Aktualisiert 25.10.2015 10:16

Kanton ZürichImmer weniger Schüler bleiben sitzen

Der Anteil der Schüler, die eine Klasse repetieren müssen, geht im Kanton Zürich zurück. Dafür müssen immer mehr Knaben den Kindergarten wiederholen.

von
chi
Weniger Klassenwiederholungen im Kanton Zürich: Ein Zürcher Primarschüler.

Weniger Klassenwiederholungen im Kanton Zürich: Ein Zürcher Primarschüler.

Früher üblich, heute die Ausnahme: Überforderte, schwache und langsame Schüler müssen kaum mehr eine Klasse wiederholen. «Die Erkenntnis hat sich durchgesetzt, dass eine Repetition mittelfristig meistens nichts bringt», sagt Sybille Bayard von der Bildungsdirektion des Kantons Zürich gegenüber der «NZZ am Sonntag».

Bayard hat die Repetitionsquote in der Zürcher Volksschule vom Kindergarten bis zur Oberstufe untersucht und festgestellt, dass sich diese seit 2001 mehr als halbiert hat: von 2,8 Prozent auf 1,3 Prozent pro Jahr. Ein Grund für diesen Rückgang ist der Trend zur Integration. Einschulungs-, Aufnahme- und Kleinklassen wurden im Kanton Zürich weitgehend abgeschafft. «Die Heterogenität der Klassen hat dadurch zugenommen», sagt Bayard. Heute versuche man, schwache Schüler mit Stütz- und Fördermassnahmen in der Klasse zu halten und bei Bedarf die Lernziele anzupassen.

Zusatzaufwand für die Schule

Lilo Lätzsch, Präsidentin des Zürcher Lehrerverbands, äussert sich gegenüber der «NZZ am Sonntag» positiv über diese Entwicklung: «Es gibt nur wenige Fälle, in denen eine Repetition aus pädagogischer Sicht sinnvoll ist.» Schwache Schüler müssten gefördert und nicht zurückversetzt werden, sagt sie. Auch Urs Moser vom Institut für Bildungsevaluation bestätigt der Zeitung: «Bezogen auf die messbare Schulleistung ist das positiv zu werten.» Zugleich räumt er ein, dass die Integration für die Schule auch einen Mehraufwand bedeute.

Der Trend zur Integration zeichnet sich auch im Ausland ab: In Österreich und einigen deutschen Bundesländern plant man sogar ein allgemeines Verbot von Repetitionen. Dies geht Jürg Brühlmann vom Schweizer Lehrerverband (LCH) zu weit. «Als begründete pädagogische Einzelmassnahme soll eine Klassenwiederholung oder längere Verweildauer weiterhin möglich sein, weil es immer wieder gute Gründe und Beispiele dafür gibt, dass Kinder Lernrückstände erfolgreich aufholen können», heisst es in einem Positionspapier der LCH.

Mehr Repetitionen im Kindergarten

Sind die Wiederholungen im Kanton Zürich generell rückläufig, so nehmen sie in einem Bereich dennoch zu: Die Anzahl der Knaben, die nach den zwei obligatorischen Kindergartenjahren ein drittes anhängen müssen, hat sich von 1,6 auf 2,9 Prozent fast verdoppelt. Bei den Mädchen hingegen hat sich der Anteil nach anfänglichem Anstieg wieder auf die ursprünglichen 1,5 Prozent reduziert.

Eine Erklärung für diese Entwicklung sieht Bayard im Trend zur frühzeitigen Einschulung. Seit 2006 ist es möglich, auch Kinder in den Kindergarten zu schicken, die dafür bis zu drei Monate zu jung sind. Vermutlich seien einige von ihnen nach zwei Jahren noch nicht reif genug für die Schule.

Tendenz eher noch steigend

Dies bestätigt auch Brigitte Fleuti, Präsidentin des Verbands Kindergarten Zürich. Vor allem Buben seien betroffen. «Sie brauchen tendenziell länger in ihrer Entwicklung als Mädchen», erklärt sie in der «NZZ am Sonntag». Sie befürchtet ausserdem eine Zunahme der Anzahl Knaben, die im Kindergarten eine «Ehrenrunde» einlegen müssen. Denn bis 2020 soll die Einschulung im Rahmen der Harmonisierung des Eintrittsdatums in der ganzen Schweiz von Ende April auf Ende Juli verlegt werden.

«Tendenziell wird es mehr überforderte Kinder im Kindergarten geben», sagt Fleuti. Man würde diese Kinder besser erst ein Jahr später einschulen, doch dies sei vom Volksschulamt nicht erwünscht.

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