Aktualisiert 12.05.2012 13:33

Oft unterschätztIm Teufelskeis von Fasten und Heisshunger

Sie sind nicht magersüchtig, kriegen ihre Ernährung aber trotzdem nicht auf die Reihe. Eines von zehn Mädchen leidet an atypischen Essstörungen. Kampagnen gegen Übergewicht sind Gift für sie.

von
rre
Unter jungen Menschen verbreitete atypische Essstörungen bleiben oft unerkannt. (Bild: colourbox.com)

Unter jungen Menschen verbreitete atypische Essstörungen bleiben oft unerkannt. (Bild: colourbox.com)

Obwohl Anorexie und Bulimie besser bekannt sind, kommen andere, weniger offensichtliche Formen von Essstörungen häufiger vor. Laut einer neuen Lausanner Studie müssten Präventionskampagnen gegen Übergewicht angepasst werden, da sie die Situation noch verschlimmern könnten.

Manche Störungen des Ernährungsverhaltens entsprechen nicht den Kriterien der Magersucht (Anorexie) oder der Ess-Brech-Sucht (Bulimie). Sie sind unauffälliger, bleiben oft sogar unbemerkt und verursachen dennoch viel Leid bei den Betroffenen.

Dies seien meist junge Mädchen, erklärt Sophie Vust, Psychologin bei der multidisziplinären Einheit für Jugendgesundheit am Universitätsspital Lausanne. In einem Buch, das aus ihrer Doktorarbeit entstand, zeichnet die Psychologin das klinische Portrait dieser atypischen Störungen.

«Diese jungen Frauen sind erfüllt von Zweifeln über die Ernährung und ihren Körper», sagt Vust. «Sie wechseln ab zwischen Fasten, um abzunehmen, und Krisen, in denen sie alles Mögliche in sich hineinstopfen.» Doch die kompensierenden Verhaltensweisen wie Erbrechen oder übermässiges Sporttreiben treten dabei seltener auf als bei den typischen Essstörungen.

Schwanken zwischen Kontrolle und Exzess

Es entsteht ein Teufelskreis: Die Entbehrungen der Mädchen führen zu «Krisen», in denen sie bei Esswaren schwach werden, die sie sich sonst verbieten würden. Sind die Schleusen erst geöffnet, gibt es kein Halten mehr. Sie essen riesige Mengen, im Verborgenen, ohne sich kontrollieren zu können.

Nach der Krise fühlten sie sich noch schlechter, aus Scham und Schuldgefühlen darüber, nachgegeben zu haben, erklärt Vust. Das Mädchen zwinge sich folglich noch ein strengeres Regime auf und bereite somit den Boden für die nächste Krise. Und immer so weiter.

Die atypischen Essstörungen treten mindestens fünfmal häufiger auf als Magersucht (ein Prozent) oder Ess-Brech-Sucht (zwei bis drei Prozent). In manchen Gruppen wie Models oder Tänzerinnen kann eine von fünf Frauen betroffen sein.

«Diese Störungen finden in unserer Gesellschaft mit ihrem Kult um das Aussehen und die Schlankheit einen fruchtbaren Nährboden», sagt Vust. «Das ist eine grosse Herausforderung für die öffentliche Gesundheit.»

Prävention schiesst am Ziel vorbei

Die Psychologin hält es für entscheidend, dass die Präventionskampagnen zur Gewichtskontrolle angepasst werden: «Kampagnen gegen das Übergewicht fokussieren oft auf die Ernährung und das Gewicht», sagt sie.

«Doch diese Botschaften sind bei Essstörungen kontraproduktiv und können die Situation sogar verschlimmern.» Sie verleiten die Mädchen dazu, noch stärker zu kontrollieren, was sie essen - ohne Rücksicht auf ihre psychologischen Bedürfnisse.

Essstörungen, auch die typischen, stellen immer einen Schutzschild für ein inneres Unwohlsein und Schwierigkeiten dar, die meist verschiedene Ursachen haben. Indem sie sich auf das Essen fokussieren, verdrängen die Jugendlichen ihre anderen Probleme.

Diese jungen Frauen hätten oft ein schwaches Selbstwertgefühl, das stark an ihr Äusseres und ihr Gewicht gebunden sei, erklärt Vust. Sie hielten es oft für unverhältnismässig wichtig, was andere von ihnen denken.

Um ihr Ziel zu erreichen, müsse die Prävention vermehrt beim Aufbau des Selbstwertgefühls ansetzen, sagt Vust. Sie solle die Idee vermitteln, dass der Wert eines Menschen an die Person und nicht an seine Leistungen oder sein Aussehen gebunden ist. «Der Druck zum Schlanksein und der Diätwahn müssen stärker angeprangert werden.»

Buchtipp:

«Quand l'alimentation pose problème... Ni anorexie, ni bulimie, les troubles alimentaires atypiques», Sophie Vust, Editions Médecine & Hygiene, Chêne-Bourg (GE), 2012.

Therapie zwingend nötig

Essstörungen, ob typisch oder nicht, verschwinden nicht von selbst. Sie müssen gewöhnlich in einer Therapie in den Griff bekommen werden, sei es individuell oder in der Gruppe. Das Universitätsspital Lausanne leistet zudem Hilfe für die Eltern.

Die Probleme beginnen meist mit einer Diät: Das Mädchen distanziert sich dabei von ihrer Gefühlswahrnehmung für Hunger und Sattheit. Ziel einer Therapie sei es, dass das Mädchen eben diese Ernährungssignale wieder wahrnimmt, erklärt Sophie Vust.

Daneben gilt es, die Probleme aufzudecken, die sich hinter der Störung verbergen, den Selbstwert aufzubauen und die Bindungsqualität zu verbessern. Die Art der Behandlung hängt vom Alter und vom Schweregrad der Probleme ab. Gruppentherapien sind hilfreich: «Diese Gruppen funktionieren in der Jugend sehr gut, vor allem bei bulimischen Problemen», sagt Vust.

Bei Jüngeren muss bei der Familie angesetzt werden. Das Universitätsspital Lausanne bietet eine kostenlose Selbsthilfegruppe für betroffene Eltern an, die gemäss Vust oft sehr hilflos sind.

Wenn in der Jugend der Schlaf- oder Essrhythmus unregelmässig wird, ist das noch kein Grund zur Sorge, solange dies nur vorübergehend geschieht. Doch wenn die Störungen länger andauern oder die Jugendliche darunter leidet, ist ein Arztbesuch ratsam.

Essstörungen dürfen laut Vust nicht banalisiert werden, da sie ernste körperliche und psychische Konsequenzen haben können. Etwa 70 Prozent der Mädchen überstehen sie sehr gut und finden eine neue, feste Basis. Doch unbehandelt können diese Störungen chronisch werden und sogar zum Tod führen. (sda)

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