Aktualisiert 30.03.2013 15:48

Schwuler Ex-Profi

«Im Stadion wollen sie dich zerstören»

Der 25-jährige Robbie Rogers hat ein Tabu gebrochen: Er outete sich als homosexuell – und beendete seine Fussballkarriere. Einen Monat später erklärt er zum ersten Mal, was ihn dazu bewogen hat.

von
Roman Rey

Mit seinem Rücktritt wollte Robbie Rogers den Trubel um seine Person möglichst verhindern. Der 25-jährige Fussballer aus den Vereinigten Staaten hatte sich im Februar auf seinem Blog als homosexuell geoutet und gleichzeitig seine Karriere als Profi beendet. Knapp einen Monat später deutet er in seinem ersten Interview nach dem Coming-Out einen Gesinnungswandel an. «Ich wollte kein Sprecher für schwule Fussballer sein. Aber nachdem ich Tausende E-Mails erhalten habe, frage ich mich: Wie kann ich anderen helfen? Wie kann ich zu einer positiven Veränderung beitragen?», sagt Rogers zum englischen «Guardian».

Rogers, der 18 Mal für die USA auf dem Feld stand und beim englischen Zweitligisten Leeds United unter Vertrag stand, ist erst der zweite Profifussballer, der sich als Homosexueller geoutet hat. 1990 wagte der englische Spieler Justin Fashanu den Schritt. Der Spieler nigerianischer Herkunft wurde darauf von den Rängen wegen seiner Hautfarbe und seiner sexuellen Orientierung beschimpft. 1998 erhängte er sich in seiner Garage.

«Ich ging mit Mädchen aus»

Rogers wuchs in einer konservativen katholischen Familie in Kalifornien auf, als eines von fünf Geschwistern. Schon früh begeisterte er sich für den Fussball. Als 14-Jähriger schaffte er es in die nationale Auswahl. Die Aussichten waren vielversprechend, aber auch die Zweifel wuchsen. «Ich merkte in dem Alter, dass ich schwul bin. Ich dachte mir: Ich will Fussball spielen, aber es gibt keine schwulen Fussballer. Was soll ich jetzt tun?»

Der junge Robbie tat alles, um normal zu wirken. Er legte sich auch Freundinnen zu. «Ich wollte mich verändern. Ich ging mit schönen, intelligenten, wunderbaren Mädchen aus. Wenn ich hetero gewesen wäre, wäre ich wohl verrückt nach ihnen gewesen.» Obwohl Rogers nicht der einzige Profi gewesen sein dürfte, der anderen etwas vorspielt, traf er auf keinen Fussballer, den er als homosexuellen erkannt hätte. «Wir sind grossartige Schauspieler, weil wir nicht wollen, dass die Leute wissen, wer wir wirklich sind.»

Vor seinem Outing habe sich Rogers vor den Reaktionen seiner Teamkollegen gefürchtet. «Würden sie anders mit mir umgehen, im Bus oder in der Umkleide?» Umkleideräume und Fussballfelder sind Orte, an denen gerne Schwulenwitze erzählt werden. Das löste bei Rogers gemischte Gefühle aus. Manchmal lachte er mit, manchmal wurde er getroffen – wenn die Witze bösartig wurden. Böse Absichten unterstellt er den Sportlern aber nicht: «Sie meinen es nicht so. Jeder will einfach der Lustigste sein.»

«Fussball ist mein Leben, vielleicht komme ich zurück»

Die bittere Wahrheit sei: «Es ist unmöglich, sich als Profi zu outen. Es ist verrückt und traurig», so Rogers. Er stellt sich vor, wie es gewesen wäre, hätte er seine Karriere nicht an den Nagel gehängt und bei Leeds weitergespielt. Er hätte zu einer Galionsfigur der Schwulenbewegung werden können, wie der schwarze Sportler Muhammad Ali, der sich gegen den Rassismus in den Vereinigten Staaten gewehrt hat. «Das habe ich mir überlegt», sagt Rogers. Das wollte er aber nicht. «Ich möchte nur ein Fussballer sein. Ich möchte nichts mit dem Zirkus zu tun haben.» Er hätte sich gefragt, ob die Zuschauer nur kommen, weil sie einen schwulen Fussballer sehen wollen. «Wenn du gut spielst, heisst es: ‹Der schwule Fussballer spielt gut›. Wenn nicht, dann: ‹Ah, der schwule Typ… er vermasselt es, weil er homosexuell ist.›»

Auch vor den Reaktionen der Zuschauer fürchtete sich Rogers: «Die meisten Fans sind wohl nicht schwulenfeindlich. Aber im Stadion wollen sie dich manchmal einfach zerstören.» Früher war ihm das egal, da sie nichts von seiner Homosexualität wussten. «Aber jetzt wo sie es wissen, was soll ich da tun? Auf die Tribüne springen und mich mit ihnen prügeln?»

Ganz mit seinem Sport abgeschlossen scheint Robbie Rogers noch nicht zu haben. Er überlegt sich, beim Verein LA Galaxy anzuklopfen. «Fussball ist mein Leben, vielleicht komme ich zurück – vielleicht aber auch nur als Fan», sagt er. Er ist zuversichtlich, dass sich die Situation für Homosexuelle im Profifussball verbessern wird. Er könne nur nicht sagen, wann. «Der Fussball ist ein grossartiger Sport mit so viel Kultur und einer langen Tradition. Ich bin mir sicher, dass sich etwas verändern wird.»

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