Euro-Rabatt: Im Schweizer Detailhandel kommt es zum Preisrutsch
Aktualisiert

Euro-RabattIm Schweizer Detailhandel kommt es zum Preisrutsch

Im Kampf gegen den Einkaufstourismus senken die Händler ihre Preise. Markenartikel-Hersteller sollen die Währungsgewinne weitergeben. Sonst droht der Rauswurf.

von
S. Spaeth
Interdiscount macht bei Neubestellungen Druck auf den Lieferanten.(Archivbild)

Interdiscount macht bei Neubestellungen Druck auf den Lieferanten.(Archivbild)

Günstiges Deutschland, teure Schweiz. Seit der Aufhebung des Euro-Mindestkurses ist die Preisdifferenz zwischen den beiden Ländern nochmals um gegen 20 Prozent grösser geworden. Dem nun zu erwartenden Boom beim Einkaufstourismus wollen die hiesigen Händler aber nicht tatenlos zuschauen und schrauben an den Preisen. So hat das Einrichtungshaus Pfister die Preise für Möbel aus der Eurozone gesenkt und wirbt mit der Weitergabe des «Euro-Währungsvorteils».

Schnell reagiert hat auch Coop: So werden ab Montag 200 Früchte und Gemüse um bis zu 20 Prozent günstiger. Rasche Preissenkungen seien dort möglich, wo Coop keine Lagerbestände habe und selbst zum tieferen Euro-Kurs einkaufen könne. Das gilt beispielsweise auch für Poulet- und Trutenfleisch, Frischfisch, Frischkäse, Importbier oder Babynahrung. «Bei jenen Produkten, die wir selber in Euro beschaffen und keine Lagerbestände haben, können wir die Preise unmittelbar senken», sagt Coop-Einkaufschef Philipp Wyss zu 20 Minuten.

«Bei Markenartikelherstellern müssen Preissenkungen drinliegen»

Noch am Freitag hat Wyss alle Coop-Lieferanten angeschrieben und gefordert, die Kursvorteile konsequent weitergeben. Druck machen bei den Lieferanten aus dem Euroraum wollen auch Interdiscount und Denner. «Insbesondere bei den internationalen Markenartikel-Herstellern müssen Preissenkungen drinliegen», sagt Denner-Sprecherin Paloma Martino.

Bei Markenartikeln ist die Differenz derzeit enorm. Kostete die Colgate Dentagard beim deutschen Grossverteiler mit dem von der Nationalbank lange verteidigten 1.20-Mindestkurs umgerechnet 1.08 Franken, sind es beim aktuellen Kurs nur noch 90 Rappen. In der Schweiz schlägt das Produkt hingegen mit rund 2.25 Franken zu Buche.

Aldi senkt Preise von Obst und Gemüse

Reagiert hat auch Aldi. Der Harddiscounter senkt Mitte nächster Woche zahlreiche Obst- und Gemüseartikel, die aus dem Ausland bezogen werden. Bereits gesunken sie die Preise für Reisen von Aldi Suisse Tours. Zudem will Aldi in den nächsten Tagen und Wochen mit den Lieferanten über Weitergaben von Währungsvorteilen verhandeln.

Es sei nun zu befürchteten, dass der Einkaufstourismus weiter zunehmen werde, heisst es bei der Migros. Konkrete Preissenkungen kann die Detailhändlerin aber noch nicht ankündigen. «Sollte sich der Eurokurs auf einem tiefen Niveau einpendeln, werden wir mit jenen Lieferanten neu verhandeln, die wir in Franken bezahlen müssen, weil wir die Ware nicht direkt im Euro-Raum beziehen dürfen», sagt Migros-Sprecher Luzi Weber.

Kommt es wieder zum Rauswurf?

Zeigen sich die Lieferanten nicht genügend verhandlungsbereit und behalten einen Teil des Währungsvorteils, haben Detailhändler auch schon Markenartikel aus dem Regal verbannt: «Auslistungen sind das letzte Mittel», sagt Coop-Einkaufschef Wyss. Zuerst lege man den Fokus auf Verhandlungen. Im Sommer 2011 hatte Coop die Situation mit Zulieferern eskalieren lassen und rund hundert Markenartikel multinationaler Konzerne vorübergehend aus dem Sortiment gekippt. Betroffen waren beispielsweise Produkte von L'Oreal, Mars, Ferrero, Wella oder Uncle Ben's. Sie kehrten schliesslich mit 10 bis 20 Prozent tieferen Preisen ins Regal zurück.

Eine weitere Möglichkeit wären weitere Parallelimporte, was Migros und Coop bisher punktuell gemacht haben: «Leider versuchen gerade die Hersteller von Markenartikeln, diese Parallelimporte mit allen Mitteln zu unterbinden», sagt Migros-Sprecher Weber.

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