Chaos-Spiele: Im Sportlerdorf wird geputzt
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Chaos-SpieleIm Sportlerdorf wird geputzt

Mit einem Effort in letzter Minute will die indische Regierung die Commonwealth Games in Delhi retten. Ein Boykott auf breiter Front scheint abgewendet.

von
Peter Blunschi

Premierminister Manmohan Singh berief am Donnerstag eine Krisensitzung ein, um eine Lösung für die zahlreichen Probleme zu finden, welche die Spiele nur zehn Tage vor ihrem Beginn an den Rand der Absage gebracht haben. Eine eingestürzte Fussgänger-Brücke, verdreckte Athleten-Unterkünfte, Fälle von Dengue-Fieber und Schüsse auf Touristen hatten dazu geführt, dass mehrere der 71 in Delhi erwarteten Nationen mit einem Boykott drohten.

Innenminister Palaniappan Chidambaram forderte die Organisatoren und die Behörden der indischen Hauptstadt auf, die Probleme bis Freitagabend in den Griff zu bekommen. Worauf ganze Armeen von Putzkräften und Bauarbeitern in Marsch gesetzt wurden, um das Athletendorf auf Vordermann zu bringen. Damit konnten die Gemüter fürs erste besänftigt werden. England, Schottland, Wales und Neuseeland bestätigten ihre Teilnahme. Die Australier werden am Montag in Delhi erwartet, auch Kanada will antreten.

«Für uns ist es sauber»

Zu einem Massenboykott dürfte es nicht kommen. Neun Sportler allerdings haben bislang erklärt, sie würden auf eine Teilnahme verzichten, darunter vier britische Velorennfahrer. Die Organisatoren hatten die Probleme zuvor heruntergespielt oder gar geleugnet. OK-Generalsekretär Lalit Bhanot meinte nonchalant, es gebe keinen Grund, sich für die Zustände im Sportlerdorf zu schämen. «Für uns ist es sauber. Die Ausländer haben andere Massstäbe von Sauberkeit. Es ist schlicht ein Unterschied in der Wahrnehmung.»

Am Donnerstag tönte es ganz anders: Finanzchef AK Mattoo entschuldigte sich und sprach von einem «kollektiven Versagen». John Coates, der Präsident des Olympischen Komitees von Australien, erklärte am Freitag, es sei ein Fehler gewesen, die Spiele überhaupt an Delhi zu vergeben. Das Problem sei der Dachverband, die Commonwealth Games Federation (CGF). Dieser habe nicht wie das Internationale Olympische Komitee die Ressourcen, um «die Fortschritte in den Städten zu überwachen». CGF-Präsident Michael Fennell forderte, die begonnenen Arbeiten müssten «mit grösster Dringlichkeit» fortgesetzt werden.

68 Prozent schämen sich

Die Spiele in Delhi standen von Beginn an unter keinem guten Stern. Ein viel zu später Baubeginn, massive Kostenüberschreitungen und Korruption belasteten das Megaprojekt, mit dem Indien sein Selbstverständnis als boomende Wirtschaftsnation und künftige Weltmacht zelebrieren wollte. Nun schämen sich einer Umfrage der «Hindustan Times» zufolge 68 Prozent der befragten Menschen in Delhi wegen der Zustände zehn Tage vor Beginn der Spiele. Das Ganze sei eine «nationale Schande», schreibt die Zeitung.

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