Grüsel-Gastrobetriebe - «Im Restaurant lagen eimerweise ungekühlt verschimmelte Lebensmittel»
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Grüsel-Gastrobetriebe«Im Restaurant lagen eimerweise ungekühlt verschimmelte Lebensmittel»

In Appenzell Ausserrhoden musste ein Restaurant nach einer Lebensmittelkontrolle schliessen. Was Kantonschemiker dazu sagen – und weitere prekären Fälle, die eine Schliessung erzwangen.

von
Céline Krapf
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«Schmuddelbeizen sind selten, aber es gibt sie», schreibt das Kantonale Labor Zürich im Jahresbericht 2020.

«Schmuddelbeizen sind selten, aber es gibt sie», schreibt das Kantonale Labor Zürich im Jahresbericht 2020.

Kantonales Labor Zürich
Bei einer routinemässigen Lebensmittelkontrolle wurden gravierende Missstände festgestellt. Die Behörden entdeckten unter anderem mit Schimmel befallenen Broccoli…

Bei einer routinemässigen Lebensmittelkontrolle wurden gravierende Missstände festgestellt. Die Behörden entdeckten unter anderem mit Schimmel befallenen Broccoli…

Kommunikationsdienst Appenzell Ausserrhoden
… sowie verdorbenen Mozzarella.

… sowie verdorbenen Mozzarella.

Kommunikationsdienst Appenzell Ausserrhoden

Darum gehts

  • Die Behörden im Kanton Appenzell Ausserrhoden haben am vergangenen Donnerstag, dem 15. Juli, ein Lokal mit sofortiger Wirkung geschlossen.

  • Der Betreiber wurde verzeigt – durfte nun aber seinen Betrieb wieder öffnen.

  • Dies sei ein Einzelfall, sagen Kantonschemiker. Meist könnten allfällige Mängel zeitnah behoben werden ohne Schliessung des Betriebs.

Wegen Schimmel-Broccoli und gammligem Mozzarella musste ein Gastrobetrieb im Kanton Appenzell Ausserrhoden am letzten Donnerstag temporär schliessen. «Kommt es bei einer Kontrolle zu Beanstandungen, gibt es Auflagen, wie die Mängel behoben werden müssen und in welchem Zeitraum», schreibt Daniela Kimmich, Kommunikationsspezialistin von Gastrosuisse. Würden die Mängel nicht behoben, könnten rechtliche Schritte eingeleitet oder auch eine Schliessung des Betriebs verordnet werden.

Dies geschehe jedoch selten: «Nur wenn der Betrieb in äusserst desolatem Zustand ist, muss dieser sofort geschlossen werden», sagt Otmar Deflorin, Präsident des Verbands der Kantonschemiker der Schweiz (VKCS) und Amtsvorsteher des kantonalen Laboratoriums Bern. Kantonal habe diese Massnahme im letzten Jahr bei rund 7000 Inspektionen nur vier Mal ergriffen werden müssen. Ähnlich klingt es in anderen Regionen: In St.Gallen kam es 2020 zu sieben Betriebsschliessungen auf 2558 Kontrollen und auch in Zürich sind es Einzelfälle: «In den wenigsten Fällen ist eine Betriebsschliessung angezeigt», sagt Martin Brunner, Kantonschemiker des Kantons Zürichs.

«Ein unerträglicher Gestank von verwesenden Tierteilen»

Einer davon ist im Zürcher Jahresbericht beschrieben – die Lebensmittelkontrolleurin habe die Zustände in der Gastwirtschaft fotografisch festhalten müssen, «sonst hätte man es nicht glauben mögen»: In einem Gastbetrieb seien «eimerweise ungekühlt verschimmelte Lebensmittel» herumgestanden, «deren eigentliche Beschaffenheit aufgrund der fortgeschrittenen Verderbnis kaum noch zu erkennen war».

Auch im Kanton Bern wurde 2020 in einem Schlachtbetrieb «unhaltbare, desolate und unhygienische Zustände festgestellt», steht im Jahresbericht. Inmitten von «ungeschützten Fleischstücken» seien zwei ganze Wildschwein-Tierkörper, Blut auf dem Boden und zwischengelagerte Abfallbehälter vorgefunden worden. «Für das Fleisch und die Fleischerzeugnisse war keine Rückverfolgbarkeit vorhanden.» Zudem wurde eine Tiefkühltruhe mit 150 Kilogramm Fleisch entdeckt – sie war seit Monaten ausser Betrieb: Der «unerträgliche Gestank von verwesenden Tierteilen» habe dazu geführt, dass sich ein Mitarbeiter gar habe übergeben müssen.

Mängel oft bei vorgekochten Speisen

Teils sei kaum zu glauben, dass sich solche Zustände in der Schweiz böten, sagt Otmar Deflorin: «Meist treten mehrere Missstände auf und oft kämpfen Betreiber und Betreiberinnen gleichzeitig mit verschiedenen Problemen – unter anderem finanzieller, gesundheitlicher oder familiärer Natur.» Laut dem Berner Kantonschemiker erfolgen die Kontrollen dementsprechend risikobasiert: «Weist ein Betrieb Mängel auf, besuchen wir diesen häufiger.» Zudem würden Betriebe mit heiklen Lebensmitteln wie Metzgereien häufiger überprüft als beispielsweise Kioske. In Bezug auf die Häufigkeit der Mängel sei irrelevant, ob ein Restaurant Pizzas oder chinesisches Essen anbiete – wohl aber zeige sich ein Zusammenhang mit der Grösse der Speisekarte: «Oft korreliert die Infrastruktur nicht mit dem Speiseangebot: Sind Kücheneinrichtung und Kühlmöglichkeiten bescheiden, führt ein riesiges Angebot schnell zu unsachgemässer Handhabung.» Denn: Vielfach seien Mängel bei vorbereiteten und vorgekochten Speisen zu finden.

Der aktuelle Fall in Ausserrhoden empört die Bevölkerung: «Ich wüsste gerne, welches Restaurant das ist. Sonst sind diese auch angeschrieben, wenn sie so geschlossen wurden», sagt Markus Lux (40) in Herisau. «Es ist ein Skandal, dass dieser Wirt oder diese Wirtin weiterhin arbeiten darf», heisst es auch von Seiten der Leserinnen und Leser. Fachpersonen sprechen sich aber dagegen aus: «Die Bekanntgabe der Betriebe mit Mängeln ist nicht zielführend», sagt Kantonschemiker Martin Brunner. Die Berichte seien «nur Momentaufnahmen». Bei mangelhaften Betrieben würden die Mängel oft direkt behoben – so seien sie zum Zeitpunkt der Berichterstattung nicht mehr zutreffend. «Daher ist diese Forderung unsinnig.»

«Einen Hygiene-Pranger erachtet der Branchenverband nicht als zielführend, da er zum Beispiel nach einem Betreiberwechsel schaden kann», schreibt auch Gastrosuisse. Die risikobasierten Lebensmittelkontrollen hätten sich bewährt.

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