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Armut in BaselImmer mehr Junge beziehen Lebensmittelhilfe

Rund 800 Menschen in Basel sind auf Lebensmittelhilfe angewiesen. Seit zehn Jahren trägt der Verein Tischlein deck dich in der Region dazu bei, sie zu unterstützen.

von
Matthias Kempf

Drei Abgabestellen hat Tischlein deck dich in Basel: die Elisabethenkirche, das Zwinglihaus und die Matthäuskirche. Insgesamt nutzen über 200 Leute das Angebot. Hinter diesen stehen Familien, was die Zahl der finanziell schlecht gestellten Nutzer auf über 800 steigen lässt.

Edith Steiner, Abgabeleiterin der Elisabethenkirche, bekommt die prekäre Situation vieler Menschen direkt mit: «Eine vierköpfige Familie, die hier vorbeikommt, muss von 270 Franken in der Woche leben. Es ist schon vorgekommen, dass sie zwei Tage nichts gegessen haben, bevor sie zu uns kamen.»

In den letzten Jahren hat die Zahl der Bezüger um über ein Drittel zugenommen. «Am Anfang waren es knapp 40 Menschen, die zu uns kamen, jetzt sind es meistens über 60», sagt Steiner. Sie stellt fest, dass in letzter Zeit immer mehr junge Erwachsene vom Angebot profitieren.

Mehrheitlich Migranten

An steigenden Sozialhilfezahlen liegt dies allerdings nicht, sagt Nicole Wagner, Vorsteherin der Sozialhilfe Basel-Stadt, auf Anfrage: Es gebe keine spürbare Zunahme von Jungen, die von der Sozialhilfe abhängig seien. Steiner sieht daher Hemmungen als potenzielle Ursache: «Es ist möglich, dass sich viele erst jetzt getrauen, zu uns zu kommen.» Gerade bei jungen Schweizern sei die Scham gross, Lebensmittelabgaben anzunehmen.

80 Prozent der Bedürftigen sind Migranten. Arjana S.* (17) ist die Jüngste an diesem Morgen. Sie kommt seit einem Jahr regelmässig zu Tischlein deck dich. «Ich habe acht Geschwister. Ohne diese Hilfe hätten wir nicht genug zu essen.» Darum empfindet die Kosovarin kaum Scham. «Meine Freundinnen wissen, dass ich hierherkomme. Einige von ihnen leben ebenfalls von Esswaren, die hier abgegeben werden.»

Einwandfreie Lebensmittel

Edith Steiner sitzt jeden Dienstagmorgen am Tisch in der Elisabethenkirche und prüft die Bezugskarten. Jeder Bezüger hat eine Nummer, anhand welcher die Menge an Esswaren bestimmt wird, die er für einen symbolischen Franken für sich und seine Familie bekommt. Bezugskarten erhält man nur über öffentliche und private Sozialfachstellen.

Einer nach dem anderen geht am Pult der Leiterin der Abgabestelle der Elisabethenkirche vorbei und reiht sich in die Abgabekolonne ein. 60 Leute kommen an diesem Morgen vorbei, um die laut Steiner einwandfreien Lebensmittel abzuholen, die im Supermarkt nicht mehr verkauft werden dürfen. Es gibt etwa Bananen, Teigwaren, Schoko-Köpfe und Brot vom Sutter-Begg.

Streit um die besten Plätze

Heute ist es ruhig. Das sei nicht immer so, erzählt Arjana: Manchmal gebe es Streit unter den Bezügern. Jeder wolle als Erster in die Kolonne, um die besten Lebensmittel für sich zu ergattern. «Ich halte mich da raus, denn schlussendlich geht keiner mit leeren Händen nach Hause», sagt sie. Am Schluss werden nämlich alle übrigen Lebensmittel unter den Wartenden, die ihre Ration bereits bekommen haben, verteilt.

*Name geändert.

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