Island: Im Schnellzugstempo in die EU
Aktualisiert

IslandIm Schnellzugstempo in die EU

Bis vor kurzem wollte Island wie die Schweiz nichts von einem EU-Beitritt wissen. Die schwere Finanzkrise und der Zerfall der Währung bewirken ein Umdenken im Inselstaat, ein Beitritt könnte schon 2011 erfolgen.

von
Peter Blunschi

Gemäss der britischen Zeitung «The Guardian» bereitet sich die EU-Kommission in Brüssel auf ein Beitrittsgesuch aus Reykjavik vor. Dieses würde «sehr wohlwollend» betrachtet, und die Verhandlungen, die normalerweise Jahre dauern, könnten schon 2011 abgeschlossen werden, so der «Guardian» mit Berufung auf hochrangige Quellen. Island könne gemeinsam mit Kroatien als 29. Mitgliedsstaat beitreten, sagte Erweiterungskommissar Olli Rehn: «Es ist eine der ältesten Demokratien der Welt, und seine strategische und wirtschaftliche Stellung würde die EU stärken.»

Rehns Haltung wird von Diplomaten in Brüssel bestätigt: «Wir würden Island gerne in der Europäischen Union sehen», sagte einer von ihnen dem «Guardian». Im zweiten Halbjahr 2009 wird zudem Schweden den Vorsitz der EU übernehmen. Dort dürfte das Anliegen der skandinavischen Brüder auf offene Ohren stossen. Bis vor kurzem wollte der kleine Inselstaat im Nordatlantik mit seinen 320 000 Einwohnern nichts von einem EU-Beitritt wissen. Ähnlich wie die Schweiz beharrte man auf seiner Eigenständigkeit.

Isländer wollen den Euro

Die schwere Finanzkrise bewirkte ein fundamentales Umdenken. Im letzten Herbst kollabierte das aufgeblähte Bankensystem, das Land musste durch einen Notkredit vor dem Staatsbankrott gerettet werden. Die isländische Krone, die kleinste eigenständige Währung der Welt, stürzte in den Keller. Sparkonten und Altersguthaben der Isländer, noch vor kurzem eines der reichsten Völker der Welt, waren mit einem Schlag wertlos.

Rettung soll die EU, vor allem aber der Euro bringen. Viele Isländer würden ihre Krone am liebsten sofort gegen die Einheitswährung tauschen. «Die Krone ist tot. Wir brauchen eine neue Währung. Die einzige ernsthafte Option ist der Euro», sagte ein hochrangiger Regierungsbeamter dem «Guardian». Nach wie vor gibt es allerdings auch Widerstände gegen Brüssel, vor allem von Seiten der Fischerei, einem der wichtigsten Wirtschaftszweige. Eine «unilaterale Euroisierung», eine Übernahme des Euro ohne EU-Beitritt, wird von Brüssel jedoch als «Unsinn» zurückgewiesen.

Neuwahlen im Mai

Den Ausschlag geben dürften die für Mai geplanten vorgezogenen Neuwahlen. Die Sozialdemokraten als stärkste Kraft in der Übergangsregierung, die nach dem Rücktritt des konservativen Regierungschefs Geir Haarde eingesetzt wird, sind für den Beitritt. Die EU-Frage dürfte das zentrale Thema des Wahlkampfs werden. Für die Schweiz würde eine isländische EU-Mitgliedschaft bedeuten, dass sie in der ohnehin arg geschrumpften Efta einen weiteren Verbündeten verlieren würde.

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