«Auswärts»: Im Tempel von Ibrahimovic
Aktualisiert

«Auswärts»Im Tempel von Ibrahimovic

Das «Derby d'Italia» zwischen Inter Mailand und Juventus Turin verspricht seit je her grosses Spektakel. Doch Zlatan Ibrahimovic überstrahlt alles. So auch das 210. Duell der beiden Teams. Allerdings unterläuft ihm bei der Entscheidung ein Missgeschick – zum Glück für Inter.

von
Reto Fehr
Mailand

Es ist früh am Samstagmorgen. Schnee liegt in der Schweiz. Der Winter scheint das Land definitiv in Besitz zu nehmen. Da kommt eine Reise nach Mailand wie gerufen. Aus der ganzen Schweiz treffen sich Fussballfans in Egerkingen für die Fahrt zum Spitzenspiel der Serie A zwischen Inter und Juventus. Der Sommer schickt den Frühaufstehern einen letzten Gruss des Jahres. Denn während wir uns im Bus von GTU Travel am Gotthard noch durch Schneegestöber kämpfen, empfängt uns in Mailand die Sonne.

Nach der kurzweiligen Fahrt steht uns der Nachmittag in den Strassen Milanos zur freien Verfügung. Vom Capello Sforzesco schlendern wir durch die Fussgängerzone der Via Dante über Pflastersteine direkt zum berühmten Mailänder Dom. Vorbei an Gucci-, Prada- und Versace-Läden kommt auch der Einkaufsspass nicht zu kurz. Neben den Sonnenbrillen sind an diesem Nachmittag eines der auffälligsten Accessoires die blauschwarzen Schals der «Interisti», der Fans von Inter Mailand. Denn am Abend steht das 210. «Derby d'Italia» im San Siro an.

Die Türme hoch zum Sitzplatz

Wir fahren zum Stadion. Imposant leuchten die Türme rund um den Bau schon von Weitem. Und obwohl wir nicht spät unterwegs sind, dröhnen vom Inneren des Fussballtempels bereits Fangesänge bis zum Parkplatz. Wir verpflegen uns noch kurz. Das Angebot erstreckt sich von Hamburgern über diverse Sandwiches bis hin zum «Wursterl». Die Preise sind allerdings stolz: Zehn Euro für Essen und Trinken pro Person. Drinnen im Stadion ist das Angebot dürftig – und Verpflegungsstände sind sowieso spärlich gestreut. Es zieht uns in die Arena. Um auf unsere Plätze im dritten Rang zu gelangen, müssen wir einen der Türme erklimmen. Turm 8 führt zu unserem Sitzplatz. Zwölfmal gehen wir im Kreis ein Stockwerk höher und schrauben uns mit jedem Schritt dem Stadiondach entgegen. Dann noch einige steile Treppenstufen hoch und da sind wir: Sektor 323, Reihe 9, Platz 40. Nicht gerade ein Platz, um die Emotionen der Spieler aus dem Gesicht ablesen zu können, aber ein Muss für alle Taktikfreunde und Möchtegern-Trainer. Und von diesen gibt es im Stadion viele, das werden wir später feststellen. Es ist eindrücklich, wie die Spieler das 4-4-2 der Trainer umsetzen. Läuft ein Akteur falsch, hier oben sieht man dies sofort.

Ibrahimovic über allen

Die Stimmung erreicht einen ersten Höhepunkt bei der Mannschaftsaufstellung des Heimteams. Wie auf der ganzen Welt üblich wird die Startelf der Rückennummer nach aufsteigend vorgestellt. Der Speaker sagt die Nummer und den Vornamen, beim Nachnamen stimmen die Fans mit ein. Nicht so bei Inter. Denn die Nummer 8 spart sich der Stadionsprecher bis zum Schluss auf. Er hat einen Ehrenplatz, ähnlich, wie wenn ein Trainer den Mann des Spiels zwei Minuten vor Abpfiff vom Platz nimmt, um ihm einen Sonderapplaus zu gönnen. Denn diese Nummer 8 ist der absolute Star hier bei Inter. Sie vergöttern ihn. Es ist sein Tempel, in dem wir zu Gast sind. «Con il numero 8: Zlatan...», schreit der Speaker und zieht im Stile des berühmten Box-Ansagers Michael Buffer den Vornamen in die Länge. Beim Nachnamen setzt ein Grossteil der 76 000 Fans im Stadion mit ein und ruft in den Mailänder Nachthimmel: «Ibrahimovic!». Das Stadion bebt. Dieser Ibrahimovic, der schwedische Stürmer mit bosnischen Wurzeln, ist der Held der Interisti. In diesem Jahr hat der 27-Jährige bereits fünfmal getroffen. In der Saison zuvor schoss er Inter mit 15 Toren zum Titel, 2007 steuerte er 17 Goals zum «Scudetto» der Nerazzurri bei. Seit er im Sommer 2004 von Ajax Amsterdam nach Italien kam, hat er eingeschlagen. In jedem Jahr wurde er seither Meister. Zweimal mit Juventus (der Titel 2006 wurde später aberkannt), danach zweimal mit Inter. Geht es nach ihm, soll das so bleiben.

