«Sie schien entspannt zu sein» – Videos zeigen vermisste Peng Shuai in Peking – doch Zweifel werden grösser
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«Sie schien entspannt zu sein»Videos zeigen vermisste Peng Shuai in Peking – doch Zweifel werden grösser

Zuletzt sprach IOC-Präsident Thomas Bach in einem Video-Call mit der Chinesin. Die zuvor verschwundene Tennisspielerin sagt darin, dass es ihr gut ginge – die Zweifel jedoch bleiben.

Mit diesem Video wollte China zeigen, dass es Peng Shuai gut geht.

Darum gehts

  • IOC-Präsident Thomas Bach sprach per Video-Call mit Tennisspielerin Peng Shuai.

  • Trotzdem wird immer noch gewerweisst, ob sich die 35-jährige Chinesin in Sicherheit befindet.

  • Immer mehr Videos tauchen auf, die zeigen sollen, dass es ihr gut geht.

US-Präsident Joe Biden zeigt sich «tief beunruhigt» über das Schicksal von Peng Shuai, Chinas Staatsmedien steuern mit teilweise merkwürdig anmutenden Videoclips gegen die weltweite und immer lauter werdende Empörung an. Wohl aufgrund des wachsenden internationalen Drucks veröffentlichte der Chefredakteur der Staatszeitung «Global Times» über das Wochenende diverse Videoclips, die belegen sollen, dass es der früheren Weltranglistenersten im Doppel gut gehe. Allerdings weisen die Videos diverse Merkwürdigkeiten beim Schnitt auf – und Peng Shuai ergreift nicht einmal selbst das Wort.

Ein Clip zeigt die 35-Jährige angeblich in einem Restaurant in Peking mit ihrem Trainer und Freunden, ein weiterer soll bei der Eröffnung eines Jugend-Tennisturniers entstanden sein. Erstaunlicherweise wurden die Videos bei Twitter veröffentlicht, das in China grösstenteils der Zensur zum Opfer fällt.

Der Fall der verschwundenen Tennisspielerin hat höchste politische Ebenen erreicht und bringt China wenige Wochen vor Beginn der Olympischen Winterspiele (4. bis 20. Februar) in immer grössere Erklärungsnot. Am Sonntagabend teilte das Internationale Olympische Komitee mit, dass IOC-Präsident Thomas Bach ein Videotelefonat mit Peng Shuai geführt habe.

In der Mitteilung des IOC hiess es, dass zu Beginn des 30-minütigen Anrufs Peng Shuai für die Sorge um ihr Wohlergehen gedankt habe. Sie erklärte, dass sie in Sicherheit sei und wohlauf in ihrem Haus in Peking lebe, aber dass ihre Privatsphäre zu dieser Zeit respektiert werden solle. Deshalb verbringe sie ihre Zeit gerade am liebsten mit Freunden und Familie.

«Ich war erleichtert zu sehen, dass es Peng Shuai gut ging, was unsere Hauptsorge war. Sie schien entspannt zu sein. Ich bot ihr unsere Unterstützung an und bot ihr an, jederzeit in Kontakt zu bleiben, was sie offensichtlich schätzte», sagte Emma Terho, Vorsitzende der IOC-Athletenkommission. Am Ende des Gesprächs lud Bach Peng Shuai zu einem Abendessen ein, sobald er im nächsten Januar in Peking ankomme. Sie habe die Einladung angenommen, hiess es vom IOC.

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Das IOC veröffentlichte dieses Foto, das Präsident Thomas Bach in einem Video-Call mit Peng Shuai zeigt. 

Das IOC veröffentlichte dieses Foto, das Präsident Thomas Bach in einem Video-Call mit Peng Shuai zeigt.

AFP
Peng Shuai hatte Anfang November im sozialen Netzwerk Weibo einen chinesischen Spitzenpolitiker des sexuellen Übergriffs beschuldigt. (Archivbild)

Peng Shuai hatte Anfang November im sozialen Netzwerk Weibo einen chinesischen Spitzenpolitiker des sexuellen Übergriffs beschuldigt. (Archivbild)

AFP/Paul Crock
Seither wurde die Chinesin nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen.

Seither wurde die Chinesin nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen.

AFP/Rob Prange

Das IOC wird hart angegangen

Die Sportlervereinigung Global Athlete attackierte das IOC und dessen Präsidenten Bach hart. Die Mitteilung über den Video-Call Bachs mit der Chinesin mache «das IOC mitschuldig an der bösartigen Propaganda der chinesischen Behörden und deren mangelndem Interesse an grundlegenden Menschenrechten und Gerechtigkeit», teilte die Athleten-Union am Montag mit.

