren Parteikollegen Maurer wirft Haller Widersprüchlichkeit vor: «Er will die Frauen noch weiter belasten, während seine SVP uns vorwirft, dass wir uns zu wenig um die Kinder kümmern.»

Wohin mit all den Frauen?

Klar ist: Die Einführung eines Frauen-Zivildienst wäre eine teure Quersubventionierung des Gesundheitswesens. Nicht nur müssten die Löhne der Frauen aus dem Topf der Erwerbsersatzordnung (EO) finanziert werden - sondern es würden auch ihre EO-Abgaben im Einsatzjahr fehlen. Auch der bürokratische Aufwand würde steigen, müsste der Zivildienst doch nicht mehr wie derzeit jährlich 4000 bis 7000 Personen vermitteln, sondern rund 30 000. Für die Zivildienst-Vollzugs-Stelle ist fraglich, ob überhaupt ein Bedarf für so viele Leute besteht.

Tatsächlich zeigen sich die Fachverbände skeptisch. Roswitha Koch vom Berufsverband der Pflegefachleute (SBK) erklärt: «Es gibt gar keinen Bedarf an mehr Assistenz- und Hilfspflegern.» Das Problem liege vielmehr beim qualifizierten Personal, das fehle. «Viele Pflegefachleute bleiben nur 10 bis 15 Jahre im Beruf, erklärt Roth, «das muss sich ändern.» Auch Dominik Lehmann von Curaviva, dem Verband der Heime und Institutionen, betont, die Temporär-Hilfspflegerinnen wären kein Ersatz für ausgebildetes Personal: «Wenn es darum geht, Spritzen zu setzen oder Menschen mit Demenz zu betreuen, braucht es Fachleute.» Aber immerhin könne eine Erweiterung der Dienstpflicht auf Frauen zu einer Entlastung in der Betreuungsarbeit führen, glaubt Lehmann: «Sie können mit alten Menschen spazieren gehen oder ihnen eine Geschichte vorlesen.»

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