Dann beginnt das Spiel. Es geht gleich zur Sache. 1. Minute: Ibrahimovic schiesst einem Juve-Verteidiger den Ball an die Hand. So zumindest die Meinung der Inter-Anhänger, die alle einen Elfmeter fordern. Doch die Pfeife des Unparteiischen bleibt stumm. 2. Minute: Juves Tiago fällt in einem Zweikampf unglücklich und muss ausgewechselt werden. Das Stadion brodelt, die Emotionen schwappen auf die Fans über. Wie soll es auch anders sein: Es ist schliesslich das «Derby d'Italia». Das Duell des Leaders gegen den Drittplatzierten.

Ibrahimovic' «Tat» scheint verziehen

Doch das Spiel verliert danach an Unterhaltungswert. Es wird ein Kampfspiel. Applaus gibt es eine Zeit lang nur bei Fehlpässen der Juve-Spieler. Kein gutes Zeugnis für die Partie. Die Glanzlichter setzt Ibrahimovic. In der 32. Minute vergibt er die beste Chance des ersten Abschnitts alleine vor dem Goalie. Kurz darauf erntet er für Kabinettstücke Szenenapplaus. Sie lieben ihn hier. Ja, sie vergöttern ihn. Praktisch jeder Angriff läuft über den Skandinavier. Dass er massgeblichen Anteil am Aus der Italiener bei der EM 2004 hatte, scheint vergessen. Damals traf er in den Gruppenspielen kurz vor Schluss dank einem Zaubertor mit der Hacke zum 1:1 für Schweden gegen die Azzurri. Unzählige Tore haben seither diese «Tat» vergessen lassen. Zumindest bei den Inter-Fans. Sie leben mit ihrer Mannschaft mit. Feuern nicht nur «Ibra» an, sondern auch seine zehn Mitspieler. Ja, sie geben von hier oben gar Tipps an die Spieler. Als ob diese Anweisungen auch nur in die Nähe des Spielfeldes gelangen. Der Fan hinter mir kommentiert beinahe jeden Spielzug. Ich könnte die Augen schliessen und wüsste genau, was auf dem Feld geschieht. «Ja, Maicon lauf! Lauf bis zur Grundlinie!», tönt es von hinter mir. «Mamma mia, was für ein Dribbling!». «Spiel den Ball in die Mitte, da sind zwei frei», ist die nächste Anweisung. Doch die folgende Tirade von Fluchwörtern verrät mir, der Plan hat nicht geklappt, Juve hat den Angriff abgewehrt. Das Spiel geht 0:0 in die Pause.

Ein Missgeschick ins Glück

Die zweite Halbzeit beginnt. Das Spiel wird leider nicht viel besser. Aber die Spannung ist da. Wenn es gefährlich wird, hat Ibrahimovic seine Füsse im Spiel. In der 63. Minute flankt er mit dem Aussenrist auf Adriano. Dessen Kopfball geht am Tor vorbei. Nur eine Minute später läuft Ibrahimovic alleine auf den Juve-Keeper zu, verzieht aber. «Die zweite Grosschance, verdammt», urteilt der Experte hinter mir. Er kann seinen Ärger nicht unterdrücken. Anders Ibrahimovic auf dem Platz. Dieser geht einige Schritte zurück, richtet sein Haarband - wie er dies fast nach jeder Aktion tut - und ist bereit für den nächsten Angriff. In der 70. Minute lanciert er mit einem tödlichen Pass Muntari, aber der Ghanaer trifft aus spitzem Winkel nicht. Zwischen dem Aufblitzenlassen seiner Klasse scheint Ibrahimovic zuweilen jedoch wie ein Fremdkörper. Als ob er nicht zur Mannschaft gehört, wenn Juve angreift. Oft steht er dann seelenruhig an der Mittellinie und beobachtet, wie sich seine Teamkollegen wehren. Cool und unbeteiligt die Arme in die Hüften gestützt, wartet die Tormaschine, bis der Ball wieder in seine Nähe springt. In sein Reich. In die Angriffszone. So auch in der 72. Minute. Das Leder liegt im Strafraum frei. Ibrahimovic will den Ball Richtung Tor hämmern, doch er verzieht. Der Ball fliegt vor dem Tor vorbei. Zum Glück steht dort Muntari, der den missglückten Schuss seines Mitspielers zum entscheidenden 1:0 ins Tor ablenkt (siehe Video unten). Die Stimmung explodiert. Inter schaukelt das Resultat über die Runden und bleibt damit auf dem Leaderthron.

Chaos erst nach dem Schlusspfiff

Nach dem Schlusspfiff leert sich das Stadion ziemlich schnell. Das Chaos geht erst auf dem Car-Parkplatz los. Alle wollen nach Hause. Doch die Parkplatzausfahrt erweist sich als Nadelöhr. Mit einer rund halbstündigen Verspätung kommen wir vom Stadion weg. Kurze Zeit später wartet erneut ein Schneegestöber am Gotthard auf uns. Die Reise zum Tempel von Ibrahimovic hat sich gelohnt: Nicht nur das Spiel und die Stadionatmosphäre waren unterhaltsam, auch den wohl letzten Sommergruss haben wir genossen.

Tor von Sulley Muntari zum 1:0 für Inter$$VIDEO$$

(Quelle: YouTube)

Stimmung bei der Mannschaftsaufstellungs-Durchsage von Inter$$VIDEO$$

Schlusspfiff: Inter-Fans im Freudentaumel$$VIDEO$$

(Video: 20 Minuten Online)

Bayern - Dortmund

20 Minuten Online reist auf Einladung von GTU Travel an die grössten Sportevents Europas. Nächstes Ziel ist der Klassiker der Bundesliga zwischen Bayern München und Borussia Dortmund anfangs Februar 2009.

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