Hunderte Millionen verzockt - Im Vatikan steht erstmals ein Kardinal vor Gericht – wegen Korruption
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Hunderte Millionen verzocktIm Vatikan steht erstmals ein Kardinal vor Gericht – wegen Korruption

Im Vatikan sitzen seit Dienstag die Drahtzieherinnen und Drahtzieher eines Finanzskandals vor Gericht - unter ihnen ein Kardinal. Es geht um einen misslungenen Immobiliendeal, Korruption und veruntreute Spendengelder. Auch ein Schweizer Finanzexperte und ein Ex-CS-Mann sind angeklagt.

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Kardinal Angelo Becciu wird Veruntreuung vorgeworfen.

Kardinal Angelo Becciu wird Veruntreuung vorgeworfen.

AFP
Er soll sogar Gelder aus dem «Peterspfennig», dem Spendengeld für Bedürftige, veruntreut haben.

Er soll sogar Gelder aus dem «Peterspfennig», dem Spendengeld für Bedürftige, veruntreut haben.

Reuters
Auch der ehemalige Finanzaufseher des Vatikans, der Schweizer Anwalt Rene Brülhart, ist angeklagt.

Auch der ehemalige Finanzaufseher des Vatikans, der Schweizer Anwalt Rene Brülhart, ist angeklagt.

AFP

Darum gehts

  • Am Dienstag hat in Vatikanstadt ein Prozess wegen Korruption und Veruntreuung begonnen, bei dem erstmals auch ein Kardinal vor Gericht steht.

  • Unter den zehn angeklagten Personen sind auch ein Schweizer Finanzexperte und ein ehemaliger CS-Kundenberater.

  • Es sollen auch Millionen aus dem Peterspfennig, einer internationale Kollekte für karitative Zwecke, veruntreut worden sein.

Weil der Vatikan mit dem Kauf einer Luxusimmobilie in London einen Millionenverlust gemacht hat, sind seit Dienstag in Vatikanstadt neun Männer und eine Frau vor Gericht. Erstmals sitzt mit Angelo Becciu (73) auch ein Kardinal auf der Anklagebank. Die Beschuldigten müssen sich unter anderem wegen Veruntreuung, Geldwäsche und Betrug im Zusammenhang mit dem Immobiliendeal im Londoner Stadtteil Chelsea verantworten.

Im Zentrum des Verfahrens steht ein ruinöses Immobiliengeschäft in London: Der Kauf eines 17’000 Quadratmeter grossen ehemaligen Lagerhauses im Stadtteil Chelsea, das in Luxuswohnungen umgewandelt werden sollte. Der überhöhte Preis von 350 Millionen Euro bedeutete laut Vatikan «erhebliche Verluste» für die Staatskasse und wurde teilweise mit Mitteln bezahlt, «die für die persönliche karitative Arbeit des Heiligen Vaters bestimmt waren».

Luxemburger Fonds und Schweizer Bank involviert

Der Vatikan hatte sich für den Immobilienkauf zwischen 2013 und 2014 über 200 Millionen Dollar hauptsächlich bei der Credit Suisse geliehen und diese in einen Luxemburger Fonds des italienischen Finanziers Raffaele Mincione investiert. Die Hälfte des Geldes floss in den Kauf eines Teils besagter Londoner Immobilie.

Der Vatikan hatte keine Kontrolle über die Verwendung des Restbetrags und Mincione nutzte die Mittel für Hochrisikogeschäfte. 2018 engagierte der Kirchenstaat deshalb Gianluigi Torzi, um die Verbindungen mit Mincione zu kappen und den Kauf der Londoner Immobilie zu finalisieren. Angeblich machte Torzi jedoch mit Mincione gemeinsame Sache. Ausserdem fügte er eine Klausel in die Verträge ein, die ihm die Kontrolle über die Immobilie übertrug. Anschliessend soll Torzi 15 Millionen Euro verlangt haben, um dies rückgängig zu machen.

Ermittlerinnen und Ermittler kamen dem verlustreichen Geschäft im Sommer 2019 auf die Schliche. Das Istituto per le Opere di Religione (IOR), auch Vatikanbank genannt, wurde bei finanziellen Aktivitäten misstrauisch. Die Behörden ermittelten daraufhin. Die Akten in der Sache umfassen mehrere Hundert Seiten. Ein Aufreger ist zudem der Vorwurf, dass Geld aus dem Peterspfennig, der Kollekte für den Vatikan, für die Deals verwendet worden sein soll.

Geld in die eigene Tasche gesteckt

Die 487 Seiten umfassende Anklageschrift in dem Grossprozess schildert dubiose und riskante Investitionen von vatikanischen Geldern in Millionenhöhe. Auch pikante Details, wie der Austausch von Säcken mit Bargeld und Geheimtreffen in Luxushotels, werden darin geschildert. Die Ankläger sprechen von einem «räuberischen und einträglichen System», das durch «Komplizenschaft und Duldung» ermöglicht worden sei.

Gegen Kardinal Giovanni Angelo Becciu erhob die Justiz Anklage wegen Veruntreuung und Amtsmissbrauch. Der 73-Jährige bestritt die Vorwürfe: Er sei das Opfer einer ausgeheckten Machenschaft zu seinem Schaden, hiess es in einer Mitteilung Anfang Juli. Becciu hatte im Zuge des Skandals seine Ämter verloren. Zuvor war er unter anderem Substitut des mächtigen Staatssekretariats im Vatikan – eine zentrale Position in der Kurienverwaltung. In seine Zuständigkeit fielen auch finanzielle Angelegenheiten.

Auch ein Schweizer vor Gericht

Gegen Becciu gibt es zudem weitere Vorwürfe. Etwa soll der 73-Jährige rechtswidrig 800’000 Euro an eine von seinem Bruder geführte Wohltätigkeitsorganisation gespendet haben. Ausserdem steht er in Verbindung mit Cecilia Marogna, die beschuldigt wird, Geld für die Befreiung gefangener Priester und Nonnen im Ausland in die eigene Tasche gesteckt zu haben. Auch sie steht nun vor Gericht.

Neben Becciu sitzen ausserdem frühere Bedienstete vatikanischer Behörden sowie Finanzmanager und eine Sicherheitsberaterin auf der Anklagebank. Angeklagt ist auch René Brülhart, ein Schweizer Finanzexperte und ehemaliger Leiter der vatikanischen Finanzaufsicht sowie ein früherer italienischer Anlageberater der CS, der heute im Tessin lebt.

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(AFP/DPA/trx)

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