Baselland schlägt Alarm – Immer mehr Schweizer Kinder können nur ungenügend Deutsch

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Baselland schlägt AlarmImmer mehr Schweizer Kinder können nur ungenügend Deutsch

Im Kanton Baselland sollen auch Kinder von Schweizer Eltern zur sprachlichen Frühförderung verpflichtet werden können. Das wäre ein Schweizer Novum. Experten begrüssen diesen Schritt.

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Lukas Hausendorf
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Die Deutschkenntnisse von Kindern zum Zeitpunkt ihrer Einschulung werden immer schlechter. Das betrifft zunehmend auch Schweizer Kinder, stellt der Kanton Baselland fest.

Die Deutschkenntnisse von Kindern zum Zeitpunkt ihrer Einschulung werden immer schlechter. Das betrifft zunehmend auch Schweizer Kinder, stellt der Kanton Baselland fest.

20min/Michael Scherrer
Der Kanton reagiert darauf nun mit einer Gesetzesvorlage für die frühe Sprachförderung, die auch Kinder aus Schweizer Familien mit einschliesst. Bisher zielten solche Frühförderangebote primär auf Kinder aus fremdsprachigen Familien.

Der Kanton reagiert darauf nun mit einer Gesetzesvorlage für die frühe Sprachförderung, die auch Kinder aus Schweizer Familien mit einschliesst. Bisher zielten solche Frühförderangebote primär auf Kinder aus fremdsprachigen Familien.

Anna-Tia Buss / Tamedia
«Es wurde höchste Zeit, dass etwas passiert», sagt die Baselbieter SP-Präsidentin Miriam Locher. Die Kindergartenlehrkraft kämpft schon seit fast zehn Jahren für dieses Anliegen. Sie kennt die Problematik aus der Praxis.

«Es wurde höchste Zeit, dass etwas passiert», sagt die Baselbieter SP-Präsidentin Miriam Locher. Die Kindergartenlehrkraft kämpft schon seit fast zehn Jahren für dieses Anliegen. Sie kennt die Problematik aus der Praxis.

Lucia Hunziker / Tamedia AG

Darum gehts

  • Die Zahl der Kinder, die mit ungenügenden Deutschkenntnissen eingeschult werden, hat in den letzten Jahren stark zugenommen.

  • Das betrifft zunehmend auch Kinder mit Schweizer Herkunft, die deutsch-muttersprachig aufwachsen.

  • Der Kanton Baselland plant deshalb, als erster Schweizer Kanton, die frühe Sprachförderung auch auf Schweizer Kinder auszudehnen. Experten und Expertinnen begrüssen dies.

Ein Satz aus der Mitteilung zur Vernehmlassung eines neuen Gesetzes über die sprachliche Frühförderung im Kanton Baselland lässt aufhorchen. «In den letzten Jahren hat die Anzahl der Kinder mit ungenügenden Deutschkenntnissen stark zugenommen, sowohl unter Kindern fremdsprachiger Herkunft als auch unter Schweizer Kindern.» Nach der Einschulung benötigen inzwischen rund 20 Prozent der Kinder Förderunterricht in «Deutsch als Zweitsprache». Ein steigender Anteil der Kinder dieses Förderangebots hat aber Deutsch als Muttersprache. Das zeigen Daten des Statistischen Amts Baselland.

«Sprachliche Frühförderung ist kein reines Migrationsthema», sagt Thomas Nigl, der zuständige Projektleiter für die frühe Sprachförderung bei der Baselbieter Sicherheitsdirektion. Das sei bis jetzt wohl unterschätzt worden. So ist die Sprachstanderhebung im Kanton Basel-Stadt, wo die sprachliche Frühförderung seit 2013 obligatorisch ist, allerdings nur für fremdsprachige Eltern verpflichtend. Kinder aus deutschsprachigen Haushalten fallen dabei durch die Maschen. Was der Kanton Baselland plant, ist darum ein Novum in der Schweiz.

Das Gesetz sieht vor, dass Gemeinden Eltern verpflichten können, dass ihre Kleinkinder unmittelbar vor dem Kindergarten einen erweiterten Grundwortschatz lernen. Die Kosten für die obligatorische Sprachförderung tragen die Gemeinden. Allerdings sollen diese autonom entscheiden können, ob und wie sie die frühe Sprachförderung umsetzen wollen.

Behindern Handys und Tablets die sprachliche Entwicklung?

Der Schweizer Lehrerverband begrüsst den Baselbieter Ansatz. «Die frühe Sprachförderung ist ein zentraler Aspekt einer ganzheitlichen frühen Förderung. Sie ist für alle Kinder wichtig – nicht nur für fremdsprachige», sagt LCH Zentralsekretärin Franziska Peterhans. Die zunehmenden sprachlichen Defizite bei Kindern führt sie auch auf den immer früheren Kontakt mit digitalen Medien zurück. «Kinder verbringen zunehmend viel zu viel Zeit vor Tablets und anderen digitalen Medien», sagt sie. «Für die Sprachentwicklung brauchen Babys und kleine Kinder, aber Menschen, die mit ihnen sprechen und denen sie etwas erzählen können.» Die Sprache zu hören, reiche nicht.

Auch Experten und Expertinnen finden das sinnvoll. Soziale Unterschiede sollte man möglichst früh angehen, sagt Hansjakob Schneider, Professor für Deutschdidaktik an der Pädagogischen Hochschule Zürich. «Sonst ist die Idee der Chancengleichheit nur auf dem Papier da.» Die vorschulischen Bildungserfahrungen seien entscheidend, sagt Dieter Isler, Professor für Erziehungswissenschaften und Deutsch an der Pädagogischen Hochschule Thurgau. Es gehe weniger um das fehlende Deutsch, sondern um die Gesprächs- und Bildungskultur im Alltag. «Darum muss sprachliche Frühförderung unbedingt alle erreichen», unterstreicht er. 

«Es wurde höchste Zeit, dass etwas passiert», sagt die Baselbieter SP-Präsidentin Miriam Locher. Die Kindergartenlehrkraft kämpft schon seit fast zehn Jahren für dieses Anliegen. Sie kennt die Problematik aus der Praxis. «Ich konnte im Verlauf der letzten 15 Jahre beobachten, dass immer mehr Kinder in der Kommunikation auffällig sind. Oft herrschen Sprachauffälligkeiten, sei es in Bezug auf Probleme beim Sprachverständnis, beim Wortschatz, der Aussprache oder der Grammatik», sagt sie. «Und das betrifft nicht nur Kinder mit einem Migrationshintergrund.»

Wohnort darf nicht entscheidend sein

In Baselland soll die Frühförderung freiwillig sein. Gemeinden sollen aber Obligatorien einführen können, müssen aber nicht einmal ein Angebot bereitstellen. Das könne nicht sein, findet Landrätin Locher. «Einmal mehr ist so der Wohnort ausschlaggebend für die Bildungschancen von Kindern, das ist nicht tragbar», sagt sie. Der Wohnort ist schon jetzt ein Grund für ungenügende Deutschkenntnisse. Bildungsferne Familien seien schon jetzt oft räumlich abgetrennt, sagt Hansjakob Schneider. «In diesem Umfeld fehlt Kindern der Kontakt zu einem bildungssprachlich anregenden Spielumfeld.»

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