Global Athlete betonte, dass eine Videoschalte keineswegs garantiere, dass Peng Shuai sicher und wohlauf sei. In der Stellungnahme des IOC werde nicht erwähnt, dass die 35-Jährige Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs erhoben habe und zwei Wochen verschwunden gewesen sei. Mit seiner Einladung zum Abendessen an Peng Shuai habe Bach die «todernste Situation verspottet, die leider zu vielen weiblichen Athleten sehr vertraut ist».

Die Sportlervereinigung erneuerte ihre Forderung, Chinas Olympisches Komitee zu suspendieren, bis Peng Shuai eine sichere Ausreise aus China ermöglicht werde und ihre Vorwürfe Gegenstand einer Untersuchung würden. Mit seiner Haltung in der Sache habe das IOC erneut bewiesen, dass es «Athleten im Stich lässt, an der Seite von gewaltsamen autoritären Regimen steht und Menschenrechte ignoriert», hiess es in der Stellungnahme von Global Athlete.

Videos sind nicht ausreichend

«Wir fordern die chinesischen Behörden auf, unabhängige und überprüfbare Beweise über ihren Aufenthaltsort und ihre Sicherheit zur Verfügung zu stellen», sagt Jen Psaki, Sprecherin von US-Präsident Joe Biden. China habe eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Kritikern und Kritikerinnen und man verurteile dieses weiterhin. Peng hatte Anfang November den chinesischen Spitzenpolitiker Zhang Gaoli des sexuellen Übergriffs beschuldigt und ist seitdem nicht mehr öffentlich gesehen worden.

Entsprechend unbeeindruckt zeigte sich Steve Simon, Chef der internationalen Frauentennis-Organisation WTA: «Dieses Video alleine ist nicht ausreichend. Während es positiv ist, sie zu sehen, bleibt es unklar, ob sie frei ist und ihre eigenen Entscheidungen treffen kann.»

Simon hatte bereits zuvor gedroht, die WTA-Tour komplett aus China zurückzuziehen, sollte die Situation mit Peng Shuai nicht schnell und zufriedenstellend geklärt werden. Ein Schritt, der die Organisation mehrere Hundert Millionen Dollar kosten würde. In China fanden allein 2019 neun Turniere statt, die WTA-Finals sind zudem bis 2028 an Shenzhen vergeben.

Simon hat zudem in einem Brief an den chinesischen US-Botschafter um Hilfe gebeten. «Dies ist eine dringende Angelegenheit, die die Aufmerksamkeit von ranghohen Politikern erregen sollte, sodass sie erfolgreich gelöst werden kann», schrieb der Funktionär. Er fordere, dass Peng Shuai das Land verlassen oder in einer Telefonkonferenz allein mit ihm reden könne.

Auch Federer sorgt sich

Nachdem sich bereits Stars wie Serena Williams und Naomi Osaka besorgt über Peng Shuai geäussert hatten, haben zuletzt auch Roger Federer und Novak Djokovic das Wort ergriffen. «Diese Nachrichten sind schon sehr beunruhigend. Ich hoffe, sie ist sicher. Die Tennisfamilie steht zusammen», sagte der 40-jährige Schweizer. «Ich hoffe sehr, dass es ihr gut geht.»

Djokovic befürwortete, dass die WTA mit ihrem Rückzug aus China droht. «Ich unterstütze die Stellungnahme der WTA als Organisation und auch ihren Präsidenten völlig», sagte der 34-jährige Serbe bei den ATP-Finals in Turin. Es wäre «ein bisschen merkwürdig», sagte Djokovic, wenn die Situation nicht gelöst sei und man Turniere in China austrage. Bisher sind dies alles Worte. Letztlich werden sich alle Beteiligten an ihren Taten messen lassen müssen.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) reagierte derweil sehr reserviert auf den Fall. «Das IOC schätzt die von so vielen Athleten und Nationalen Olympischen Komitees geäusserten Bedenken. Wir begrüssen auch die Unterstützung der IOC-Athletenkommission für unseren stillen diplomatischen Ansatz», teilte ein Sprecher mit. Dies bedeute, dass man den offenen Dialog mit der olympischen Bewegung in China auf allen Ebenen fortsetzen werde.

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(dpa/hua)

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